Generation Snowflake: Weshalb es okay ist durchschnittlich zu sein

Unsplash Antonino Visalli

"Generation Snowflake": Wie steht ihr dazu, durchschnittlich zu sein?

"Kind, du kannst etwas ganz Besonderes werden. Die Welt ist deine Spielwiese, die du mit deiner Einzigartigkeit bereicherst."

Mitglieder der Gen-Y haben diesen oder ähnliche Sätze bestimmt schonmal gehört. Und bis zu einem gewissen Grad stimmt es vielleicht, was ihnen ihre "Boomer-Eltern" mitgegeben haben. Schließlich scheint die Berufswahl doch ein wenig freier, experimenteller und weniger geradlinig als bei der älteren Generation, die oft Jahrzehnte in genau demselben Arbeitsplatz verweilt hat.

Job-Hopping und selbstgebastelte Karrieren sind die Folge eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, das den Turbo angeworfen hat. Neue Felder eröffnen sich und Internetkarrieren werden ernstgenommen. Was aber passiert mit den vielen Menschen, die dann doch kein Startup gründen oder ihren Podcast an den Nagel hängen? Weshalb es okay ist, durchschnittlich zu sein!

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"Generation Snowflake"

Die Generation-Y soll sich laut SoziologInnen, wie es der Buchstabe im Englischen bereits verrät, eher mit der Frage nach dem "Warum" beschäftigen. "The Atlantic" nennt sie sogar "The Lost Generation, schließlich scheint doch alles möglich  jedoch kann die Realität durchaus überfordernd sein. Schnelle Kommunikation, Wirtschaftskrisen und Arbeitsplätze, die von Maschinen übernommen werden, gehören zum Alltag.

Laut "Welt" hat sich im britischen, politischen Diskurs sogar ein spezieller Begriff dafür herausgebildet, der beschreibt, dass Millennials das "harte" Leben nicht mehr ertragen würden: "Snowflakes". Dabei wird sarkastisch darauf angespielt, dass Gen-Y-Mitglieder sich durch ihre scheinbare Individualität definieren und auch glauben würden, dass sie etwas "Besonderes" im Vergleich zu den "Boomern" sind. Und will man das wirklich bestreiten?

Im gesellschaftskritischen Film "Fight Club" sagte die von Brad Pitt verkörperte Figur Tyler Durden: "Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid keine wunderschönen, einzigartigen Schneeflocken. Ihr seid genauso verweste Biomasse wie alles andere." Eine sehr pragmatische Art, die Welt zu betrachten, aber vielleicht auch viel realistischer als die romantisierte Version der Millennials?

Welchen Zweck erfüllt Arbeit?

Aufbauend auf dem Fordismus, der laut "Klett" seit den 20er und 30er Jahren unser Wirtschaftssystem prägt, entwickelte sich im neoliberalen Kontext ab den 80er Jahren (in den USA) eine Art Individualisierung der Arbeitswelt. Wonach eine Beschäftigung früher zum größten Teil den Zweck erfüllte, den Lebensunterhalt zu sichern, entwickelte sich dieses Bild radikal weiter. "Mach dein Hobby zum Beruf und du wirst für den Rest deines Lebens keinen einzigen Tag mehr arbeiten.", lauten so manche "Inspirational Quotes" die durch Pinterest oder Instagram geistern. Kreative Berufe gewannen sukzessive an Status in der Gesellschaft und Arbeit näherte sich der persönlichen Identität an. Selbstverwirklichung durch den Beruf!

Es wurde wichtig, welchen ökologischen Fußabdruck Unternehmen hinterlassen und berufliche Entscheidungen hängen laut "Infinitas" mittlerweile stark davon ab, ob sich MitarbeiterInnen mit der Philosophie und Kultur des Unternehmens identifizieren können. Kurz: Millennials wollen einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, beziehungsweise im beruflichen Kontext etwas Besonderes oder Spannendes tun. Auch der Prestige-Gedanke ist groß, schließlich gibt es einen unfreiwilligen Image-Transfer von Unternehmen zu MitarbeiterInnen.

Vorteile und Nachteile veränderter Arbeitsbedingungen

Die veränderte Beziehung zu Arbeit bringt durchaus viele Vorteile. Das Konzept von "New Work" schaffte schließlich: flexiblere Arbeitszeiten, Home-Office, Feierabend-Bier, neue Berufsfelder, kreative Selbstverwirklichung und Rutschen im Büro. Doch die negativen Folgen sind, wie "Handelsblatt" beschreibt, vor allem für die MitarbeiterInnen beträchtlich: fehlende Abgrenzung zwischen Privat- und Berufsleben, zu wenig Ruhephasen, hoher Leistungsdruck, Überstunden und oft auch schlechtere Bezahlung. Schließlich macht Arbeit doch Spaß, nicht?

