APA - Austria Presse Agentur

Jessica Hausner: "Little Joe ist ein Bastard"

Mit "Little Joe", ihrem ersten englischsprachigen Film, ist der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner heuer ihr erstes Antreten beim Filmfestival in Cannes geglückt. Hauptdarstellerin Emily Beecham holte dort den Preis für die beste Darstellerin. Mit der APA sprach Hausner nun über das Spiel jenseits des Naturalismus, ihren Film als Bastard und die Frage, ob Menschen die Wahrheit sagen.

APA: Frau Hausner, Ihr Film "Little Joe" hatte im Mai in Cannes Premiere. Wie schwer ist es, Ihre Konzentration noch einmal auf einen Film zu lenken, der eigentlich abgeschlossen ist?

Jessica Hausner: Die jetzige Phase ist wie der letzte Schritt im ganzen Prozess des Filmemachens. Es ist auch für mich noch einmal die Gelegenheit, über das, was ich gemacht habe, nachzudenken. Die Interviews sind eine Chance zur Reflexion. Ich muss noch einmal neu formulieren, um was es mir geht.

APA: Die Kritiken in Cannes hatten einer große Bandbreite - vom Lob für Ihr Formbewusstsein bis zum Vorwurf, keine wirkliche Narration zu bieten. "Geschmackloser Europudding" war ebenso zu lesen wie die Frage: "Was hat sie gegen den Einsatz von Psychopharmaka?" Wie haben Sie die Reaktionen erlebt?

Hausner: Ich lese nicht so viel, was über meinen Film geschrieben wird, ich höre lieber auf das Publikum. In Cannes hatte ich bei der Premiere das Gefühl, dass man sehr wohl mitgegangen ist und an den richtigen Stellen gelacht hat. Es war eine Mischung aus erleichtertem und erschrockenem Lachen. Das fand ich gut, so war der Film auch beabsichtigt. Es ist klar, dass ein Film, der Interpretationsspielraum lässt, auch unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Darauf bin ich gefasst. Manche fühlen sich von diesem Spielraum, der ihnen eine eigene Entscheidung ermöglicht, belästigt, andere genießen das und spielen mit.

APA: Bei der Pressekonferenz in Cannes haben Sie gesagt: Mein Film ist nicht naturalistisch, er ist nicht einmal realistisch - er ist stylish. Ihre Filme waren schon immer sehr geprägt von der Ästhetik. Sind Sie in "Little Joe" dabei noch weiter gegangen als bisher?

Hausner: Ja, dieser Film war tatsächlich noch ein Schritt weiter für mich. Am ehesten ist er vielleicht surrealistisch. Das ist ein Begriff, der lustigerweise auch für Fantasyfilm verwendet wird, wobei ich nicht glaube, dass "Little Joe" hundertprozentig ein Fantasyfilm ist. Er ist ein Bastard, eine Mischung aus verschiedenen Genres und Nicht-Genres. Ich denke, dass das für mich ein entscheidender Schritt war, weil die Ästhetik, die ich verwende, genau darauf hinauswill: eine surreale Welt zu erschaffen, in der eigenen Regeln gelten. Diese sind natürlich ein Echo auf die Regeln unserer Gesellschaft, die aber dadurch mehr mit Ironie und Humor zu lesen sind.

APA: Das Augenzwinkern war für mich auch ein Teil des Schauspielstils. Manchmal scheinen sich die Figuren bei ihrem Spiel zuzuschauen. Emily Beecham hat sich mit dieser sehr speziellen Spielweise in Cannes gegen alle großen Konkurrentinnen durchgesetzt und den Schauspielerinnenpreis erhalten...

Hausner: Ich finde es eigentlich ein sehr authentisches Schauspiel, das aber von einer rigiden Inszenierung kontrastiert wird. Im Zwiespalt zwischen Schauspiel und Inszenierung entsteht eine komische Lücke, die es ungewöhnlich macht. Ich finde die herkömmliche Art, das darzustellen, was man empfindet, ziemlich langweilig. Viel interessanter finde ich, das Gegenteil darzustellen und den Zuschauer raten zu lassen. Das entspricht auch viel mehr meiner Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wer sagt schon die Wahrheit?

