APA - Austria Presse Agentur

"Scharnow" Buch-Premiere von Bela B

Bela B, hauptberuflich Schlagzeuger und Sänger von Die Ärzte, hat sein erstes Buch veröffentlicht. Über die Arbeit an seinem Roman-Debüt "Scharnow" sagte der 56-Jährige im Interview mit der APA: "Meine Figuren wurden immer plastischer und haben mir den Weg gewiesen. Sie haben mich dann sehr unterstützt beim Schreiben." Als Autor sei er "Quereinsteiger", wie der Bela B betonte.

"Ich habe beim Schreiben das Schreiben gelernt. Meine Lektorin sagte, sie hätte nach dem Lesen meiner ersten Entwürfe nicht gedacht, dass am Ende das Buch so gut werden würde. Sie ist sehr stolz darauf, was herausgekommen ist.", so der Deutsche mit bürgerlichem Familiennamen Felsenheimer.

Dabei wollte Bela B "zuerst auf Nummer sicher gehen" und einen Kurzgeschichtenband abliefern. Dann stieß er auf einen Bericht über einen Überfall. "Drei Männer aus einem Dorf haben einen Supermarkt überfallen, in dem sie immer einkauften. Weil sie stets die gleichen Klamotten trugen, haben sie sich dabei ausgezogen, um nicht erkannt zu werden. Außerdem nahmen sie sich nur Alkohol, Zigaretten und Naschzeug, aber kein Geld. Das hat mich zum Denken gebracht: Warum haben sie das gemacht? Haben sie so etwas wie einen Ehrenkodex? Was bringt die dazu?"

Um diesen Überfall herum habe er immer mehr andere Geschichten gesponnen, so Bela B. "Dann wurde mir irgendwann klar, dass die alle miteinander zu tun haben. Da dachte ich mir den fiktiven Ort Scharnow aus - und dass dort alles gleichzeitig spielen könnte, parallel, einander bedingend. Daraus ist dann das Buch geworden."

Mit "Scharnow" überschreitet der Neo-Autor leichtfüßig stilistische Grenzen. "Ich wollte von Anfang an zwei Ebenen. Zum einen eine realistische, zum anderen eine fantastische Komponente, dass eben auch Dinge passieren, die nicht erklärbar sind. Das war mein Konzept. Daran habe ich festgehalten." Seinen Roman bezeichnete Felsenheimer "als ein Panoptikum an skurrilen Figuren, die aber auch einen Querschnitt der derzeitigen deutschen Gesellschaft darstellen. Diese Leute stolpern in komische Sachen."

Da gibt es etwa eine Supermarktkassierin mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf. Wie Bela B diesen Charakter entwickelte, ist typisch für seine Arbeit als Autor: "Die Kassierin war zunächst reine Staffage. Dann überlegte ich mir aber einen Background. Plötzlich war sie verheiratet. Und ich dachte, was wäre, wenn eine Supermarktkassierin die Ex-Frau eines Milliardärs wäre? Und wer könnte das sein in dieser ländlichen Gegend? Da kam ich auf die Idee, der Mann könnte doch sein Geld mit Gülle gemacht haben. Ich begann zu recherchieren und beschäftigte mich einen ganzen Tag nur mit Gülle. Ich fand allerhand raus, etwa dass es Güllebörsen gibt. Das ist eine richtige Industrie, die sich mit Scheiße beschäftigt. Das gefiel mir gut!"

Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern. "Im Internet schwirren ja die verrücktesten Verschwörungstheorien herum", erläuterte Felsenheimer. "Manche glauben von einer Übermacht zu wissen, die unsere Erde bedroht. Da habe ich mir gedacht: Was wäre, wenn es diese Übermacht tatsächlich gebe? Diese Idee habe ich weitergesponnen. Ich verfiel immer wieder in einen wahren Schreibrausch, in dem meine Fantasie Flügel bekam."

Vor drei Jahren hatte das Unternehmen Buchschreiben seinen Anfang genommen. "Da habe ich mich mit meiner Lektorin hingesetzt, um alle Handlungspunkte und Schauplätze aufzuschreiben und ein Personenregister anzufertigen. Das kam alles an die Wand in meinem Arbeitszimmer, das dann aussah wie der Profiler-Raum auf dem Polizeirevier", lachte Felsenheimer. "Diese Notizen führten mich durch das erste Jahr, dann bekamen die Figuren ein Eigenleben."

Selbst als Debütant im Belletristik-Genre konnte Bela B doch auf Bewährtes zurückgreifen: "Viele meiner Songtexte funktionieren so: Es wird Spannung aufgebaut, der Hörer noch ein bisschen hingehalten, dann folgt eine unerwartete Wendung." Diese Cliffhanger-Technik auch bei "Scharnow" anzuwenden, habe ihm "riesigen Spaß" gemacht, betonte Felsenheimer. "Also jedes Kapitel auf einen Höhepunkt hinzusteuern, dann den Leser noch ein paar Kapitel warten zu lassen, bis es weitergeht oder bis die Auflösung kommt. Und die ist nicht unbedingt ganz so, wie man es erwartet."

"Scharnow" ist ein Unterhaltungsroman, Politik bleibt scheinbar außen vor. Dem widersprach Felsenheimer ein wenig: "Man findet im Buch durchaus einige Aspekte gegenwartspolitischer Situationen. Es gibt den Bund skeptischer Bürger, es tauchen ehemalige Neonazis auf, und es werden gesellschaftliche Normen gebrochen bzw. infrage gestellt. Eine Figur, Hamid, ist ein Geflüchteter aus Syrien. Das ist die rationalste Figur im Buch, die sich den ganzen Irrsinn von außen anschaut. Aber natürlich, die Handlung an sich ist kein politischer Roman."

Am 1. April liest Bela B im Wiener Rabenhof gleich zweimal aus seinem Roman. Karten gibt es für die gesamte 27 Termine umfassende Lesereise keine mehr. Mit Die Ärzte gastiert er am 16. Juni am Nova Rock in Nickelsdorf. Seine Bandkollegen werden beim Lesen von "Scharnow" auf einige Überraschungen stoßen, verriet Felsenheimer: "Farin (Urlaub, Anm.) kenne ich seit meinem 17. Lebensjahr, für den habe ich ein paar Botschaften eingebaut, ein paar kleine Codes, die nur wir kennen. Auch für Rod (Rodrigo Gonzales, Anm.) ist was drin."

(S E R V I C E - Bela B Felsenheimer: "Scharnow", Heyne Verlag, 416 Seiten, 20,60 Euro. Lesungen am 1. April, 18 und 21 Uhr, im Wiener Rabenhof. http://www.bela-b.de)

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