APA - Austria Presse Agentur

Es ist an der Zeit, Justin Timberlake zur Verantwortung zu ziehen

"Framing Britney Spears" ruft in Erinnerung, wie Justin Timberlake seine weiblichen Kolleginnen behandelt.

Die "New York Times"-Dokumentation "Framing Britney Spears" sorgt dieser Tage für vielerlei Gesprächsstoff. In erster Linie behandelt der einstündige Film die Vormundschaft, unter der die Pop-Ikone seit 2008 steht, er ruft aber auch in Erinnerung, wie oft – und von wem – Britney Spears im Laufe ihrer Karriere ungerecht behandelt wurde. Paparazzi, JournalistInnen, Familienmitglieder – oder eben Ex-Freunde. Allen voran Justin Timberlake, der nun (endlich) ins Kreuzfeuer der Kritik zahlreicher Fans gerät.

Für dich ausgesucht

"Framing Britney Spears" rekapituliert eine Zeit, die die meisten von uns erfolgreich verdrängt hatten. Die Macherinnen der Doku beleuchten dabei unter anderem die mediale Aufarbeitung der Trennung von Britney Spears und Justin Timberlake. Anfang 2002 verkündeten die beiden Superstars, die wegen ihrer Popularität oftmals als "amerikanisches Gegenstück zu den britischen Royals" bezeichnet wurden, das Ende ihrer Beziehung.

Die darauffolgende Berichterstattung war, gelinde gesagt, einseitig: Nachdem Fremdgehgerüchte laut geworden waren, wurde Britney Spears auf sämtlichen Titelseiten als Schuldtragende geächtet – sie war die Frau, die das Ende von Hollywoods Traumpaar alleinig zu verantworten hatte. Justin Timberlake, nobel wie eh und je, sprang ihr dabei nicht zur Seite – im Gegenteil: Er nutzte die mediale Stimmung gegen seine Ex zu seinem Vorteil. Er schrieb einen Song über ihre vermeintliche Untreue, drehte ein zugehöriges Musikvideo, in dem ein Britney-Double auftauchte, und protzte in Interviews damit, ihre Unschuld genommen zu haben. "Es war eine pure männliche Rache-Fantasie", so ein Kommentator in "Framing Britney Spears".

"Cry Me a River" wurde Justin Timberlakes erster großer Soloerfolg – und legte damit den Grundstein für eine Karriere, die auf dem Rücken einer vorgeführten Ex-Freundin aufgebaut wurde.

Jahre später inszeniert er sich mit "What Goes Around...Comes Around" erneut als Betrogener, der seiner Verflossenen nur das Schlechteste wünscht – und spielt damit der Boulevardpresse, die dahinter zwangsläufig wieder einen Song über seine berühmte Ex vermutet, bewusst in die Hände. 

Britney Spears ist jedoch nicht die einzige Frau, aus deren Leidwesen Justin Timberlake einen Vorteil zog.

Wir schreiben das Jahr 2004. Janet Jackson wird auserkoren, die Super-Bowl-Halbzeitshow zu spielen – eine Ehre, die in den Jahren zuvor Größen wie Diana Ross, U2 oder Aerosmith zuteil wurde. In den USA ist Janet Jackson zu diesem Zeitpunkt eine waschechte Ikone, neben Madonna gilt sie als erfolgreichster weiblicher Popstar ihrer Zeit. Den krönenden Abschluss ihrer Performance bildet eine gemeinsame Performance mit Justin Timberlake, der gerade am Anfang seiner Solokarriere steht.

Was am Ende des Auftritts passiert, geht als Nipplegate in die Pop-Geschichtsbücher ein. Während der letzten, von Justin Timberlake gesungenen Zeile "Bet I'll have you naked by the end of this song" reißt er an Janet Jacksons Oberteil und entblößt damit für den Bruchteil einer Sekunde ihre rechte Brust. (Die erhöhten Suchanfragen zu dem Vorfall führen im Internet letztendlich zur Entstehung einer eigenen Video-Plattform namens YouTube.)

