Kritik am Vegetarismus: Bin ich als Vegetarier nicht gut genug?

Claudio Schwarz / Unsplash

Gewissenskonflikt: Bin ich als Vegetarier:in nicht gut genug?

Seit 24 Jahren bin ich Vegetarierin, doch reicht das heutzutage noch? Denn für den Konsum von Milchprodukten hagelt es viel Kritik.
Monika Kässer

Anlässlich des Weltvegantags am 1. November hat sich unsere Autorin ein paar Gedanken über das eigene Ernährungsverhalten gemacht.

Ich war zwölf Jahre alt, als ich aufgehört habe, Tiere zu essen. Von heute auf morgen gab es für mich kein Fleisch, keinen Fisch und auch keine Produkte mehr, die Gelatine oder tierisches Lab (wie zum Beispiel Parmesan) – ein Enzym aus Kälbermägen – enthalten. Stattdessen wurden mir von Mama Verärgerung und Unverständnis aufgetischt. Was ich denn jetzt so herumspinnen müsse, hieß es vor 24 Jahren. So lange ist es nämlich her, dass ich diese Entscheidung getroffen habe und trotz Widerständen dabeigeblieben bin. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz. 

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Der Moment, der dafür sorgte, dass ich nie wieder Fleisch gegessen habe

Auslöser dieses Sinneswandels waren zum eine meine zwei älteren Schwestern, die zu diesem Zeitpunkt bereits Vegetarierinnen waren, sowie eine Doku über eine Schweine-Schlachterei in Frankreich. Eine Szene hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt: Die Schweine standen in einem engen Schacht, konnten nur nach vorne, wenn sie an der Reihe waren, dass ihnen das Leben genommen wird. Dann setzte der Schlächter eine große Elektrozange bei dem Schwein an, das ganz vorne stand, um es für den Schnitt an der Kehle vorab zu betäuben. Das dahinter wartende Schwein geriet in Panik, sprang auf das Vordertier und bekam den elektrischen Schock zu einem Teil ab. Die Schreie der Tiere waren unerträglich.

Meine Tränen flossen unaufhörlich und ich konnte es nicht fassen, wie Menschen zu solchen Grausamkeiten imstande sind. Spätestens da wurde mir klar: Tiere zu essen, obwohl in unseren Breitengraden ein Überfluss an Nahrung vorhanden ist, ist schlichtweg falsch. 

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Zur Jahrtausendwende war das – im Gegensatz zur jetzigen Zeit – etwas eher Neues. Damals kannte ich in meinem Freundeskreis so gut wie niemanden, der ebenfalls auf Fleisch verzichtete. Ersatzprodukte beschränkten sich auf Tofu und Falafel-Taler aus dem Biomarkt. Ich fühlte mich, als wäre ich bei einer neuen Bewegung ganz vorne mit dabei; und das mit Leib und Seele, immerhin lag mir das Tierwohl sehr am Herzen. Außerdem hatte ich den Eindruck, jenen Lebewesen eine Stimme geben zu können, die sonst keiner hört. 

Von der Vorreiterin zur Zielscheibe

Doch in den letzten Jahren hat sich etwas verändert. Auf meinen Lorbeeren aka dem reinen Gewissen ausruhen? Das spielt es nicht mehr. Schließlich lebte ich bis dato "nur" vegetarisch  und das schien plötzlich nicht mehr genug. Einst fühlte ich mich als Vorreiterin, bin ich nun zur Zielscheibe geworden? Der teils radikale Veganismus klopfte an allen Ecken und Enden in der digitalen Welt an und machte mich darauf aufmerksam, dass das, was ich für Tiere tue, nicht genug ist. Wem es aus tiefster Überzeugung um das Tierwohl gehe, der müsse vegan leben, so die Botschaft.

Das predigen unter anderem bekannte Tierschutzaktivist:innen wie Ed Winters alias @earthlinged oder Raffaela Raab alias @diemilitanteveganerin. Raab setzt sich auf nahezu radikale Art und Weise gegen das Ausbeuten von Tieren ein und kritisiert stark den Speziesismus, also die moralische Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Dieser Anschauung zufolge  dürfen sich Hunde oder Katzen beispielsweise in der westlichen Welt über einen höheren Stellenwert freuen als Schweine oder Kühe.

