APA - Austria Presse Agentur

Aggressive Graugänse sind auch dominanter

Aggressive Graugänse sind in ihrer Schar dominanter. Misst man das aggressive Verhalten eines Vogels, lässt sich sein sozialer Rang in der Gänseschar voraussagen, zeigen Forscher der Universität Wien im Fachjournal "Royal Society Open Science". Der Studie zufolge waren die Unterschiede in der Aggressivität zwischen den Individuen relativ konstant, über Jahre stabil und dürften dazu beitragen, soziale Hierarchien in komplexen Tiergesellschaften langfristig aufrechtzuerhalten.

Das Team um Sonia Kleindorfer, Leiterin der in Grünau im Almtal (OÖ) ansässigen Konrad Lorenz Forschungsstelle der Universität Wien, untersuchte in der Studie eine frei lebende, an Menschen gewöhnte Graugänseschar, die rund 100 Tiere zählt. Die Graugänse (Anser anser) wurden 1973 von Nobelpreisträger Konrad Lorenz in Grünau angesiedelt und stehen seither unter wissenschaftlicher Beobachtung.

"Aggressive Verhaltensweisen wurden bereits früher zur Berechnung der Position von Individuen innerhalb einer Rangordnung herangezogen", schreiben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter in ihrer Arbeit. Allerdings wurde die längerfristige Stabilität aggressiven Verhaltens zwischen den Tieren bisher nicht als Grundlage für die Berechnung des sozialen Rangs verwendet.

In ihrer Studie quantifizierten die Forscher in den Jahren 2021 und 2023 die Aggressivität der einzelnen Vögel anhand eines standardisierten Tests mittels Spiegel bei der Fütterung. Feindseliges Verhalten äußert sich bei den Tieren in Form von Fauchen, drohendem Strecken des Halses oder Hinpecken auf das eigene Abbild. Reaktionen auf solche sogenannten "Spiegelstimulationstests" werden üblicherweise zur Bestimmung der individuellen Aggressivität und damit als Gradmesser der Persönlichkeit verwendet. Zudem stellten sie den Dominanzrang innerhalb der Schar anhand der Anzahl gewonnener bzw. verlorener Auseinandersetzungen bei der Fütterung fest.

Der soziale Rang war bei verpaarten Vögeln, Männchen und älteren Vögeln höher. Dabei fanden die meisten Rangkämpfe zwischen Tieren mit moderaten Rangunterschieden statt.

Es zeigte sich, dass die Aggressivität der einzelnen Vögel während der Spiegeltests in den Jahren 2021 und 2023 mit der Anzahl der gewonnenen bzw. verlorenen Kämpfe und dem sozialen Rang im Jahr 2023 zusammenhing. "Das deutet auf einen Mechanismus hin, der die Persönlichkeit mit der Hierarchie in der Schar verbindet", erklärte Kleindorfer gegenüber der APA. Offensichtlich begünstige die evolutionäre Selektion Persönlichkeitsmerkmale, die mit dem Erwerb von Ressourcen - im konkreten Fall Nahrung - verbunden sind. Zudem erhöhe eine hierarchische Rangordnung die Vorteile des Gruppenlebens und verringere die Kosten von Konflikten innerhalb der Gruppe.

(S E R V I C E - Internet: https://doi.org/10.1098/rsos.231686)