Amazon nascht mit "Fallout" am Apokalypsekuchen

Ella Purnell bei der Weltpremiere von "Fallout"
Im Kino wie auch im Fernsehen wimmelt es derzeit nur so vor Endzeitszenarien. "Mit dem Ende der Welt lässt sich viel Geld verdienen", heißt es an einer Stelle in der neuen Sci-Fi-Serie "Fallout". Natürlich erhofft sich der Streamer von Amazon das auch. Glücklicherweise ist die Videospieladaption von Lisa Joy und Jonathan Nolan ("Westworld") wunderbar schwarzhumorig und bizarr. Abrufbar bei Amazon Prime.

Im vergangenen Jahr kämpfte sich der Schauspieler Pedro Pascal in "The Last of Us" sehr erfolgreich durch eine Pilzapokalypse. Die HBO-Serie läutete das Ende schlechter Videospieladaptionen ein. Die "Fallout"-Spiele sind schon seit den 90ern ein Phänomen. Es war daher war nur eine Frage der Zeit, bis sie verfilmt werden. Vorkenntnisse braucht es keine. Jonathan Nolan und Lisa Joy, das Ehepaar hinter der Sci-Fi-Serie "Westworld", haben gemeinsam mit den Showrunnern Geneva Robertson-Dworet ("Captain Marvel") und Graham Wagner ("Silicon Valley") kein bestimmtes Kapitel adaptiert, sondern eine neue, fantasievolle Geschichte innerhalb des Spieleuniversums geschaffen.

Die Serie beginnt mit dem Abwurf einer Atombombe über Los Angeles. Und dann noch einer und noch einer. Eine Kindergeburtstagsfeier in den Hollywood Hills endet damit, dass die Menschen sich in Bunkern, sogenannten "Vaults", verschanzen - aber nur diejenigen, die sich das auch leisten können. Die Serie springt dann 219 Jahre in die Zukunft ins Jahr 2296 und wir treffen die liebenswürdige Lucy (Ella Purnell aus der US-Serie "Yellowjackets"), die in einer Art "Pleasantville"- Atombunker wohlbehütet aufgewachsen ist. Die Menschen hier sind freundlich zueinander und wollen "Amerika retten". Ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag entführen Fremde von der Erdoberfläche Lucys Vater (Kyle MacLachlan), also wagt sie sich in ihrem blau-gelben Overall in die verstrahlte Einöde, um ihn zu retten.

Die Welt, die sich die Macher des Spiels und der Serie hier ausgedacht haben ist ein herrliches retro-futuristisches Soziotop von Sonderlingen mit einem fröhlichen Soundtrack voller Hits von Ella Fitzgerald, Bing Crosby und Johnny Cash. Es gibt riesige Kakerlaken, kannibalische Banditen, eine Sekte, die sich die "Stählerne Bruderschaft" nennt und ein schreckliches Seemonster, dessen Zähne aus menschlichen Armen bestehen. Auf nichts von alldem ist ein ahnungsloses Publikum und Ella Purnells naive Lucy mit ihren großen, unschuldigen Augen vorbereitet und die noch relativ unbekannte amerikanische Schauspielerin ist eine großartige Mischung aus Ned Flanders und Lara Croft.

Spieler und Spielerinnen werden sich vielleicht darüber freuen zu hören, dass der pechschwarze Sinn für Humor und die Gore-Elemente des Franchise nicht verloren gegangen sind. Im Gegenteil. Ein fröhlich mörderischer Roboter versucht Lucys Organe zu stehlen, während sie buchstäblich auf der Suche nach dem abgetrennten Kopf eines Wissenschaftlers ist.

Aaron Moten spielt einen jungen Kerl, der es schafft, sich eine Powerrüstung zuzulegen und seine Fantasien als eine Art Iron Man der Postapokalypse auszuleben. Dann ist da noch ein radioaktiv verseuchter Cowboy, ein nasenloser, zombie-artiger "Ghul", dämonisch gespielt von Walton Goggins (bekannt aus der Serie "Justified"). Durch Rückblenden erfahren wir, dass er einst ein Filmstar war, der mit Werbung für den Weltuntergang Geld verdiente.

Denn auch das ist "Fallout": Eine Kritik am Kapitalismus. Die acht Folgen (eine 2. Staffel ist bereits in Arbeit) führen uns am Ende zu den hässlichen Wahrheiten, die hinter alldem stecken. "Der Weltuntergang ist ein Produkt", sagt eine Frau an einer Stelle - und sie hat natürlich recht. Aber es ist ein sehr unterhaltsames Produkt.

(Von Marietta Steinhart/APA)

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