"Animal Farm": Ein Schweinesystem auf der Opernbühne

Auch in der "Animal Farm" sind manche Tiere gleicher als andere
Es ist ein Schweinesystem, das George Orwell einst in seinem Klassiker "Animal Farm" schilderte. Der 1945 veröffentlichte Schlüsselroman auf die Entwicklung der Sowjetunion seit ihrer Gründung scheint in seiner Zeitbezogenheit heute etwas entrückt, birgt aber die Kraft einer allgemeinen Parabel auf den Aufstieg und Fall von Utopien und den Untergang einer Revolution. Dies stellte Komponist Alexander Raskatov am Mittwochabend in der Wiener Staatsoper unter Beweis.

Der 70-jährige gebürtige Russe hatte Orwells politische Metapher im Vorjahr zur Uraufführung in Amsterdam gebracht, bevor das Auftragswerk nun zur Erstaufführung nach Wien weiterwanderte. In der Gestaltung von Regiestar Damiano Michieletto, der damit sein Debüt an der Staatsoper feierte, gelingt es, die Tierparabel als grau-kalte Politsatire auf die Bühne zu bringen, ohne sich dabei in allzu naheliegende aktuelle russische Anspielungen zu verlieren. Man zielt auf den kulturübergreifenden Gehalt ab.

Im Wesentlichen folgt die Raskatov-Adaption, an deren Libretto neben dem Komponisten selbst auch Ian Burton mitgewirkt hat, der Orwell'schen Vorlage und schildert die Revolution der Tiere auf der heruntergekommenen Farm von Bauer Jones. Von den anfänglichen Idealen der Gleichheit und den ersten Erfolgen bleibt alsbald wenig über. Die Schweine unter ihrem Anführer Napoleon setzen sich immer mehr als Führungskaste durch und errichten sukzessive eine Gewaltherrschaft samt Führerkult, der schließlich sämtliche Errungenschaften zum Opfer fallen.

Raskatov belässt diesen Fall einer Revolution im Fabelambiente der Vorlage und spiegelt diese gar in seiner Partitur wider. Immer wieder vermeint man im gewaltigen Orchesterapparat, dessen Schlagwerk ob der schieren Größe teils im Orgelsaal spielen muss und ins Auditorium übertragen wird, Tierlaute zu vernehmen.

Und auch bei den Solopartien transponiert der Komponist die einzelnen Tiergruppen phonetisch in seine Gesangslinien. Das Ia des alten Esels Benjamin, das Grunzen der Schweine oder das Wiehern der Pferde dient Raskatov als lautmalerischer Untergrund für die Musik. Die 21 Rollen decken dabei das gesamte Klangspektrum der menschlichen Stimme ab, wenn sich der alte Eber Old Major von Gennady Bezzubenkov beinahe im Infraschallbereich von Elefanten bewegt, während die eitle Schimmelstute Mollie der Koloratursopranistin Holly Flack in höchsten Tönen jubiliert. Und irgendwo in der Mitte findet sich Bassbariton Wolfgang Bankl als despotischer Napoleon im kalten Gestus.

Im Publikum hört man sich überraschend schnell in diese gleichsam dialektale Ausgestaltung der Stimmlinien ein, was nicht zuletzt an der Orchesterbehandlung Raskatovs liegt, der etwa bereits Opernfassungen von Michail Bulgakows "Hundeherz" oder Heiner Müllers "Germania" vorgelegt hat. In der sowjetischen Tradition der größeren Unmittelbarkeit stehend, lässt bei ihm vieles an Vorgänger wie Prokofjew oder Schostakowitsch denken, aber auch eine kleine "Casta Diva"-Pastiche wird eingeflochten - ein Klangkompendium, das der britische Dirigent Alexander Soddy bei seiner ersten Premiere fraglose meistert.

Michieletto verbrämt die Tiermetapher ebenfalls nicht ins Menschliche, sondern versieht die Sänger mit Masken, die zwar bisweilen den Klang etwas dämpfen und doch das Geschehen ins Gleichnishafte entrücken, ohne peinlich zu sein. Dem 48-jährigen Italiener gelingen damit klare, kalte Bilder abseits jeden Farmidylls. Langsam setzen sich die menschlichen Züge bei der neuen herrschenden Klasse durch, langsam fallen die Masken. Es ist saukalt in dieser neuen Gesellschaft.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - "Animal Farm" von Alexander Raskatov nach George Orwell an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Alexander Soddy, Inszenierung: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Alessandro Carletti. Mit Old Major - Gennady Bezzubenkov, Napoleon - Wolfgang Bankl, Snowball - Michael Gniffke, Squealer - Andrei Popov, Boxer - Stefan Astakhov, Benjamin/Young Actress - Karl Laquit, Minimus - Artem Krutko, Clover - Margaret Plummer, Muriel - Isabel Signoret, Blacky - Elena Vassilieva, Mollie - Holly Flack, Mr. Jones - Daniel Jenz, Mrs. Jones - Aurora Marthens, Mr. Pilkington - Clemens Unterreiner, 1. Mann von Pilkington/1. Sanitäter - Yechan Bahk, 2. Mann von Pilkington/2. Sanitäter - Michael Mensah, 1. Mann von Jones - Siegmar Aigner, 2. Mann von Jones - Benedikt Berndonner. Weitere Aufführungen am 2., 5., 7. und 10. März. www.wiener-staatsoper.at)

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