Sidebar 1
undefined
Life
02/08/2019

Femtasy: Diese Plattform will Frauen mit Hör-Pornos glücklich machen

Schafft die Plattform es, die weibliche Selbstbefriedigungsrevolution einzuläuten?

Femtasy ist eine Streaming-Plattform für sinnliche Hörgeschichten – gemacht ganz speziell für Frauen und ihre Bedürfnisse.” So lautet die Selbstbeschreibung von Femtasy, einem noch frischen Start-up, das von der Unternehmerin Nina Julie Lepique gegründet wurde. Im Juli 2018 ging die Seite unter einem beachtlichen Medienecho online: So sollen die Hörgeschichten das Gegenstück zu Mainstream-Pornos sein, die aus dem “Male Gaze” heraus entstehen – dem männlichen Blick auf die weibliche Sexualität, im Rahmen dessen Frauen häufig nicht mehr als Objekte zur Befriedigung von Männern darstellen.

In zahlreichen Medienberichten zu Femtasy wurde folgende Passage aus einer Geschichte zitiert:

“Du trägst kein Make-up und hast die Haare offen. Die Kleidung, die du trägst, ist bequem. Ich liebe es, dich so natürlich zu sehen. Du zeigst diese Seite nur mir und es macht dich in meinen Augen nur noch schöner.“

Diese Passage ist schön und macht Hoffnung, dass mich hier tatsächlich etwas anderes als die Tonspur eines handelsüblichen Pornos erwartet. Eine weitere Tatsache, die mit Sicherheit für viele Frauen von großer Bedeutung ist, die genug von klassischen Körperbildern in Pornos haben: Optische Beschreibungen der Beteiligten können komplett vermieden werden, entsprechende Aufnahmen sind mit “Bodypositive” gekennzeichnet.

Laut Femtasy orientieren sich die Geschichten an den Vorlieben und Wünschen von 1500 Frauen, die vor der Konzeption der Seite für eine Studie befragt wurden. Wer sich jetzt ausschließlich blumige Umschreibungen á la Shades of Grey vorstellt, dem sei gesagt: Die Geschichten auf Femtasy variieren in ihrer Intensität, je nach Filterkriterien wird an expliziten Beschreibungen jedoch nicht gespart. Hier bleibt kein Höschen trocken, egal, worauf man steht.

Zur Zielgruppe zählen urbane Frauen im deutschsprachigen Raum, die zwischen 30 und 34 Jahre alt, weltoffen, reiselustig und neugierig sind. Die Frage, ob sich Femtasy als feministisch sieht, umschifft Lepique im Gespräch mit k.at vorsichtig: “Wir sehen uns als ein Produkt von Frauen, aber vor allem auch für Frauen – und ihre sexuellen Bedürfnisse. Femtasy leistet in unseren Augen einen Beitrag zur weiteren Gleichstellung zwischen Mann und Frau – in einem besonderen, aber wichtigen Bereich.”

Aber wie klingen die anderen Pornos für Frauen? Von welchen Fantasien handeln sie? Und schafft die Plattform es, tatsächlich die weibliche Selbstbefriedigungsrevolution einzuläuten?

Beim ersten Reinhören muss ich unfreiwillig lachen. Der Typ in meinem Ohr säuselt explizite Details über seinen Schwanz und meine “Pussy” – ich kann das Ganze noch nicht wirklich ernst nehmen, mich nicht darauf einlassen. Vielleicht liegt es an dem bemühten Erzähler, vielleicht aber auch daran, dass ich in einer Gesellschaft groß geworden bin, in der Männer in Pornos sich nicht besonders intensiv mit Frauen auseinandersetzen – abseits vom klassischen Durchgeficke. Ich bin es nicht anders gewöhnt. Das, was ich auf Femtasy höre, ist neu für mich. Aber auf eine gute Art.

Ich klicke mich durch einige Geschichten: Viele handeln von Sex mit Fremden, eine Tramperin besteigt einen LKW-Fahrer, in vielen der Geschichten haben die Frauen das Sagen und machen mit den Männern, was sie wollen. Natürlich gibt es auch Fantasien, in denen die Männern den Ton angeben. Auszuschließen, dass emanzipierte Frauen solche Fantasien haben, wäre verlogen.

Dann erregt eine Geschichte mit dem Titel “Während sie schläft” meine Aufmerksamkeit: Ein Mann erzählt, wie er ins Schlafzimmer schleicht, wo seine Frau bereits schläft. Er denkt, sie träumt doch bestimmt gerade von Sex und sieht genau das als Einladung, sie einfach im Schlaf zu ficken. Was dann kommt, empfinde ich als höchst problematisch: Er beschreibt, wie er sich über sie schiebt, ohne sie zu wecken, er will ihr geben, was sie seiner Ansicht nach braucht. Er will, dass sie nichts mitbekommt und sich erst am nächsten Morgen fragt, warum “sein Saft aus ihrer Muschi läuft”. Er nennt sie “sein Spielzeug”, “seine ganz private Puppe” und sagt, er wolle sie besitzen.

