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Wie sich die Pandemie auf unser Verhältnis zu Mode auswirkt

Wir haben ein Jahr in Jogginghose und Leggings verbracht – müssen wir uns bald wieder so anziehen wie früher?

Am 10. Juni werden in Österreich weitere Corona-Öffnungsschritte durchgeführt: Indoor dürfen dann acht Personen an einem Tisch Platz nehmen, outdoor dürfen sogar 16 Erwachsene zusammentreffen, die Sperrstunde wird auf Mitternacht verlegt und der Mindestabstand wird auf einen Meter verringert. Drei Wochen später sollen dann schon die nächsten Öffnungsschritte folgen. Anders gesagt: Wir haben keinen (guten) Grund mehr, um zuhause zu vergammeln.

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Mit all den Öffnungen in Aussicht sind wir nun an einem Punkt in der Pandemie angekommen, an dem wir uns langsam wieder überlegen müssen, wie man sich für eine Hochzeit, einen Konzertbesuch oder den Büroalltag anzieht. Das kann sich für manche als unerwartet schwierige Aufgabenstellung erweisen – nach einem Jahr voller Jogginghosen kann es schnell überfordernd sein, wenn man sich plötzlich wieder normal anziehen soll.

Hat man es dann doch mal geschafft, sich in Straßenkleidung zu schmeißen, macht sich schnell bemerkbar, wie unfassbar unbequem Knöpfe, Reißverschlüsse und enge Schnitte eigentlich sind. Gelegenheiten oder Anlässe, etwas anderes als einen Pyjama zu tragen, gab es im letzten Jahr ja bekanntermaßen wenige, folgerichtig haben viele von uns bereits erfolgreich verdrängt, wie es sich anfühlt, Hemden mit Vatermörderkragen, Schuhe mit Absätzen oder taillierte Kleider zu tragen. Ein Outfit für draußen zu finden ist jedenfalls eine Herausforderung.

Vollgas oder Sweatpants

Der monatelange Mangel an Events und das damit ausbleibende Aufbrezeln macht sich dieser Tage auf unterschiedliche Weise bemerkbar: Entweder man gibt nunmehr bei jeder noch so kleinen Gelegenheit stylingtechnisch Vollgas, fährt sogar für den ersten Sommerspritzer im Gastgarten des Vertrauens sämtliche Online-Shopping-Errungenschaften der letzten sechs Monate auf und sieht am Ende sogar beim Spaziergang am Donaukanal aus wie ein behangener Christbaum – oder man stellt sich bei der Wahl des Outfits eine Frage, die sich seit Beginn der Pandemie nur allzu oft in unsere Köpfe schleicht: "Wofür eigentlich?"

Wofür eigentlich diese harten Jeans anziehen, die einem dann am meisten Freude bereiten, wenn man sie endlich wieder ausziehen kann? Wofür eigentlich in den engen Schuhen rumlaufen, die nichts als Schmerzen mit sich bringen? Wofür sich eigentlich in ein piksiges Nadelstreifen-Gehäuse zwängen und sich das Leben schwer machen, wenn man sich genauso gut für eine gemütliche Jogginghose entscheiden könnte?

Tatsächlich wurde die Jogginghose in den vergangenen Monaten zum "Trend-Kleidungsstück" der Pandemie ausgerufen. Für Trendanalyst Carl Tillessen ist die Hose einer der wichtigsten Trends der Corona-Jahre. "Es gibt natürlich die Tendenz, es sich zu Hause so bequem wie möglich zu machen." Und dazu gehört eben auch bequeme Kleidung. Die Zeiten, in denen Karl Lagerfeld das Tragen einer Jogginghose mit Kontrollverlust gleichsetzte, scheinen längst vorbei.

Tillessen prophezeit auch, dass wir uns so schnell nicht wieder von der Jogginghose – oder zumindest vom bequemen Jersey-Stoff – trennen werden. "Jersey wird das Material der Zukunft sein, man wird alles Mögliche aus Jersey machen. Das heißt zum Beispiel, dass viel mehr Hosen aus Jersey-Stoff sein werden. Die müssen dann aber gar nicht wie eine Jogginghose aussehen."

Historisch betrachtet könnten die nächsten Jahre modisch gesehen jedoch ziemlich aufregend werden: Glaubt man dem "Atlantic", steht uns nach Ende der Pandemie eine echte Fashion-Rebellion ins Haus. Schließlich habe sich die Menschheit nach der Pest mehr denn je nach aufwändig geschnittenen Kleidern und Luxusartikeln gesehnt – man vermutet sogar, dass der Schwarze Tod so gesehen sogar gewissermaßen den Aufstieg der italienischen Modeindustrie zu verantworten hat.

Modehistorikerin und Museumsdirektorin am New Yorker Fashion Institute of Technolgoy Valerie Steele vergleicht die aktuelle Situation lieber mit Goldenen Zwanzigern. Nach der spanischen Grippe und dem Ersten Weltkrieg seien viele junge Menschen schlichtweg desillusioniert und nicht länger bereit gewesen, Vorschriften zu akzeptieren, so Steele. "Junge Leute haben gesagt: Das alles wurde so schlecht gehandhabt. Es war eine Katastrophe – wie könnt ihr erwarten, dass wir weiterhin eure Regeln befolgen?"

Die Reaktion war ein Jahrzehnt voller Lebenslust, Eskapaden und Zügellosigkeit. In Frankreich werden die Zwanziger auch "Années folles", also "verrückte Jahre" genannt. Ob wir am Beginn eines verrückten Mode-Jahrzehnts stehen, wird sich zeigen – zumindest wissen wir jetzt, wie es sich anfühlen kann, jeden Tag bequeme Kleidung zu tragen.