APA - Austria Presse Agentur

"Der Spiegel" macht eigenen Betrugsfall zur Titelgeschichte

Seit "Der Spiegel" den Betrugsfall im eigenen Haus am Mittwoch bekannt gemacht hat, reißen die Diskussionen darüber nicht ab. Nun hat das Nachrichtenmagazin in der aktuellen Ausgabe eine eigene Titelgeschichte dazu gemacht. Die Titelseite kommt ohne Foto oder Illustration aus. Stattdessen ist dort in großen Buchstaben das Motto des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein zu lesen: "Sagen, was ist."

"Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. Wir hatten über Jahre Reportagen und andere Texte im Blatt, die nicht die Wirklichkeit abbildeten, sondern in Teilen erfunden waren", heißt es in der "Hausmitteilung" zum Auftakt der eigenen Berichterstattung über den Betrugsfall.

Danach hat ein Redakteur in "großem Umfang seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden". Er hat die Vorwürfe den Angaben zufolge eingeräumt und seinen Vertrag nach anderthalb Jahren am vergangenen Montag gekündigt. Von ihm sind dem "Spiegel" zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei "Spiegel Online" erschienen - zunächst war er als freier Mitarbeiter tätig gewesen, dann als festangestellter Redakteur.

"Wir waren immer stolz auf unsere Sicherungssysteme, auf den aufwendigen Produktionsprozess für unsere Texte", schreiben Susanne Beyer und Dirk Kurbjuweit im Namen der Chefredaktion. Die Texte würden von Ressortleitern, Dokumentaren, Chefredakteuren und Schlussredakteuren gelesen und gegebenenfalls verbessert. "Vor allem die Dokumentare haben die Aufgabe, Fehler in den Texten zu finden, sie sind unsere Faktenchecker."

Im Fall der gefälschten Texte des Mitarbeiters hätten diese Sicherungssysteme jedoch versagt. "Die Fälschungen wurden nicht erkannt, die Machwerke gingen in Druck, fanden begeisterte Leser und eine Menge Jurys, die sie mit Preisen auszeichneten. Das beschämt uns."

Die hausinternen Recherchen zu dem Betrugsfall sollen weitergehen. "Dies wird ein langer Prozess, wir werden jeden Stein umdrehen", kündigen Beyer und Kurbjuweit an. Eine Kommission sei bereits ins Leben gerufen worden, die den Fall, aber auch alles andere, was vielleicht noch kommen könnte, gründlich durchchecken werde. "Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden wir öffentlich machen."

Außerdem solle geprüft werden, wie es dazu kommen konnte, dass der Betrugsfall erst so spät auffiel: "Parallel dazu haben wir begonnen, uns Gedanken über die Abläufe und Strukturen zu machen. Hinter vielem steht nun ein Fragezeichen, auch wenn die meisten Journalisten und Journalistinnen dieses Hauses sauber arbeiten", heißt es weiter. "Wir müssen uns vor allem überlegen, wie wir unsere Recherchen noch besser kontrollieren, auch wenn wir keine totale Überwachung haben wollen."

In einem zweiseitigen Text erklärt "Spiegel"-Mitarbeiter Juan Moreno, der den Betrugsfall seines Kollegen aufdeckte, wie ihm erste Zweifel an dessen Vertrauenswürdigkeit gekommen seien. "So gern ich jetzt einen langen Vortrag über meinen 'journalistischen Instinkt', mein 'Reporternäschen' halten würde, mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass es einfach nur Zufall war", schreibt er.

Ein Vorteil sei gewesen, dass er den Kollegen praktisch nur aus seinen Texten gekannt habe und so nicht von seiner einnehmenden Persönlichkeit habe geblendet werden können. Wer heute einen der gefälschten Texte lese, werde sich fragen, "wie dämlich der 'Spiegel' und all die Preisjurys gewesen sein müssen, um den Unfug zu glauben. Es liest sich absurd, die Detailfülle, die Genauigkeit. Es liest sich ausgedacht. Jetzt", schreibt Moreno.

Der Journalist berichtet auch von seinen Schwierigkeiten, beim "Spiegel" mit seinen Zweifeln Gehör zu finden, so als würde er gegen Wände laufen: "Es waren dicke, solide Betonwände, 'Spiegel'-Qualität gewissermaßen. Es ging um meine Existenz", berichtet der Reporter. "War ich genervt? Ich war noch viel mehr. Ich war verzweifelt."

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