Welt-Autismus-Tag: Woran kann man Autismus beim Kind erkennen?

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Expertin erklärt: So sieht der Alltag von autistischen Kindern aus

Wie macht sich Autismus bei Kindern und Jugendlichen bemerkbar und wie bewältigen sie ihren Alltag? Wir haben eine Expertin gefragt.
Monika Kässer

Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag: "Not Invisible" (nicht unsichtbar) lautet das diesjährige Motto. Was genau ist eigentlich Autismus und wie macht er sich bemerkbar? 

Vielleicht kommt einigen Menschen der bekannte autistische Künstler Stephen Wiltshire in den Sinn. Schon öfter gab es auf Galileo, Spiegel und Co. Berichte über den Briten, der aufgrund einer sogenannten Inselbegabung mit seinen Panoramaansichten von Städten berühmt wurde. Dank seines fotografischen Gedächtnisses reicht ein kurzer Flug mit dem Helikopter über Mexiko-Stadt, um anschließend das Abbild der Skyline realitätsgetreu mit einem Stift auf Papier zu bringen. 

Doch das ist nur eine der vielen Facetten von Autismus, wie uns Ergotherapeutin Christina Kässer im Interview erklärt. Sie arbeitet im Wiener Autismus-Therapiezentrum des Ambulatoriums VKKJ mit autistischen Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 16 Jahren.

Was ist Autismus?

Man spricht mittlerweile von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS), die eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung und weder eine Krankheit noch eine Behinderung darstellt, erklärt Kässer. Die Störung ist zwar nach aktuellem Stand nicht heilbar, jedoch durch verschiedene Therapieformen und pädagogische Förderung gut behandelbar, sodass der Alltag von autistischen Personen erleichtert wird. 

Für die konkreten Ursachen gibt es noch keine allgemein anerkannte Erklärung: "Das Problem ist, dass nicht bekannt ist, woher diese Störung wirklich kommt. Man weiß, dass genetische Faktoren sowie Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, aber ein direkter Grund ist bis heute nicht erforscht."

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Welche Formen des Autismus gibt es?

"Es gibt den Autismus, der wohl vielen Menschen etwas sagt, dabei handelt es sich um den Asperger-Autismus. Das sind Autist:innen, die auch hin und wieder im TV gezeigt werden, oft hochintelligent sind und spezielle Begabungen aufweisen. Diese Menschen sind meist gut integriert, können arbeiten, aber haben in der Regel im Sozialen sowie in der Kommunikation ihre Schwierigkeiten." 

Kässer nennt als weitere Form den frühkindlichen Autismus. "Dieser geht häufig mit weiteren Entwicklungsverzögerungen und Beeinträchtigungen einher." Die Expertin erwähnt zudem noch den atypischen Autismus: Hierbei steht eine Behinderung im Vordergrund, der Autismus tritt als Begleiterscheinung auf.

Was sind die Symptome dieser Störung?

Beim frühkindlichen Autismus zeigen sich die Anzeichen bereits vor dem 3. Lebensjahr. Die Entwicklungsstörungen und damit einhergehenden Defizite sind laut "Netdoktor" vor allem in folgenden Bereichen erkennbar und unterschiedlich stark ausgeprägt: 

  • Im sozialen Umgang mit anderen Menschen (zum Beispiel beim Aufbau und der Pflege von Beziehungen)
  • In der sprachlichen und nonverbalen Kommunikation (was beispielsweise Blickkontakt oder Körpersprache anbelangt)
  • Wiederholende und stereotype Verhaltensweisen
  • Eher wenige, aber spezielle Interessen

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Herausforderungen im Alltag

Diese Anzeichen machen sich auch in der Arbeit von Christina Kässer bemerkbar. Die Ergotherapeutin holt die zu therapierenden Kinder und Jugendlichen aus der angrenzenden Schule. "Viele Kinder brauchen dabei Begleitung, auch wenn sie schon älter sind, weil die Gefahr viel zu groß ist, dass sie weglaufen, wenn sie beispielsweise ein vom Baum herunterfallendes Blatt entdeckt haben und dadurch abgelenkt wurden." Insbesondere bei Personen mit einer schwereren Form des Autismus würde oft die Orientierung fehlen, erklärt die Ergotherapeutin. 

