APA - Austria Presse Agentur

Amok-Prozess - "Niemand weiß, was in seinem Kopf vorgeht"

Ein 42-Jähriger, der in Linz auf seine Frau eingestochen, auf der Flucht zwei Polizisten niedergefahren und mehrere Autos geraubt haben soll, ist laut dem psychiatrischen Gutachten von Heidi Kastner nicht zurechnungsfähig und weiterhin gefährlich, denn: "Niemand weiß, was in seinem Kopf vorgeht". Er höre Stimmen und habe keine Hemmungen zu tun, was diese ihm anschaffen. Es sei zu befürchten, dass er weitere Taten bis hin zu Tötungsdelikten auch an Unbeteiligten begehen werde.

Der Iraker steht seit der Vorwoche in Linz vor einem Geschworenengericht. Die Staatsanwaltschaft hat eine Einweisung in ein forensisch-therapeutisches Zentrum beantragt. Die letzte Entscheidung liegt bei den Geschworenen, die voraussichtlich im Lauf des Tages ihr Urteil sprechen werden. Am Donnerstag präsentierte Kastner ihr Gutachten. "Von einem signifikanten Behandlungserfolg sind wir ganz weit weg", sieht sie keine Alternative zu einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt.

Die Geschichte des Betroffenen - da er nicht zurechnungsfähig ist, wird er nicht als Angeklagter bezeichnet - ist über weite Strecken unklar, dürfte aber sehr dramatisch gewesen sein: Als Jeside ist er offenbar mit seiner Familie aus dem Irak über die Türkei in Richtung Österreich geflüchtet. Laut seinen Angaben seien die Frau und die Kinder - wie viele ist unklar - im Mittelmeer ertrunken. In Österreich war er mehrmals in Behandlung, weil er depressiv war.

Mit einer neuen Partnerin hat er zwei Kinder, er verlor aber den Kontakt - vermutlich auch, weil er immer wieder durch Aggressivität und Trinken auffiel. Er verlor auch seinen Status als subsidiär Schutzberechtigter. Einmal wurde er in die Psychiatrie zwangseingewiesen, nachdem er am Linzer Bahnhof randaliert hatte und in den Brunnen gesprungen war. In einer neuen Beziehung - mit dem Opfer der Tat, wegen der er vor Gericht steht - ist er ebenfalls aggressiv und extrem eifersüchtig. Seine Eifersucht habe sich zu einem "Wahn" gesteigert, so Kastner "und das ist ein Krankheit".

Den Betroffenen zu untersuchen sei "nur bedingt möglich gewesen, weil er nicht in der Lage war, ein geordnetes Gespräch zu führen". Er habe völlig wirre Angaben gemacht. Aufgrund des "Wortsalats", den er von sich gab, und seiner akustischen Halluzinationen diagnostizierte sie eine schizophrene Erkrankung. Zudem liege eine dissoziative Störung vor - das sei der "völlige Verlust der Erinnerung an das Vorige". So wisse er nicht mehr, ob er Kinder hat - obwohl er zuvor jahrelang den Tod seiner Kinder im Mittelmeer beklagt habe. Laut Kastner könne dies durch tragische Erlebnisse ausgelöst werden. Eine Behandlung habe lange nicht angeschlagen, auch heute - trotz achtmonatiger Behandlung - sei er nach wie vor auffällig.

Kastner geht davon aus, dass die Krankheit zum Tatzeitpunkt bereits "voll im Gange" gewesen sei. "Es ist auch gut denkbar, dass einige Tathandlungen auf Befehl von halluzinierten Personen erfolgt sind". Was eine Prognose betrifft, so sei damit zu rechnen, dass er auch künftig schwere Straftaten begehen könnte, denn: Wenn er von den Stimmen in seinem Kopf Befehle bekomme, "dann macht er es". Dass man bei ihm jemals zu einer Symptomfreiheit kommen werde, bezweifelt sie.

Der Iraker soll am 9. Jänner 2023 frühmorgens seine Noch-Ehefrau mit einem Messer lebensgefährlich verletzt und gewürgt haben. Seine elfjährige Stieftochter ging dazwischen und dürfte ihrer Mutter das Leben gerettet haben. Danach soll er einen Kollegen seiner Frau mit dem Umbringen bedroht haben. Kurz vor Mittag - es lief bereits eine Großfahndung nach ihm - sei er dann mit dem Auto direkt auf einen Kontrollposten zugerast, so die Anklage. Eine Polizistin und ihr Kollege wurden schwer verletzt. Dann soll er sich das Sturmgewehr des bewusstlosen Beamten geschnappt und damit auf die Polizistin und mehrere Verkehrsteilnehmer gezielt haben, bis es ihm gelang ein Auto zu rauben. Nach wenigen hundert Metern baute er damit einen Unfall, versuchte sich neuerlich mit Waffengewalt ein Auto zu beschaffen, wurde aber schließlich von der Polizei überwältigt. Der Betroffene war nur in wenigen Punkten geständig. Er berief sich immer wieder auf Erinnerungslücken oder darauf, dass er psychisch krank sei.