APA - Austria Presse Agentur

So ist bei einer Trennung Drama vorprogrammiert

Die Beziehung ist beendet, was schon schmerzhaft genug ist. Aber Dinge wie ein gemeinsames Haus können Ex-Partner zwingen, keinen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Doch genau der wäre notwendig.

Angesichts der Mietensituation in vielen Großstädten ist das Szenario gar nicht so unrealistisch: Ein Paar hat sich getrennt, bleibt aber zusammen wohnen, weil noch wirtschaftliche Abhängigkeiten bestehen. Vielleicht wegen der Kinder, vielleicht wegen einer gemeinsamen Eigentumswohnung, vielleicht, weil das Geld nicht ausreicht, um alleine zu leben. Kann das gut gehen?

Björn Enno Hermans würde diese Konstellation niemandem empfehlen. "Ich kenne niemanden, bei dem das funktioniert hätte", sagt der Systemische Familientherapeut. Es gebe in so einem Fall keine Pause, in der sich die Partner an die nicht mehr bestehende Beziehung gewöhnen könnten, erklärt Dirk Pauli. "Der Trauerprozess fällt komplett aus, man trauert mit dem Partner und findet keinen Abstand", erläutert der Systemische Coach und Familientherapeut. Wie Hermans betont, braucht es die äußerliche Klarheit, um die Trennung innerlich emotional zu vollziehen.

Valeska Riedel kann den Gedanken, räumlich zusammen zu bleiben, nachvollziehen und sieht ihn als einen Versuch, eine schwierige Lebenskrise zu bewältigen. "Diese Idee taucht häufig zu Beginn einer Trennungszeit auf und ist eine Übergangslösung für Familien mit begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen", findet die Sozialpädagogin.

Getrennt unter einem Dach klappt selten auf Dauer

Pflegt das ehemalige Paar einen respektvollen Umgang miteinander, könnte diese Konstellation funktionieren. "Allerdings klappt das selten auf Dauer", stellt Riedel, die eine freie Praxis für Systemische Beratung, Mediation und Familientherapie führt, fest.

Wer sich vom Paar zu Mitbewohnern degradiert, entwickelt eine eigene Dynamik und ganz neue Probleme - wie in jeder Wohngemeinschaft. Wer kocht? Wer putzt? Und wer hat den Kühlschrank leer gegessen? Wenn beide das wollten und reflektiert genug seien, könnten sie sicher befreundet bleiben, findet Pauli, aber im Grunde gelte: "Wenn Schluss ist, ist Schluss."

Doch wäre eine solche WG-Regelung nicht besser für die Kinder? Eine Scheidung ist Hermans zufolge nicht per se schlecht für die Kinder, sondern das Konfliktniveau unter den Eltern. "Wenn das beim Zusammenbleiben höher ist als bei der Scheidung, ist es besser, sich scheiden zu lassen."

Auch Kinder brauchen Klarheit von Erwachsenen

Riedel rät davon ab, an einer Situation festzuhalten, die keinem guttut. "Kinder brauchen Klarheit, Sicherheit und Stabilität von Erwachsenen", sagt sie. "Wenn Eltern so tun als sei alles in Ordnung, obwohl sie sich bei jeder Begegnung anfeinden oder wenn ihre Worte nicht zu ihrem Verhalten passen, schadet das den Kindern."

Würden die alten Beziehungsdynamiken aufrechterhalten, sei das sehr verwirrend für die Kinder, meint auch Pauli. "Kinder beobachten, wie man zusammenwohnt, haben aber gehört, die Eltern sind nicht mehr zusammen." Wie soll ein Kind das verstehen?

Eher sollte das Ex-Paar gemeinsam eine Lösung für das - eventuell finanzielle Problem - suchen, empfehlen die Experten. "Kinder und Jugendliche wohnen lieber mit einem Elternteil unter engeren Verhältnissen als mit streitenden Eltern", weiß Hermans. Im Rahmen eines Mediationsprozesses ließen sich verschiedene Bedürfnisse klären, schlägt Riedel vor. Im abschließenden Mediationsvertrag könnten Vereinbarungen getroffen werden, die auf die Bedürfnisse beider Seiten eingehen.

Lieber finanzielle Einbußen in Kauf nehmen

"Auch kann geregelt werden, wie damit umzugehen ist, wenn einer auszieht, obwohl die Wohnung beiden gehört." Im Einzelfall sei abzuwägen, ob man erstmal lieber finanzielle Einbußen oder ein Leben bei den Eltern in Kauf nehme als weiter zusammen zu leben.

Denn was passiert beispielsweise, wenn einer der Beiden einen neuen Partner hat? Das ganze System wird noch komplexer. Der alte Partner kann wunderbar beobachten, wie sich der oder die Neue so in der Beziehung macht und wie er oder sie mit den Kindern umgeht. Die meisten Menschen haben andere Bedürfnisse, meint Hermans. "Sie wollen eine feste Person, der sie vertrauen und am nächsten sind."

Pauli rät denjenigen, die sich für eine solche "Wir bleiben zusammen-Variante" entscheiden, es von vornherein als vorübergehende Lösung zu deklarieren. "Das Paar sollte sich das Ziel setzen, dass jeder seine Unabhängigkeit hat." Riedel regt an, vorab zu vereinbaren, dass man endgültig getrennte Wege geht, sobald es für einen von beiden nicht mehr stimmig ist. "Und dann sollte man den Mut haben, im Außen das zu leben, was man im Inneren schon längst vollzogen hat."

Wer sich vom Paar zu Mitbewohnern degradiert, entwickelt ganz neue Probleme

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