Was genau beim Nipplegate passierte – ob es tatsächlich ein Unfall, beabsichtigt oder eine Mischung aus beidem war –, wurde nie wirklich geklärt, ist angesichts der Tatsache, dass die nackte Brust einer Frau ohnehin nicht skandalträchtig sein sollte, aber ohnehin egal. Nicht egal ist, was nach dem Super Bowl passierte – und wer die Konsequenzen tragen durfte.

Janet Jackson wird auf die schwarze Liste der Mediengruppe Viacom gesetzt, ihre Videos laufen nicht mehr im Musikfernsehen, Radiosender spielen ihre Songs nicht mehr. Der Fernsehsender CBS drängt sie zu einer öffentlichen Entschuldigung, in der sie den Vorfall auf ihre Kappe nehmen muss. Von der Grammy-Verleihung, die eine Woche später stattfindet, wird sie ausgeladen. Justin Timberlake – der aktive Part der Brust-Entblößung – darf zur Zeremonie erscheinen und wird dort mit zwei Preisen ausgezeichnet. Während einer Dankesrede entschuldigt er sich flüchtig für das, "was passiert ist", verpasst es jedoch, auch nur ansatzweise für Janet Jackson einzustehen.

Erst 2006 räumt Timberlake in einem Interview mit MTV ein, dass Janet Jackson nach dem Vorfall unfair behandelt wurde, macht im selben Atemzug aber nicht sein eigenes Schweigen, sondern ganz Amerika dafür verantwortlich. "Ich habe wahrscheinlich nur 10 Prozent der Schuld abbekommen – und das sagt etwas über unsere Gesellschaft aus", so Timberlake. "Ich glaube, Amerika ist strenger mit Frauen. Und ich glaube, Amerika ist, ihr wisst schon, strenger mit ethnischen Menschen."

14 Jahre nach Nipplegate wird Justin Timberlake, der inzwischen als einer der erfolgreichsten Solokünstler der Welt gilt, selbst zum Headliner der Super-Bowl-Halbzeitshow ernannt. Janet Jacksons Karriere konnte sich nie wieder erholen.

Im Zuge der aktuellen Spears-Dokumentation erinnern Fans auf Social Media nur allzu gern an weitere Situationen, in denen Timberlake mit schäbigem Verhalten ungeschoren davonkam: Als er 2020 seiner Duett-Partnerin SZA beim Interview mit Ellen DeGeneres mehrmals ins Wort fiel und dabei einen "Blaccent" aufsetzte, als er ein Instagram-Posting über die #TimesUp-Bewegung gegen sexuelle Belästigung dazu nutzte, um zu beteuern, wie heiß seine Frau aussieht, oder als er 2018 Konzertreihen in Las Vegas als Vorstufe zum Ruhestand bezeichnete – und damit mal wieder unterschwellig gegen Britney Spears stichelte, die zu diesem Zeitpunkt eine der erfolgreichsten Vegas-Shows aller Zeiten spielte.

Justin Timberlakes Instagram-Kanal wird dieser Tage von aufgebrachten Fans geflutet. "#FreeBritney", "Lasst uns nicht vergessen, was er Janet angetan hat", "Jemand ist auffällig still seitdem ein gewisse Doku veröffentlicht wurde", "Entschuldige dich", ist in den Kommentarspalten unter seinen jüngsten Postings zu lesen.

2021 sehen wir vieles anders, klarer als Anfang der Nullerjahre – oftmals bemerken wir erst rückblickend betrachtet, wie ungerecht der öffentliche Umgang mit einer Person war, und wie andere dazu beigetragen haben, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Oft braucht es eine kurze Gedächtnisauffrischung, um uns daran zu erinnern, was in der Vergangenheit falsch lief, damit wir es in Zukunft besser wissen. "Framing Britney Spears" ist diese Auffrischung. Und während das hier kein Aufruf dazu sein soll, Justin Timberlake zu canceln, sollte man in Anbetracht unseres heutigen Bewusstseins dennoch in Frage stellen, ob er der coolste Typ der Welt ist.