Ihre Therapieeinheiten muss sie individuell an jedes Kind anpassen, da sie unterschiedliche Förderungen benötigen: "Ich habe derzeit ein 7-jähriges autistisches Kind, das ein Puzzle mit tausend Teilen in knapp 50 Minuten fertigstellen, sich aber nicht die Schuhe binden oder anziehen kann. Genau darin besteht die Herausforderung meiner Arbeit." 

Zum Vergleich: Selbst geübte Puzzler:innen benötigen für ein 1000-Teile-Puzzle um die vier Stunden, während Anfänger:innen gut 20 Stunden brauchen, um es zu lösen.

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Schwierig sei es, den Betroffenen den Alltag nahezubringen. Bei Kindern, die nicht sprechen können, nutzt sie Bildkarten, um mit ihnen zu kommunizieren. Zu dem Alltagstraining zählen ganz banale Dinge wie beispielsweise Anziehtraining, Schultasche packen, Jausenbox auf- und zumachen oder das Heft herausholen. Dabei machen sich auch oft Zwänge bemerkbar: "Manche müssen die Wand beim Vorbeigehen berühren und werden aggressiv, wenn sie davon abgehalten werden. Bei anderen muss in jeder Einheit ein bestimmtes Buch auf dem Tisch liegen." 

Alltag oft von Zwängen begleitet

Kässer betont, dass dabei viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Läuft etwas nicht nach Plan oder befinden sich Gegenstände nicht dort, wo sie in den Augen der Kinder und Jugendlichen hingehören, kann das zu impulsiven Reaktionen wie Beschimpfungen, Selbstverletzungen oder Schreien führen und zudem den ganzen Tag durcheinander bringen. 

"Eines meiner Therapiekinder muss am Tag genau 10.000 Schritte machen. Diese Grenze darf es nicht unter-, aber auch nicht überschreiten. Sind die 10.000 Schritte noch nicht voll, geht das Kind im Zimmer so viele Runden, bis die Marke geknackt wurde. So kann man sich beispielsweise einen Zwang vorstellen", erklärt die Ergotherapeutin. 

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Es braucht mehr Toleranz und Präsenz

Die psychische als auch körperliche Belastung ist für Personen, die in diesem Bereich arbeiten, nicht zu unterschätzen, betont Christina Kässer. Ihr ist es ein großes Anliegen, mehr Bewusstsein für die Autismus-Spektrum-Störung zu schaffen, denn sie sieht es problematisch, "dass die Gesellschaft immer noch verlangt, dass alle Kinder, Jugendliche oder Menschen allgemein in die Gesellschaft reinpassen müssen. Am besten nicht auffällig sein, am besten mit dem Strom mitschwimmen. Und wenn dann eine Person nicht in das Schema hineinpasst und durch ihr Verhalten auffällt, wird das sofort als Störung wahrgenommen. Da würde ich mir viel, viel mehr Toleranz wünschen und auch, dass mehr darüber berichtet wird."

Als Beispiel nennt sie abschließend folgendes Szenario: Ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung, das in der Straßenbahn plötzlich schrill zu schreien beginnt und nervös zappelt, weil die Bim Verspätung hatte. Sowohl für die Eltern als auch für das Kind eine enorme Stresssituation. "Beobachten und eingreifen, wenn eine Situation gefährlich wird, ja, aber bitte nicht böse hinstarren oder gar mit dem Finger auf Eltern und Kind zeigen." Im Zweifelsfall einfach mal nachfragen, rät Kässer.