Für mehr Prestige- und kreative Freiheit nehmen Angestellte laut "Personal-Wissen" auch mal ein geringeres Gehalt in Kauf. Die Anthropologin Giulia Mensitieri nahm sich in ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung "Das schönste Gewerbe der Welt" die Modebranche als Untersuchungsfeld vor und fand ein gnadenloses Konstrukt von ausbeuterischen Taktiken. Diese würden am Ende Milliarden in die Hände von Konglomeraten spielen, gut ausgebildete Fachkräfte würden aber nur schlechte Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen kassieren.

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Weshalb dulden Arbeitskräfte diese Bedingungen?

Die Gründe aus denen Arbeitskräfte dies hinnehmen würden, begründete Mensitieri, wie "Deutschlandfunk" beschreibt, in nicht-monetärem Anreiz wie "sozialem und symbolischem Kapital der Zugehörigkeit". Also der Eintrittskarte in eine sogenannte "Globale Bourgeoisie", einer kreativen, internationalen Elite, die laut dem Wissenschaftler "David Roberts" eine neuere soziale Klasse zwischen Mittelschicht und Upper Class darstelle. Und wer möchte nicht gerne diesen Lifestyle leben?

Die Realität im Berufsleben

Erst im Berufsleben angekommen, merkt man als "kreativer" Mensch schnell, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Hinter den Schlagwörtern Kreativität, Nachhaltigkeit und Exklusivität verstecken sich im Arbeitsalltag oft ein Workload, der selbst beim besten Willen nicht in eine 40-Stunden-Woche passt und manchmal auch eine toxische Arbeitskultur. Im Vergleich zu der Generation-Z, die wohl, wie berichtet, prekäre Arbeitsbedingungen weniger hinnimmt, haben sich viele Millennials auf jahrelange unbezahlte Praktika und schwierige Arbeitsverhältnisse eingelassen. Immer in der Hoffnung, dass sich der Traum vom beruflichen Durchbruch doch noch erfüllt.

Dies fand auch Mensitieri in ihren Gesprächen mit Mitgliedern der Modebranche vor: Die ständige Hoffnung und Erwartung einer besseren Situation, die den Betroffenen die Kraft gibt, in einer ausbeuterischen Situation doch noch weiterzumachen. Oder das Gefühl, schon so viel in einen gewissen Karriereweg investiert zu haben. Nur kommt die gewünschte Veränderung selten bis nie. Oft sind die Personen, die am längsten durchhalten, diejenigen, die das Privileg eines finanzstarken Elternhauses hinter sich haben, um die vielen schlecht- oder unbezahlten Arbeitsverhältnisse längerfristig möglich zu machen.

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Die persönliche Meinung der k.at-Redaktion

Weshalb es manchmal gut ist, die eigene Sicht zu klären und den Arbeitsmarkt, sowie die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, erklären nachfolgend die Mitglieder der k.at-Redaktion. Dieser Frage mussten sich schließlich einige Millennials stellen – so auch wir. Weshalb es okay ist "durchschnittlich" zu sein, erzählen wir euch durch unsere persönliche Erfahrung. 

Moni, geboren 1987

Was hatte ich früher nicht für große Träume und Ziele. Genau benennen konnte ich sie aber komischerweise nicht, jedoch war da lange Zeit diese fast schon schmerzvolle Sehnsucht nach mehr im Leben. Wie oft dachte ich mir: "Ist das schon alles?" Doch Mitte zwanzig wurde mir schnell klar, dass nicht jeder Mensch zum (Karriere-)Star wird/geboren wurde. Und nach ein paar Monaten, in denen ich mich intensiv mit mir und meiner Persönlichkeit auseinandergesetzt habe, erkannte ich, dass nicht das "zu wenig" das Problem war, sondern das "zu viel".

Zu viele Anforderungen, zu unrealistische Träume, zu hohe Erwartungen. Die Sehnsucht, die fast weh getan hat, ist zum Vorhaben geworden, stets nach der besten Version meiner selbst zu streben. Und die bin ich nicht, wenn ich einen gewissen Status erlangt habe, sondern wenn ich im Inneren Harmonie und Zufriedenheit verspüre. Aus dem "Das kann doch nicht alles sein?" ist ein "Wow, was nicht alles (schon) da ist!" geworden und das ist ziemlich erfüllend.