Als ich mir im Nachhinein den Beschreibungstext zur Geschichte durchlese, sehe ich einen Disclaimer: “Hinweis, Sex ohne direktes Einverständnis”. Frauen, die in ihrem Leben Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen mussten, und den Hinweis möglicherweise genauso wie ich übersehen, könnten durch solche Schilderungen retraumatisiert werden.

 

Julie, die Gründerin von Femtasy, erklärt auf Nachfrage, dass bei Femtasy gerade mit Hochdruck daran gearbeitet werde, den Umgang mit den Inhalten noch sicherer zu gestalten, sodass die Nutzerinnen wirklich nur das finden, was sie erleben wollen. Mittlerweile wurde der Hinweis auf den “Sex ohne direktes Einverständnis” sichtbarer platziert, die betreffende Aufnahme wurde vorübergehend offline genommen und wird überarbeitet, sodass die Geschichte nicht mehr missverstanden werden könne.

Warum sich Femtasy in einen solchen Graubereich begibt, ist für Julie klar: “Wir möchten ungern bestimmte sexuelle Fantasien bewerten oder ausschließen. Gleichzeitig haben wir natürlich klare ethische Grenzen – weshalb du bei uns zum Beispiel keine Aufnahme findest, in der eine Frau Angst hat, jemand diskriminiert wird, es womöglich um Kinder, Tiere oder ähnliches geht. Aber Fantasien, bei denen die Wahrnehmung des Inhalts vor allem auf die inhaltliche Ausgestaltung ankommt, sind in unseren Augen dennoch nichts Verwerfliches, sodass mit bestimmten Fantasien in ethisch-moralisch akzeptablem Rahmen gespielt werden kann – wenngleich die Ausgestaltung dabei ein kritischer Aspekt ist und deine Anmerkungen zeigen, dass wir weiterhin dran arbeiten müssen und werden.”

Explizite Vergewaltigungsfantasien gibt es auf Femtasy jedoch nicht zu hören, denn Julie und ihr Team sind sich der gesellschaftlichen Verantwortung, die sie mit ihrem Produkt tragen, bewusst. “In der Adult-Content-Branche gibt es viele pornographische Inhalte, in denen Gewalt gegenüber Frauen gezeigt wird – gespielte Gewalt, aber auch reale Gewalt. In unseren Augen ist sehr klar, dass dies einen realen Einfluss auf die Gesellschaft hat und sicherlich zu einem Nährboden für sexuelle Gewalt gegen Frauen beitragen kann. Wir wollen sexuelle Ausbeutung und vor allem Vergewaltigungen in keiner Form unterstützen, daher gibt es auf unserer Plattform keine Inhalte zu ‘Rape-Fantasien’”.

In einer Geschichte, in der ein Masseur Sex mit seiner Kundin hat, sagt er: “Du liebst es, auf meinem großen Schwanz aufgespießt zu sein.” Dieses Wording klingt für mich nicht nur schmerzhaft, sondern spiegelt meiner Meinung nach recht eindeutig den “Male Gaze” auf die weibliche Sexualität wieder. Julie belehrt mich im Gespräch eines Besseren und erzählt, dass diese Geschichte zwar von einem Mann eingesprochen, aber von einer Frau geschrieben wurde.

“Von sanft, zärtlich, liebevoll bis hin zu derb und dominierend ist auf Femtasy alles dabei. Wir produzieren – innerhalb unserer ethisch-moralischen Grenzen – das, was Frauen sich wünschen, wovon sie fantasieren und wodurch sie sich erregt fühlen. Und für einige Frauen gehören solche Formulierungen dazu, während sie andere wiederum abstoßend finden. Die Sexualität ist hochpersönlich und somit kommen ganz unterschiedliche Aufnahmen für unterschiedliche Präferenzen heraus”, so die Gründerin.

Hört man sich Geschichten auf Femtasy an, muss man sich wirklich öffnen – no pun intended. Denn obwohl man einige Punkte am noch jungen Start-up kritisieren kann, ist so ziemlich für jede Zuhörerin etwas dabei. Und, was neben dem neuen Zugang zu Pornos für Frauen außerdem für Femtasy spricht: Das junge Start-up ist offen für Kritik. Und auch, wenn manche Aufnahmen für mich an der Grenze des Vertretbaren schrammen – wie zum Beispiel die, in dem ein Frauenarzt seine Patientin mit dem Ultraschallgerät befriedigt –, wäre es falsch, andere Frauen in Hinblick auf ihre Fantasien zu bevormunden.

Sidebar 2