Christoph Schwarz

Mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und Glück zum Sieg im Zauberwald

In „Living Forest“ wird ein magischer Wald von einem Feuergeist bedroht. Um gegen diesen zu siegen, muss man viele Elemente unter Kontrolle bringen.

Preisgekrönte Spiele werden an dieser Stelle – regelmäßige Leserinnen und Leser wissen es – gerne kritischer beäugt. Und so kommt es, dass Living Forest, frisch auf Deutsch erschienen im Pegasus-Verlag, ganz besonderen Erwartungen gerecht werden muss.

Das Familienspiel obsiegte erst unlängst beim französischen Spielepreis „L’As d’Or“ in der neuen Kategorie „Initié“, die zusätzlich zur Experten-Kategorie erstmals ausgelobt war. Wir übersetzen „Initié“ mit „Insider“, mit „Eingeweihtem“ oder vielleicht einfach mit „Kenner“. So oder so: Die Hoffnungen sind geweckt.

Strategie, Taktik und ein guter Überblick sind gefordert

Was also soll den Kenner – wenn es nach den Franzosen geht – begeistern? Thematisch mutet Living Forest konventionell an. Auch die Spielemechaniken sind gut verständlich, weil wohlbekannt.

Doch Vorsicht: Living Forest hat es tatsächlich in sich. Wir brauchen Strategie, Taktik, guten Überblick über das Spielgeschehen – und müssen schon mal ein, zwei Züge vorausdenken. Und dann ist da noch das Quäntchen Mut, das sich vor allem dann lohnt, wenn man über Grundkenntnisse in Wahrscheinlichkeitsrechnung verfügt.

Doch der Reihe nach: Die Spieler tauchen in einen Wald ein, den sie im Wettkampf gegeneinander vor den Flammen des bösen Onibi – ein Geist aus der japanischen Mythologie – retten müssen. Hilfe erhalten sie von schützenden Bäumen, magischen Tieren und heiligen Blumen.

Ziemlich viel los im Wald

Ein Blick auf den Spielaufbau zeigt: Der Name ist bei Living Forest jedenfalls Programm. Da ist wahrlich viel Leben im Wald – auch hinsichtlich der Spielelemente und Mechaniken, derer sich die Spieler bedienen können. Das verdient Lob: Viele Wege führen zum Sieg, das Spiel punktet mit Variantenreichtum – dieser sorgt zugleich für die Herausforderung.

Wer gewinnen will, muss eine von drei Siegbedingungen erfüllen – darf die anderen aber nicht völlig vernachlässigen, um es den Gegnern nicht zu leicht zu machen.

Liebevoll illustriert: 107 mystische Tierkarten versorgen die Spieler mit Aktionsmöglichkeiten – solange man sein Glück nicht überstrapaziert.

Christoph Schwarz

Gespielt werden können Runde für Runde fünf verschiedene Aktionen, für die man Punkte unterschiedlichster Art ausgeben muss. Diese erhält man entweder, indem man – nachhaltig, aber langsam – Bäume auf seinem Tableau pflanzt. Oder indem man auf ein wachsendes Set an tierischen Handkarten vertraut, das man – rasch, aber unberechenbarer – einsetzen kann. (Auf die kluge Mischung aus beidem kommt es an.)

Das Spiel setzt bei der Mechanik somit nicht nur auf Engine- und Deck-Building-Elemente, sondern vor allem auf einen herrlichen „Push your Luck“-Mechanismus.

Die Tierkarten verdienen da genauere Betrachtung: Sie verhelfen den Spielern nämlich zu den besagten Punkten – und wie viele Karten jeder Spieler pro Runde aufdecken will, das entscheidet er oder sie ganz allein. Doch nicht alle Tiere meinen es gut mit uns, manche weisen auch negative Effekte auf. Wer beim Aufdecken zu gierig wird – also sein Glück zu weit pusht –, kann also auch viel verlieren ...

Fazit: Ein würdiger Preisträger mit hohem Wiederspielwert – für alle, die gerne ihr Glück herausfordern, ohne Taktik und Strategie aus den Augen zu verlieren.

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