APA - Austria Presse Agentur

"Pistol" bei Disney+: Die Disneyfizierung der Sex Pistols

Die Geschichte der Sex Pistols wurde schon mehrmals erzählt, sei es als Tatsachenbericht oder als fiktiver "Rock 'n' Roll Swindle". Basierend auf den Memoiren von Gitarrist Steve Jones gingen die Macher der Miniserie "Pistol" - ab Mittwoch auf Disney+ - einen anderen Weg. "Wir wollten keine Dokumentation, sondern ein Drama drehen. Die Zuseher sollen dabei mitfühlen, was die Charaktere durchmachen", sagte Drehbuchautor und Showrunner Craig Pearce im Gespräch mit der APA.

Im Vorfeld sorgte Sänger Johnny Rotten alias John Lydon für Schlagzeilen, als er gegen die Verwendung der Musik der Sex Pistols in der sechsteiligen Serie (erfolglos) Einspruch erhob und sich dann darüber beschwerte, nicht in das Projekt involviert worden zu sein. Die Serie sei außerdem pure Fantasy. "Eigentlich war ich sehr froh darüber, dass er nicht begeistert war", betonte Pearce. "Sonst wäre er nicht der John Lydon, den ich kenne und liebe. Ich meine, ich hab' ihn zwar nicht persönlich, aber durch meine Recherchen trotzdem gut kennengelernt. Ich hatte beim Schreiben höchsten Respekt vor Johns Genialität. Aber er ist nun mal ein Provokateur, das ist Teil seiner Genialität und seines Mutes."

Man habe ja versucht, Lydon in das Projekt einzubeziehen, versicherte Pearce. "Aber wir sind nicht weiter als bis zu seinem Manager gekommen", erzählte er. "Erst als wir bereits mittendrin in den Dreharbeiten waren, hieß es von seiner Seite: 'Hey, warum habe ich nicht die Kontrolle über das Projekt?' So ist John eben." Nachsatz: "Ich hoffe, seine Fans werden anerkennen, dass wir ihn mit Respekt dargestellt haben, so wie sie ihn lieben."

Auf Tatsachen basierend, wird in "Pistol" hauptsächlich aus der Sicht von Jones die Story der Band als telegenes Drama aufbereitet. Die Charaktere sind überzeichnet und schrammen nur knapp daran vorbei, zu Punk-Karikaturen zu verkommen. "Die Leute sollen mit den Figuren fühlen, spüren, was sie durchmachen", so Pearce. "Die Balance zu finden, die persönlichen Geschichten all dieser unglaublichen Charaktere miteinander zu verflechten, das war die größte Herausforderung."

"Pistol" versucht die Atmosphäre Englands Anfang der 1970er greifbar zu machen. "Der gesellschaftliche Kontext ist für diese Geschichte sehr wichtig", sagte Pearce. "Nur wenn man die Umstände kennt, begreift man so richtig, wie revolutionär die Pistols waren. Punk war ja nicht nur Entertainment, sondern eine politische Bewegung. Das Establishment sah die Sex Pistols als Bedrohung. Diese Kids haben an den Toren des Palastes gerüttelt, metaphorisch gesprochen. Sie haben dem Establishment klar gemacht: 'Wir nehmen das nicht mehr hin! Wir zwingen euch, uns zuzuhören! Wir haben eine Stimme!'"

Das Gelingen des Projekts "Pistol" hing nicht zuletzt von den Darstellern ab, die Ikonen wie Rotten, Malcolm McLaren, Vivienne Westwood, Chrissie Hynde oder Sid Vicious verkörpern. Der Serienmacher hat viel Lob für die jungen Darsteller: "Sie haben selbst viel recherchiert und hart gearbeitet. In einem zweimonatigen Bandcamp übten die Schauspieler an ihren Instrumenten. Anson Boon bekam Gesangsunterricht und lernte, sich wie Lydon zu bewegen. Was man in der TV-Show hört, das haben sie live eingespielt. Es wurden nie nur die Lippen bewegt und anschließend die Musik hinzugefügt. Dadurch hat man das Gefühl, sie seien tatsächlich diese Leute, die sie verkörpern. Sie sind wirklich eine Band geworden, das spürt man."

Danny Boyle führte bei allen Episoden Regie, für Pearce brachte er die wichtigen Voraussetzungen mit: "Punk war für Danny sehr wichtig. Er hat das gleiche Alter wie Steve Jones. Außerdem kommt er ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie, wenn auch aus einer liebevollen. Die Pistols waren eine große Inspiration für Danny, sich künstlerisch auszudrücken."

Zur Historie der Sex Pistols gehören neben der kulturellen Revolution auch Gewalt und Drogen, "Pistol" zeigt sehr drastisch die dunkle Seite der Bandgeschichte. Dass diese Serie über eine Gruppe, die einst von den Bildschirmen verbannt und mit Auftrittsverbot belegt wurde, ausgerechnet auf Disney+ zu sehen ist, findet Pearce "eigentlich schräg". Zensur habe es keine gegeben: "Ich will jetzt nicht zum Fürsprecher der Micky Maus werden, aber sie haben sich nie eingemischt", lacht er.