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Kritik an der Milchindustrie

Die große Kritik seitens der Veganer:innen an Vegetarier:innen: Auch Milch ist Mord. Der Verzehr von Butter, Joghurt, Feta und anderen Milchprodukten befeuert ebenso wie Fleisch- und Eierkonsum die Maschinerie der Ausbeutung von Tieren. Die Lebenserwartung einer Milchkuh liegt zwischen 20 und 25 Jahren. Eine Aktivistin des Vereins Animal Rights Watch erklärt, dass Milchkühe aber nach spätestens fünf Jahren im Schlachthaus landen würden. Bereits mit etwa 15 Monaten werden die Kühe das erste Mal besamt, nach der Geburt wird das Kalb der Mutterkuh zügig weggenommen. Lässt die Milchproduktion nach, wird die Kuh neu besamt und der Kreislauf beginnt von vorne. Das dauert aber nur so lange, wie das Tier auch produktiv genug ist. Kann die Kuh nicht mehr genug Milch produzieren, wird krank oder weist eine Fruchtbarkeitsstörung auf, landet sie im Schlachthof. 

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Ist Milch ungesund?

Himmel hilf, was mache ich nun? "Nur" vegetarisch zu leben ist zwar löblich und gut, aber offenbar wirklich nicht genug. Ich kann es nicht schönreden. Hinzu kommt, dass Milch gar nicht so gesund ist, wie es uns (früher) oft vermittelt wurde.

Das Gesundheitsportal "Zentrum der Gesundheit" fasst zusammen, welche gesundheitlichen Auswirkungen der Konsum von Kuhmilch unter anderem haben kann:

  • Laut einer Nurse’s Health Study konnte nachgewiesen werden, dass Milchkonsum weder Knochenbrüchen noch Osteoporose vorbeugt im Gegenteil, das Risiko könne erhöht werden. Und: Länder wie Asien und Afrika, in denen kaum bis wenig Kuhmilch konsumiert wird, würden die niedrigsten Osteoporose-Raten aufweisen.
  • Der Genuss von Kuhmilch wird in mindestens drei umfangreichen Studien, die im "American Journal of Dermatology" kommentiert wurden, mit Hautkrankheiten wie Akne in Verbindung gebracht. Das Risiko, Hautprobleme zu entwickeln, sei bei Milchtrinker:innen um 44 Prozent erhöht. 
  • Forschungen zeigen zudem, dass Milchkonsum mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergehen kann. Bei Männern, die einer höheren Aufnahme von Milchprodukten nachgehen, sei die Gefahr, an Prostatakrebs zu erkranken, zwischen 30 und 50 Prozent höher.

Zu einem ähnlichen Entschluss kamen Harvard-Mediziner:innen in einer Analyse der Nurse's Health Studies sowie der Health Professionals Follow-up Studie. Demnach stünde eine leicht erhöhte Krebs- und Gesamtsterblichkeit im Zusammenhang mit einer höheren Zufuhr von Milch, berichtet das "Ärzteblatt"

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Was ist uns der Fleisch- und Milchkonsum wert?

Was spricht infolgedessen noch für den Milchkonsum? Ich denke, lediglich der Geschmack. Meine abschließende Meinung zu der Thematik stellt auch einen Appell an mich selbst dar: Wer ausreichend Empathie, Bewusstsein und Willensstärke besitzt, der würde nicht wollen, dass Tiere zu Schaden kommen, nur damit die Geschmacksknospen kurz tänzeln. Und schon gar nicht würde man seiner eigenen Gesundheit schaden wollen.

So sehr ich Mamas Hackbraten geliebt habe, so sehr ich Parmesan auch mochte und so sehr ich Kuhmilch pflanzlichen Alternativen rein geschmacklich vorziehen würde, es wiegt nicht so schwer wie das Leid der Tiere, auf deren Kosten unser Genuss geht. Vielleicht schaffen wir es, langfristig etwas an unserem Konsumverhalten zu verändern. Für die Tiere, für unsere Gesundheit und für die Umwelt. Einsicht ist meist der erste Weg zur Besserung und jeder kleine Schritt zählt.