Michael Windisch

Auf einen Kaffee mit einem schwulen Pfarrer

In der evangelischen Kirche wird noch über die Frage, ob homosexuelle Paare getraut werden dürfen, diskutiert. Für den niederösterreichischen Superintendenten Lars Müller-Marienburg ist die Antwort klar.

12:40 Uhr, Café Westend. Lars Müller-Marienburg schaut auf seine Uhr, als ob er sie stoppen würde, denn bis zum nächsten Termin bleibt ihm noch genau eine Stunde. Er ist als Vertreter der evangelischen Kirche zum ersten Treff für Senioren der LGBTIQ-Community eingeladen. Lars Müller-Marienburg ist ein gefragter Gast, auch das mediale Interesse ist in den letzten Monaten gestiegen. 2016 wurde er zum Superintendanten (vergleichbar mit einem katholischen Bischof) der Evangelischen Superintendenz A.B. Niederösterreich gewählt. Das wäre nicht weiter "aufsehenerregend". Müller-Marienburg ist aber schwul und genau das hat Buzz geschaffen. Dieser hält nach wie vor an.

Ein Artikel, der Anfang November 2018 auf Vice erschienen ist, habe dazu beigetragen. "Dass ich schwul bin, hat keinen Neuigkeitswert. Der ORF hat bei meiner Amtseinführung vor zwei Jahren bereits darübergeschrieben. Womöglich lesen die Leute nicht, was der ORF schreibt", lacht der Theologe. Das Jugendmagazin ist aber nicht das einzige Medium. Am Tag vor diesem Treffen war er bei Barbara Stöckl im ORF. Er sei immer offen mit seiner Homosexualität umgegangen und hatte deswegen keine wirklichen Probleme. Doch das hat sich geändert. Es gibt keine Drohungen gegen ihn, aber der Ton einiger Gemeindemitglieder habe sich verschärft. "In einem kleinen Segment habe ich Aggressionen gegen mich mitbekommen", erzählt Lars Müller-Marienburg.

Keine hochhackigen Schuhe

Im Vice-Artikel sprach der Superintendent darüber, dass er in Wien auch in Schwulenbars gehen würde. Das hätte nicht allen Gemeindemitgliedern der Kirche gefallen. "Bei Pfarrern ist es völlig in Ordnung, dass sie bei Zeltfesten saufen können, während es bei mir problematisch ist, wenn ich sage, dass ich Schwulenbars besuche. Obwohl sich die Bars nicht wesentlich von dem Café hier unterscheiden", erzählt Müller-Marienburg. Die Menschen würden zwar Homosexualität akzeptieren, aber gleichzeitig hoffen sie, dass man es einem Schwulen nicht wirklich anmerkt, erklärt der Geistliche. "Schwul sein bedeutet nicht, dass ich mit hochhackigen Schuhen herumlaufe", sagt Müller-Marienburg. Er mag Anzüge. Mit Vollbart, Hornbrille, einem karierten Hemd und dem dunkeln Blazer wirkt er ohnehin wie ein Hipster. Lediglich der weiße Kragen verrät seine wahre Berufung. Dass sich der Superintendent im Straßenbild von der Mehrheitsgesellschaft nicht abhebe, sei seine Entscheidung.

Erst durch sein Coming-out habe er das Konzept von Religion verstanden. "Mir ist dann erst bewusst geworden, dass ich mich selbst so akzeptieren muss wie ich bin und dass ich von Gott geliebt werde", sagt Lars Müller-Marienburg. Er möchte der LGBTIQ-Community signalisieren, dass man ein normales Leben im Rahmen einer konservativen Organisation wie der Kirche führen kann.

Muss es Ehe heißen?

Seit dem 1. Jänner 2019 dürfen gleichgeschlechtliche Paare in Österreich heiraten. In der evangelisch-lutherischen Kirche wird noch diskutiert. Bisher herrscht zwischen GegnerInnen und BefürworterInnen Uneinigkeit. Am 9. März soll auf der Synode, also dem Kirchenparlament, eine endgültige Entscheidung gefällt werden. "Obwohl wir lange Gespräche führen, werfen manche dann die Frage auf, ob gleichgeschlechtliche Ehe auch wirklich 'Ehe' heißen muss. Nur Gott kann die Herzen ändern", erzählt Müller-Marienburg. Bisher haben gleichgeschlechtliche Paare Segnungen in Anspruch genommen. "Das waren etwa zehn Paare im Jahr. Es stellt sich die Frage, wie viele homosexuelle Paare sich wirklich kirchlich trauen lassen würden. Man tut so, als ob es einen Ansturm geben würde", sagt der Superintendent, sein Blick geradeaus zum Fenster gerichtet.

Mit der Trauung für Alle würde die Kirche zeigen, dass jeder in der Gemeinschaft willkommen ist. Inklusion im kirchlichen Rahmen wäre auf verschiedenen Ebenen wichtig. "Wenn man beispielsweise mehr Jugendliche in den Gottesdiensten haben möchte, dann sollte man auch die Musik spielen, die die jungen Menschen hören wollen", erklärt Müller-Marienburg. Die Kirche müsse sich aber ohnehin noch weiter öffnen. Sie sollte auch barrierefreier werden, damit RollstuhlfahrerInnen ungehindert die Gottesdienste besuchen könnten.

Im Pensionistenklub in der Gumpendorferstraße werden künftig regelmäßige Treffen für homosexuelle Senioren stattfinden.

k.at

Der erste Seniorentreff für Homosexuelle

Lars Müller-Marienburg schaut auf die Uhr: 13:40, noch zwanzig Minuten bis zur Veranstaltung, der Eröffnung des ersten Seniorentreffs für Homosexuelle im sechsten Wiener Gemeindebezirk. "Die Kirche hat der LGBTIQ-Community schlimme Dinge angetan, weshalb es wichtig ist, dass ich als Geistlicher anwesend bin, um ein Zeichen zu setzen“, erklärt Lars Müller-Marienburg.

14:00 Uhr, der Superintendent trifft pünktlich im Pensionistenclub in der Gumpendorfer Straße 117 ein. Die Regenbogenfahne hängt an der Wand und im Hintergrund läuft die Musik der Village People. Auch der Entertainer Alfons Haider, Autor und Moderator Günther Tolar sowie der Bezirksvorsteher Markus Rumelhart unterstützen das Treffen mit ihrer Anwesenheit. "Ich haben Sie gestern bei der Stöckl im ORF gesehen“, sagt eine Frau, die sich bei Lars Müller-Marienburg vorstellt. Er lächelt bescheiden. An die Aufmerksamkeit habe er sich mittlerweile gewöhnt.

Adisa Beganovic Quelle: k.at

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