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"Wir haben keine andere Wahl, als laut zu sein": Ein Besuch bei der Donnerstagsdemo

Wir waren beim sechsmonatigen Jubiläum der Donnerstagsdemos und haben mit den OrganisatorInnen und BesucherInnen gesprochen.

“Politisch sein muss nicht immer deprimierend sein”: Dieser Satz von Laura und Alisa, den beiden Mitgliedern des Organisationsteams der Donnerstagsdemos, mit denen wir am Donnerstagnachmittag des halbjährigen Demo-Jubiläums zum Interview im Café sitzen, könnte beinahe das inoffizielle Motto der Donnerstagsdemos sein.

Seit vergangenem Oktober treffen sich wöchentlich Menschen in den verschiedensten Ecken Wiens, um gemeinsam gegen die Schwarz-Blaue Regierung zu demonstrieren und zu zeigen, dass junge, politisch interessierte Menschen mehr können, als bei einem betroffenen Posting auf “Like” zu klicken.

Im Jahr 2000 wurden die ursprünglichen Donnerstagsdemonstrationen ins Leben gerufen, um gegen die Schwarz-Blaue Koalition unter Schweigekanzler 1.0, Wolfgang Schüssel, zu protestieren. Aus den Demos wurde eine Institution – bei der ersten Donnerstagsdemo in den von Protesten geprägten ersten Tagen von Schwarz-Blau I am 24. Februar 2000 nahmen 12.000 Menschen teil.

An diese Vorgeschichte wollten die MacherInnen der heutigen Demos anknüpfen – aber auf ihre eigene Art und Weise, wie sie im Gespräch mit k.at erzählen: “Im Sommer des letzten Jahres hat sich eine Gruppe aus unterschiedlichen Menschen zusammengefunden, die es satt hatte, dass es keine aktive Opposition gibt. Wir haben überlegt, was wir tun können – und haben uns für die Donnerstagsdemos entschieden, weil die eine Tradition in Österreich haben.”

20 bis 30 Menschen sind Teil der Organisationsgruppe, es gibt keine Hierarchien, jede und jeder hat ein gleichwertiges Stimmrecht. Zu Beginn seien zwar nicht alle von der Idee begeistert gewesen, man wollte es dennoch versuchen. “Zu Beginn wussten wir nicht, ob überhaupt drei Menschen kommen. Jetzt haben wir gelernt, dass es in Österreich eine Demo-Kultur geben kann”, erzählen Laura und Alisa. “Ich finde schön, dass man nicht nur von der Couch aus auf ‘Zusagen’ klickt, sondern dass sich der Aktivismus wieder mehr in den öffentlichen Raum verlagert hat”, so Laura weiter.

Laura & Alisa | k.at

Seitdem kommen auf den Demos verschiedenste Menschen zusammen. Sieht man sich unter den TeilnehmerInnen um, entsteht ein diverseres Bild, als man vielleicht erwarten würde: Alte Ehepaare, die Hand in Hand und mit Trillerpfeifen im Mund mit dem Demozug schlendern, Eltern mit Kindern, Hipster, Studierende, junge Erwachsene, Gruppen und einzelne Menschen. Zumindest was die Äußerlichkeiten betrifft, sind die BesucherInnen alles andere als homogen, lassen sich in keine Kategorie einordnen. Was sie verbindet, ist lediglich ihr positiver Vibe. Man merkt, dass die Menschen, die sich an diesem sonnigen Tag auf der Freyung einfinden, motiviert sind, froh sind, dass sie eine Möglichkeit haben, im echten Leben politisch aktiv zu werden.

Susanne Scholl, Mitbegründerin der mittlerweile über unsere Landesgrenzen bekannten Omas gegen Rechts, ist mit einer Gruppe Omas bei der Demo anwesend – wie jede Woche, wie sie gegenüber k.at erzählt: “Wir glauben, dass man nicht einfach nur daheim sitzen und wegschauen darf, sondern laut dagegen auftreten muss, was sich in diesem Land politisch abspielt. Wir sind alle Frauen mit einer gewissen Lebenserfahrung und wir wissen, welches Glück wir hatten, dass wir nach dem Krieg in einer gesicherten Demokratie aufwachsen konnten. Wir möchten, dass das auch für unsere Kinder gilt. Wir haben die Verpflichtung, für die Jungen, die bereit sind, auf die Straße zu gehen, da zu sein.”

Susanne Scholl von den Omas gegen Rechts | k.at

Nicht nur die Omas, sondern auch die anderen BesucherInnen strotzen nur so vor Motivation – und erzählen alle, wie toll sie es fänden, dass regelmäßig Menschen auf der Straße zusammenkommen, um mit positiver Stimmung eine Veränderung zu bewirken. Die Demo-Besucherin Denise erzählt, sie habe "direkt einen Grinser im Gesicht", wenn sie auf die Demo komme. “Die Stimmung ist immer mega-friedlich, die SpeakerInnen sind toll und es ist schön, mal nicht nur Weiße Männer auf der Bühne zu sehen”, so die junge Frau weiter.

Und genau darum geht es auch den VeranstalterInnen: Einerseits will man die BesucherInnen durch die wöchentlich wechselnden Themenschwerpunkte informieren, die politische Lethargie aufbrechen und die Menschen zu Wort kommen lassen, die von der Schwarz-Blauen Politik wirklich betroffen sind.

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Andererseits sollen die Menschen auf den Demos auch Spaß haben – ein Punkt, der die Donnerstagsdemos für manche in ein schlechtes Licht rückt: Es wird Techno gespielt, viel Techno und lauter Techno – allerdings nicht immer, einmal habe man beispielsweise ausschließlich klassische Musik gespielt. “Wir wollen nicht nur ein Rave sein und sagen, wir blenden alles aus, was passiert. Wir wollen einfach beides verbinden – Menschen zusammenbringen und wichtige Themen ansprechen”, so Laura und Alisa im Interview.

Dass von manchen Seiten der Vorwurf kommt, die Donnerstagsdemos seien ein linkes Hipster-Bubble-Phänomen, das die breite Masse der Bevölkerung nicht anspricht, ist den MacherInnen bewusst: “Am Anfang war die Demo sicher ein Bubble-Phänomen. Inzwischen ist es aber so, dass wir beispielsweise die RednerInnen kaum mehr im Vorhinein kennen und viele kennengelernt haben, die nicht aus unserer Bubble kommen.”

Die Demos erreichen zweifelsohne viele Menschen – unter anderem auch solche, die sich wöchentlich darüber empören, dass verschiedene Straßen in Wien aufgrund des Demo-Zugs nicht befahrbar sind. Dahingehende Boulevard-Berichte halten die beiden Frauen für Ablenkungsmanöver: “Es geht nicht um den Verkehr, sondern um ein demokratisches Grundrecht. Die 15 oder 20 Minuten, die man stehen muss, sollten es wert sein.”

Ob die Demos wirklich massentauglich sind, muss natürlich jeder und jede selbst entscheiden. Fest steht, dass die OrganisatorInnen der Demos es wöchentlich schaffen, den Beweis dafür anzutreten, dass politisches Engagement tatsächlich nicht immer deprimierend sein muss.

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