Kurier / Franz Gruber

ÖBB-Passagierzahl hat sich halbiert

Andreas Matthä will Kunden mit "Schnäppchen" und Mobilitätsangeboten zurückgewinnen.

KURIER: Wie geht’s den ÖBB in Corona-Zeiten?

Andreas Matthä: Wir sind be- und getroffen. Nach dem Shutdown haben wir 90 Prozent unserer Passagiere verloren. Aktuell sind wir leider noch immer bei minus 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau.

Warum eigentlich?

Wegen Homeoffice und zum Teil auch wegen des Umstiegs aufs Auto. Das schmerzt uns ganz besonders, weil wir sehr viel unternehmen, damit sich unsere Fahrgäste sicher und wohlfühlen.

Auch der ÖBB-Güterverkehr ist stark eingebrochen, obwohl die Industrieproduktion doch eigentlich nicht so stark zurückgegangen ist.

Die Industrieproduktion ist noch nicht auf Touren. Wir sehen in ganz Europa ein ähnliches Bild von minus 15 bis 20 Prozent, zum Beispiel im Automotive-Bereich. Sorgen macht mir, dass sich hier nichts verändert.

Sie transportieren also weniger Neuwägen.

Wir sind dreimal betroffen: Zuerst wird Erz und Kohle ins Stahlwerk gebracht, Stichwort voestalpine. Dann kommen die Bleche ins Autowerk. Und zum Schluss wird das fertige Auto von uns in die Verteilzentren geliefert.

Bedeutet der Verlust ein großes Sparpaket bei den ÖBB?

Wir sparen selbstverständlich. Für 2020 rechnen wir mit einem Umsatzverlust von 800 Millionen Euro. Aber ins Bodenlose versinken wir deshalb nicht.

Wie viele Infizierte gab es?

Knapp über 100. Alle kamen aus dem Freizeitbereich.

Der Nightjet war der ganze Stolz der ÖBB. Wie läuft das Geschäft jetzt?

Hier ist die Auslastung sehr gut, bei 90 Prozent. Viele Menschen wollen ja momentan nicht fliegen. Wir bieten auch Privatabteile, wo Sie um 199 Euro das gesamte Abteil mieten können.

Und ansonsten gibt es einen Innovationsstopp?

Nein. Genau jetzt ist die Zeit, sich neue Dinge zu überlegen. Wir werden einen großen Schub bei der Digitalisierung haben. Außerdem sehen wir uns als komplett integrierter Mobilitätsdienstleister. Wir bieten also Lösungen vom Bahnhof bis zum endgültigen Ziel des Kunden an: vom Scooter übers Fahrrad bis zum Sharing-Auto, das man via App buchen kann.

Werden Sie höhere Ticketpreise verlangen?

Nein, im Gegenteil. Wir werden interessante Schnäppchen anbieten, um die Zugauslastung zu erhöhen.

Der Bezirksvorsteher des 15. Bezirks möchte das Gelände des Westbahnhofs attraktiver und auch grüner gestalten. Machen die ÖBB mit?

Wir haben sehr gute Gespräche mit der Stadt. Es gibt da zum Beispiel Ideen für einen Park. Dem stehen wir offen gegenüber.

Was ist die weiteste Strecke, die die ÖBB zurücklegen?

Von Schanghai nach Duisburg. Dafür brauchen wir 14 Tage. Selbstverständlich ist das ein Nischenprodukt, weil die meisten Güter hier mit Schiffen kommen, die aber weit länger brauchen.

Bahnhöfe waren früher aufsehenerregende Kathedralen der Technik. Die Architektur der neuen Bahnhöfe in Wien, Salzburg und Linz ist eher nüchtern, um nicht zu sagen bieder. Kathedralen muss man sich auch leisten können. Es herrscht nun ein neues, funktionelleres Verständnis von Reisen. Ein Bahnhof ist eine Mobilitätsdrehscheibe. Da geht es nicht nur um die Bahn, sondern zum Beispiel auch um Busse, plus um Convenience, wo man auch Lebensmittel einkaufen, einen Zahlschein abgeben oder ein Packerl aus einer Postbox holen kann.

Sie gelten als SPÖ-naher Manager. Wie gut stehen Ihre Chancen in der türkis-grünen Regierung für Ihre Vertragsverlängerung nächstes Jahr?

Meine Partei ist rot-weiß-rot, denn ich vertrete ein Unternehmen, das allen Österreichern gehört. Ich habe noch einiges vor.