Julia, geboren 1993

Bereits in der Schule erklärte mein Lehrer: "Ihr seid zu Höherem bestimmt". Was genau das bedeutete, ließ er aber offen. Ich wollte darin etwas Kreatives, Ausgefallenes und Kommunikatives sehen. Als #girlboss kann man schließlich die Welt erobern und wenn man nur hart arbeitet und gnadenlosen Willen beweist, wird man in seinem Feld auch Erfolg haben und öffentliches Ansehen erhalten. Die Realität sah nach zahlreichen unbezahlten Praktika und prekären Anstellungen im Modebereich aber anders aus. Ich wollte als "Snowflake" schließlich in den vordersten Reihen der Kulturindustrie mitspielen.

Einen Arbeitsplatz, der nicht nur angemessen bezahlt, sondern auch weniger als 70-Stunden-Wochen voraussetzte, suchte ich vergeblich. Freelancer-Gigs, Assistenz-Jobs und weitere Praktika gab es aber wie Sand am Meer – solange ich persönliche Beziehungen hatte. Ich vermutete zunächst das Problem bei mir selbst, denn vielleicht war ich einfach nicht gut, schnell oder cool genug? Bis ich mich umschaute und erkannte, dass viele meiner ArbeitskollegInnen in den Eigentumswohnungen ihrer Familien lebten und nicht wirklich auf ein monatliches Gehalt angewiesen waren. Im konkreten Fall: In einem Büro von über 20 Personen wurden nur sieben davon für ihre Arbeit bezahlt.

Seitdem ich diese Branche hinter mir gelassen habe und in einem "traditionellen" Unternehmen arbeite, bin ich so zufrieden wie niemals zuvor – schließlich werde ich endlich angemessen für meine Arbeit entlohnt und habe auch wieder Zeit, um FreundInnen zu treffen. Vielleicht bin ich niemand Besonderes, aber ich bin dafür extrem entspannt!

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Amina, geboren 1988

Gerade in der Schulzeit wurde mir von meiner Mutter, aber auch von LehrerInnen vermittelt, dass man alles werden und schaffen kann, solange man nur fleißig genug dafür arbeitet. Spätestens während der Studienzeit habe ich bemerkt, dass das in der Theorie zwar schön klingt, die Praxis aber anders aussieht. Denn egal, wie gut meine Leistungen waren oder wie sehr ich mich angestrengt habe: Es gab immer Leute, die noch bessere Noten, noch tollere Praktika oder die heiß begehrten ersten Jobs statt mir bekamen.

Das Leistungsversprechen geht nicht auf, denn es ist kein Verlass darauf. Vertraut man nur darauf, ist Frust leider vorprogrammiert. Daher ist es wichtig, eine Balance zu finden: Fleiß ja, aber nicht zu jedem Preis. In meinen späten Zwanzigern habe ich zum Glück gelernt, weniger auf allgemein gültige Erfolgsmodelle zu geben, sondern mich mehr auf meine Intuition zu verlassen. So findet man nämlich eher seine eigenen Nischen – und damit vielleicht auch eine eigene Definition von Erfolg.

Selma, geboren 1993

Ich glaube, dass mir schon ziemlich früh bewusst geworden ist, dass ich keine "Snowflake" bin, sondern vollkommen durchschnittlich. In der Schule habe ich mich notentechnisch immer im Durchschnitt bewegt und auch später im Job war ich immer im soliden Mittelfeld. Dadurch, dass ich als Redakteurin tätig bin, wird mir das tagtäglich auch immer deutlich gemacht. Gerade im Journalismus haben schon viele SchreiberInnen Artikel, Bücher oder Seminare veröffentlicht, die mit herausragenden Preisen und Kritiken gekürt werden.

Ich habe noch gar nichts in die Richtung gemacht, und bin auch damit zufrieden, wenn es nie passiert. Ich schreibe nicht nur im Job, sondern auch privat unglaublich gerne. Teile in meinem privaten Umfeld meine Artikel oder kreativen Kurzgeschichten und komme gut damit klar, dass ich nicht auf dem nächsten Cover der "Time" erscheinen werde. Dieser Druck "besser als alle anderen" zu sein, ist bei mir schon lange vorbeigezogen. Ich weiß, wie talentiert ich bin und welche Chancen realistisch sind. Ich denke, dass ich gerade durch dieses Mindset einiges erreichen kann – auch wenn dies für die Mehrheit der Gesellschaft nur der Durchschnitt sein mag. Im Endeffekt ist es doch nur wichtig, dass ich selbst auf mich und mein Schaffen stolz bin, oder?