APA - Austria Presse Agentur

US-Trio Health spielte in der Wiener Arena

Als ob man mit dem Vorschlaghammer in die Disco geht: Das US-Trio Health zelebrierte Dienstagabend seine Version von harter, dabei aber tanzbarer Musik in der Wiener Arena. Ist schon der Sound dieser Band ob seiner Vielschichtigkeit nur schwer irgendwo einzuordnen, stand dem die Performance selbst in nichts nach. Rockstarposen trafen auf melancholische Verschlossenheit.

Letzteres hat sich zum Glück nicht auf das Publikum in der Halle übertragen. Ganz im Gegenteil zeigte sich dieses von der ersten Sekunde an begeistert von dem, was Sänger und Gitarrist Jake Duzsik, Drummer Benjamin Jared Miller sowie Bassist und Knöpfchendreher John Famiglietti auf der Bühne abfeuerten. Seit bald 15 Jahren stehen diese Namen für anspruchsvollen Noise, der sich nach den eher chaotischen Anfangstagen zuletzt in eine groovige Richtung mit herbem Metaleinschlag entwickelt hat.

Jüngstes Beispiel dafür ist die vor wenigen Tagen erschienene Platte "Vol. 4: Slaves of Fear", auf der nicht nur Einflüsse wie die Nine Inch Nails durchschimmern, sondern auch der exzentrischen Seite von Trip-Hop Rechnung getragen wird. Das mündete etwa in "Feel Nothing", einem spät gesetzten Highlight, das auf einem kalt gezimmerten Beat Duzsiks leicht entrückt wirkende Stimme mit einer Ohrwurmmelodie kreuzte und so etwas wie die Health-Version eines Radiohits darstellte.

Gleichzeitig ist vieles auf diesem neuen Album härter, als man es von Health bisher gewohnt war. "Die Entwicklung unseres Sounds ging immer schrittweise", rekapitulierte Famiglietti vor dem Auftritt im APA-Gespräch. So habe der Vorgänger "Death Magic" aus seiner Sicht "zwar die bisher größte Veränderung für uns gebracht. Aber seitdem geht es in diese Richtung weiter, ergänzen wir unser Vokabular. Gleichzeitig ist 'Vol. 4' auch eine Anerkennung unserer früherer Arbeiten." Damals stand die Lust am zügellosen Lärm ganz im Vordergrund, nun wird sie mit Melodie und Nachvollziehbarkeit vereint.

Dass diese Kombination live aufgeht, ist zu einem Gutteil auch Miller zu verdanken, der zwar wie ein Derwisch auf sein Drumset einprügelte, aber dies mit beeindruckender Präzision tat. Selbst bei scheinbar nebenbei eingestreuten Zwischenspielen musste man zweimal hinschauen und -hören, um einen Schlagzeugcomputer auszuschließen. Was allerdings nicht bedeutet, dass sein Spiel eine klinische Sterilität auszeichnete. Vielmehr ging es um die Vermählung der kühlen Ästhetik von Industrial mit typischer Metal-Härte. Und der gelegentliche Discobeat durfte natürlich nicht fehlen.

Was die Bandbreite Healths noch einmal verdeutlichte. "Wir haben ja eigentlich kein Genre", so Famiglietti. "Begonnen haben wir in der Noise-Szene von Los Angeles, aber mit unserem eigenen Dreh. Dort gab es eine sehr unprätentiöse Sichtweise auf viele Avantgarde-Konzepte, was uns sehr inspiriert hat." Keine Grenzen, alles zulassen - das lässt sich jedenfalls auch im Jahr 2019 für diese Band als charakteristisch festhalten. Gerade dann, wenn der Bassist selbst im Dio-Shirt seine Black-Sabbath-Liebe zum Ausdruck brachte, während er die langen Haare kreisen ließ und an der kleinen Schaltzentralen zu seinen Füßen kurze, liebliche Momente mit ohrenbetäubenden Lärmattacken konterkarierte.

An klassisches Songwriting ist bei solchen Ergebnissen nicht zu denken, wie Famiglietti bestätigte. "Das ist doch sehr konzeptuell bei uns, wir haben einen ziemlich verkopften Zugang. Man kann sich das so vorstellen: Ich komme mit einem Blatt Papier zu den anderen, darauf gibt es aber keine klassische Notation oder Ähnliches. Es stehen nur ein paar Wörter darauf mit Pfeilen dazwischen. Und dann sagen wir uns: Das machen wir! Wir müssen also einen Weg finden, diese abstrakten Angaben in Musik auszudrücken."

Wenn dabei Dinge wie etwa "We Are Water", der heimliche Hit des Trios vom 2009er-Album "Get Color", entstehen, muss man sich sagen: Es ist jedenfalls ein lohnender Weg. Duzsiks Zurückgezogenheit und scheinbar selbstvergessenes Gitarrenspiel waren jedenfalls ebenso beeindruckend wie der energetische Gegensatz seiner Kollegen. Health bieten in dieser Form für viele Bedürfnisse ein dankbares Vehikel: Kathartischer Krach trifft auf verträumte Melodie trifft auf geradlinigen Groove - um dann durch den Fleischwolf gedreht zu werden. Man kann nur auf eine baldige Wiederholung hoffen.

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