APA: Umgekehrt haben die Schauspieler berichtet, sie hätten Sie immer wieder vergeblich um Orientierung für ihre Figuren ersucht: Bin ich jetzt von Little Joes Virus infiziert oder nicht?

Hauner: Das war ja der Witz an der ganzen Sache: Man spielt mit einer gewissen Erwartungshaltung und mit der Bereitschaft des Zuschauers, an etwas zu glauben. Der Film beginnt wie ein normaler Sci-Fi-Thriller und überlässt dann dem Zuschauer ein Sammelsurium verschiedener Möglichkeiten und Wahrheiten, die alle stimmen. Wir haben immer mehrere Varianten gedreht: Sozusagen mehr infiziert, weniger infiziert, gar nicht infiziert. Beim Schnitt habe ich dann letztlich immer die am wenigsten infizierte Variante genommen. Bei Testscreenings haben wir herausgefunden, wie stark der Wunsch des Zuschauers ist, daran zu glauben, dass dieser Virus die Menschen infiziert hat. Also musste ich stark in die andere Richtung lenken, um doch noch ein paar Lücken offen zu lassen.

APA: Sie haben mehrfach gesagt: Es ist kein Film über Gentechnologie.

Hausner: Was ich sagen wollte: Es ist kein Gentechnik-Thriller. Natürlich geht es auch um Gentechnologie, aber das wäre zu eng gefasst. Der Film benutzt das Thema, um sich mit existenziellen menschlichen Fragen zu beschäftigen. Wie weit habe ich mein eigenes Schicksal im Griff? Bin ich überhaupt in der Lage, in meinem Leben wirklich etwas zu beeinflussen? Oder bin ich ein Körnchen im Weltall, das durcheinandergeschüttelt wird von den Ereignissen?

APA: Wie zufrieden sind Sie mit dem Endergebnis? Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

Hausner: Bei diesem Film war es ein besonders langer Weg. Über Drehbuch, Drehortsuche, Besetzung, Drehen und Schnitt bis zur Fertigstellung hat sich die Idee immer weiterentwickelt und angepasst. Von dem, was mir ganz am Anfang vorgeschwebt ist, sind 90 Prozent umgesetzt. Es wäre aber auch schade, wenn es 100 Prozent wären, denn durch diese Rest-Unzufriedenheit habe ich auch wieder die Motivation für ein neues Projekt.

APA: Hat die erste Phase für Ihren nächsten Film bereits begonnen?

Hausner: Ja, die beginnt oft schon während der Fertigstellung eines Filmes. Da melden sich alle Gedanken, die nicht Eingang gefunden haben, in dieses Projekt. Es ist noch im Stadium eines ersten Exposes. Aber es interessiert mich wieder die Wandelbarkeit von Persönlichkeiten. Es wird um eine Sekte gehen, um ein Beispiel dafür, wie sich Menschen alleine durch Gedankenmanipulation komplett verwandeln können.

APA: "Little Joe" war Ihr erster englischsprachiger Film. Hat die Wahl der anderen Sprache auch eine anderen Markt für Ihren Film und für Ihre nächsten Projekte eröffnet?

Hausner: Die englische Sprache hat mir jedenfalls geholfen, den Schritt in eine etwas abstraktere, surreale Welt zu gehen. Wie erfolgreich er sein wird, werden wir erst sehen, denn die Kinostarts kommen erst. Man kann schon jetzt sagen, dass der Film in viele Länder verkauft wurde. Ich war auch bei einigen Festivaleinsätzen dabei, etwa in Shanghai. Die Reaktionen waren super. Ich war auch auf zwei Fantasy-Festivals, was auch interessant war, denn da ist ein jüngeres und überwiegend männliches Publikum, das auch sehr positiv reagiert hat. Der Film scheint auf einer emotionalen Ebene gut zu funktionieren. Und intellektuell kann man sowieso viel darüber sagen.

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