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Wenn dich Gruselgeschichten kalt lassen, hast du vielleicht Aphantasie

Eine Studie zeigt, warum sich manche Menschen beim Lesen oder Hören von Gruselgeschichten nicht fürchten.

Hast du dich schon immer gefragt, warum sich manche Menschen beim Lesen oder Hören von Gruselgeschichten einfach nicht gruseln können? Laut ForscherInnen der University of New South Whales könnte dies mit einem fehlenden Vorstellungsvermögen zu tun haben – besser bekannt als Aphantasie. Darunter versteht man die Unfähigkeit, Bilder zu visualisieren.

Die australische Studie zeigt, dass manche Menschen unter einer "Geistesblindheit" leiden und sich deswegen beispielsweise beim Lesen oder Hören einer Gruselgeschichte keine unheimlichen Szenarien vorstellen können. 

Die Studie wurde in der Zeitschrift "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlicht.

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Zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden an Aphantasie

Das Team der University of New South Wales in Sydney verglich die emotionalen Reaktionen von Menschen mit Aphantasie mit Personen, die in der Lage sind, sich in Gedanken, Bilder oder Szenarien vorzustellen. Laut den ExpertInnen leiden etwa zwei bis fünf Prozent der Weltbevölkerung unter Aphantasie. 

Ihre Untersuchung ergab jedoch, dass das Sehen von erschreckenden Bildern für alle Menschen gleich ist. 

"Wir haben den bisher stärksten Beweis dafür gefunden, dass mentale Bilder eine Schlüsselrolle bei der Verknüpfung von Gedanken und Emotionen spielen", sagte der Studienautor Joel Pearson in einer Pressemitteilung

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Lesen und Hören von Gruselgeschichten zeigt keine Wirkung

Doch wie sind die ForscherInnen zu dieser Erkenntnis gekommen? Für die Untersuchung haben die ExpertInnen die Haut von 46 TeilnehmerInnen (22 davon hatten Aphantasie) analysiert. Dafür brachten sie Elektroden an die Körper der ProbandInnen an.

Die TeilnehmerInnen sollten in einem dunklen Raum eine Gruselgeschichte lesen, währenddessen beobachteten die WissenschafterInnen, wie sich die Schweißproduktion der TeilnehmerInnen veränderte. 

In den Geschichten wurden eine fiktive Haiattacke und Turbulenzen im Flugzeug beschrieben.

Dabei entdeckten die ExpertInenn, dass bei Menschen, die sich die Geschichten bildlich vorstellen konnten, die Haut eher auf die Elektroden reagierte. Die Haut sei ein hervorragender Leiter für Elektrizität, wenn jemand starke Emotionen wie Angst empfindet, heißt es.

"Je länger die Geschichten dauerten, desto mehr reagierte ihre Haut. Aber bei Menschen mit Aphantasie stagnierten die Hautleitfähigkeiten ziemlich schnell", erklärte Pearson.

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Bilder sind angsteinflößender

Um zu bestätigen, dass die Ergebnisse nicht auf unterschiedliche Angstwahrnehmungen zurückzuführen sind, wiederholten die ForscherInnen das Experiment. Statt eines Textes sahen die TeilnehmerInnen angsteinflößende Bilder auf dem Monitor – darunter das Foto einer Leiche oder einer Schlange mit Reißzähnen.

Die Ergebnisse? Beide Gruppen ließen sich von den gruseligen Bildern gleichermaßen erschrecken. "Die Ergebnisse legen nahe, dass Bilder ein emotionaler Gedankenverstärker sind", sagte Pearson. "Wir können alles Mögliche denken, aber ohne Bilder haben die Gedanken nicht diesen emotionalen 'Knall'."

Die Studie zeigt, dass der Angstfaktor beim Hören einer Geschichte im Wesentlichen ausgelöscht wird, wenn der/die LeserIn nicht in der Lage ist, sich die Szene im Kopf vorzustellen. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Bilder und Emotionen enger miteinander verknüpft sind, als WissenschaftlerInnen bisher angenommen haben.

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Verschiedene Arten von Aphantasie

Laut den ForscherInnen könnten die Studienergebnisse dabei helfen, Aphantasie zu diagnostizieren und neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. 

Sie weisen auch darauf hin, dass es innerhalb der Gruppe der Aphantasie-Betroffenen Unterschiede gibt. Obwohl sich die Studie speziell auf Angstreaktionen konzentriert, könnten die Ergebnisse bei anderen Emotionen anders ausfallen.

"Seien Sie nicht beunruhigt, wenn Sie Aphantasie haben und nicht in dieses Schema passen", erklärte Pearson. "Es gibt alle möglichen Variationen von Aphantasie, die wir gerade erst entdecken".

Als Nächstes wollen die ExpertInnen untersuchen, wie sich Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei Menschen mit Aphantasie auswirken.