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Was ist FOMO? Warum uns die “Fear of missing out” nach dem Lockdown so plagt

"FOMO", die "Fear of missing out" beschreibt die Angst, etwas zu verpassen. Eine Psychotherapeutin erklärt, was Social Media damit zu tun hat.

Ein heißer Badetag: Du bist bei deinen Eltern im Garten, alles ist gut, du fühlst aber innerliche Unruhe. Fragen wie "Hätte ich lieber mit FreundInnen schwimmen gehen sollen?" oder "Ein Frühstück wäre auch gut gewesen, jetzt hat die Gastro schließlich offen" quälen dich. Am liebsten wär dir eigentlich, ALLES gleichzeitig zu erleben, um dann getrost behaupten zu können, eh nichts verpasst zu haben. 

Dieses Phänomen hat einen Namen: "FOMO". Die sogenannte "Fear of missing out" beschreibt die Angst, etwas zu verpassen.

Nachdem uns nach einem ewig langem Lockdown wieder viele Türen offen stehen, fühlen sich manche vom Angebot überfordert. Pausen und Ruhephasen zu Hause sind für manche aber wichtig. Doch bei vielen ist die Angst, die Zeit – vor allem im Sommer – "nicht sinnvoll" zu nutzen, sehr präsent. 

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Getriggert wird das Ganze noch mehr durch Social Media, weiß Béa Pall, Psychotherapeutin in Wien. Der Vergleich mit anderen auf Instagram, die ihre Freizeitaktivitäten online stellen, tut dann besonders weh. Wir haben mit der Expertin über "FOMO" gesprochen und herausgefunden, wie man die Angst, etwas zu verpassen, überwinden kann. 

K.at: Was bedeutet "FOMO" eigentlich genau?
Pall: "Die 'Fear of missing out' ist ein Phänomen der menschlichen Psyche, das durch die hohe Social-Media-Nutzung verstärkt worden ist. Es handelt sich um keine psychische Krankheit, sondern eher um ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem vulnerable Personen eher gefährdet sind."

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K.at: Was bedeutet "FOMO" in der Praxis?
Pall: "Ich habe einen jungen Patienten von mir gefragt. Er meinte, ihn hätte es auch betroffen. Vor allem, in der Zeit vorm Lockdown. Schuld sind die vielen Möglichkeiten heutzutage. Dieses Phänomen hat es früher in dieser Form nämlich nicht gegeben. Hauptgrund für die 'Fear of missing out' sind die sozialen Medien. Durch die Möglichkeiten, die man plötzlich hat, entsteht Überforderung. Viele fragen sich: 'Habe ich mich richtig entschieden? Sollte ich nicht lieber woanders sein?' Menschen, die diese Sorge plagt, fühlen sich innerlich unruhig. Bei meinem Patienten hat der Lockdown wahnsinnig geholfen, weil es plötzlich keine Events mehr gab."

K.at: Was kann man gegen "FOMO" tun? Was hilft gegen die Angst, etwas zu verpassen?
Pall: "Für junge Menschen ist es eine wichtige Aufgabe, zu lernen, sich zu reduzieren. Handyfreie Zeiten oder Digital Detox können außerdem ganz hilfreich sein. Eine gewisse Art der Verbindlichkeit ist ebenfalls ganz nützlich: Man weiß, dass überall etwas stattfindet, aber man sieht nicht dauernd im Handy nach. Die Reduktion und den Fokus auf die kleinen Dinge zu legen ist das Geheimnis.

K.at: Welche "kleinen Dinge" zum Beispiel?
Pall: "Zum Beispiel bei einem Glas Wein am Wasser wirklich versuchen, bewusst zu genießen und die Stimmung wahrzunehmen. Vielleicht kann man sich schon vorher zum Ziel setzen, fünf Dinge auszusuchen, die einem dabei positiv auffallen. Das Hier und Jetzt wahrzunehmen hilft, bei sich zu bleiben."

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K.at: Was wäre eine praktische Lösung, um "FOMO" schon im Vorhinein zu vermeiden?
Pall: "Man sollte sich schon zu Beginn des Tages überlegen: 'Was will ich heute wirklich machen? Welches Bedürfnis habe ich?' Nach der Entscheidung sollten sich Betroffene Methoden suchen, wie sie sich selbst befreien können. Vielen hilft, das Handy wegzulegen. Die Planung ist außerdem ein entscheidender Faktor. Sich treiben zu lassen und nebenbei am Handy 15 Events gleichzeitig zu verfolgen ist nicht sehr förderlich. Man muss sich irgendwie in dieser Flut zurechtfinden. Vielleicht hilft der Gedanke, dass es niemals im Leben alles geben kann. Es geht immer um Entscheidungen."

K.at: Aber was kann ich tun, wenn ich das Bedürfnis nach Ruhe habe, aber trotzdem die Angst da ist, etwas zu verpassen?
Pall: "Man kann sich selbst beruhigen, in dem man sagt: 'Okay, das habe ich verpasst, aber beim nächsten Mal nehme ich mir vor, dort hinzugehen. Diesen Samstag ruhe ich mich aus. Für nächsten plane ich, auf eine Party zu gehen.' Man kann auch jährliche Events planen, die oft besonders triggern, zum Beispiel die Regenbogenparade. 'Okay, dieses Jahr habe ich es nicht geschafft, im nächsten nehme ich sie mir fest vor'."

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K.at: Viele leiden auch im Nachhinein unter dem Bereuen: Hätte ich den Tag nicht mehr auskosten können?
Pall: "Rückwärts Denken bringt wirklich gar nichts. Da benötigt es etwas wie ein Stopp-Schild. Ein Tag ist vorbei und es kommt ein nächster. Man könnte sich eher die Frage stellen: 'Was habe ich aus dem heutigen Tag gelernt?' Das Wetter ist schön und jemand bereut beispielsweise, am Donaukanal gesessen zu sein, anstatt gleich einen Badetag genossen zu haben. Diese Information kann gespeichert und für das nächste Mal mitgenommen werden. Vielleicht hilft es, sich zu überlegen, was an diesem Tag trotzdem gut war – ein nettes Gespräch, gutes Essen usw.

Das Wichtigste ist, darauf zu fokussieren, was man wirklich will. 'Was ist mein Bedürfnis und wonach ist mir?' Durch die viele Information kommt man oft gar nicht zu sich selbst."