Alexandra Gavillet

Lewis Capaldi und der Siegeszug der Gewöhnlichkeit

Auf Instagram ist Lewis Capaldi ein selbstironischer Scherzkeks, auf seinem Debüt-Album ein Sad Boy mit gebrochenem Herzen.

Leider ist Lewis Capaldi ein sehr zeitgemäßer Popstar. Der 22-jährige Schotte hat verstanden, wie man im Internet auf sich aufmerksam macht: Seine Instagram-Storys widmen sich verstopften Hotelklos, auf Werbetafeln in Londoner U-Bahn-Stationen nennt er sich "The Scottish Beyoncé", er photobombt gerne mal Interviews auf roten Teppichen, trägt ironisch viel zu kleine Sonnenbrillen und scheint generell ein ziemlich komischer Kauz zu sein. Kurz gesagt: Der Typ ist ein wandelndes Meme.

In starkem Kontrast zu seiner Präsenz auf Social Media steht seine Musik. Während der Titel seines Debütalbums "Divinely Uninspired To A Hellish Extent" ja noch ganz gut zu der selbstironischen Scherzkeks-Persona passt, erlebt man in seinen Songs plötzlich einen archetypischen Sad Boy mit Liebeskummer. Und wir reden dabei nicht von den üblichen zwei bis drei Break-up-Hymnen – das hier ist ein gesalzenes Herzschmerz-Epos, mindestens so jämmerlich wie Adeles "21" oder Sam Smiths "In The Lonely Hour".

Wirklich spannend an Lewis Capaldi ist aber seine Gewöhnlichkeit. Die Ära der unnahbaren Superstars scheint – mit Ausnahme von Beyoncé, für die sowieso nie irgendwelche Regeln gelten – vorbei. Heute sind es vielmehr menschliche Flanellhemden wie Ed Sheeran, die ohne einen Funken Star-Appeal ganze Stadien füllen.

Lewis Capaldi selbst sagt gegenüber der BBC: "2019 wollen die Leute einfach wissen, wo ihr Zeugs herkommt." Und so wie die Menschen wissen möchten, ob ihr Fleisch Bio ist, möchten sie auch wissen, woher ihre Lieblingssongs kommen. Ob sie genmanipuliert sind, oder ob sie von einer Person stammen, die mit verstopften Klos zu kämpfen hat und zum Internet-Witz des Tages wird, weil ein Bauer ihr Gesicht auf dem Fell einer Kuh entdeckt.

Wir leben im Zeitalter der Durchschnittlichkeit. Für Lewis Capaldi scheint sich das zu rentieren: In Großbritannien hat sich sein Album so schnell wie bislang kein anderes in diesem Jahr verkauft. Zu verdanken hat er das in erster Linie seinem Talent und seiner großen Stimme, ein bisschen aber auch seiner Nahbarkeit und seinem Meme-Potenzial. Davon kann man sich auch in Österreich bald überzeugen: Am 3. September kommt Lewis Capaldi in den Wiener Gasometer.

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