APA - Austria Presse Agentur

Anschlag in Wien: Mobile Terrorlage war Worst-Case-Szenario

Der erste Notruf zum Terroranschlag am Montagabend in Wien mit vier Toten war um exakt 20.00 Uhr und 48 Sekunden eingegangen.

"Schüsse in der Seitenstettengasse" hatte ein in der Nähe wohnender Zeuge gemeldet. Allein bis 21.00 Uhr folgten 539 weitere Anrufe am Polizeinotruf, am Abend zuvor waren es im selben Zeitraum 104 Notrufe. Die mobile Terrorlage - ein Attentäter, der sich im Bermudadreieck der Bundeshauptstadt bewegt - war ein Worst-Case-Szenario für die Polizei.

Es begann die sogenannte Chaosphase - so werden die ersten Minuten einer Sonderlage bezeichnet, wenn die Hintergründe noch unklar sind und alles offen ist. Sechs Beamte nahmen zu diesem Zeitpunkt in der Landesleitzentrale Wien Notrufe entgegen.

"Es gab im Sekundentakt immer mehr Notrufe, wir standen natürlich alle extrem unter Druck", erinnerte sich Inspektor Thomas F. am Wochenende im Gespräch mit der APA. Er nahm erst die Anrufe bei 133 und 112 entgegen und fungierte in weiterer Folge als Einsatzdisponent. "Schüsse werden tagtäglich am Notruf gemeldet - es handelt sich meistens um Knallkörper oder generelle Falschmeldungen. Deshalb sind wir ganz am Anfang auch von einer regulären Gefahrenerforschung ausgegangen. Als sich aber dann sekündlich die Meldungen über Schüsse wiederholten, war uns schnell klar, dass wir uns in Richtung Ausnahmezustand bewegen", ergänzte sein Kollege, Revierinspektor Christian H..

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Für die Polizei war es eine hochgradig dynamische Situation. Die APA konnte Einblick in das Einsatzprotokoll der Landesleitzentrale nehmen. Demnach erhielt der Einsatz bereits um 20.01.10 Uhr die Priorität 1 und beinahe zeitgleich wurde der erste Streifenwagen entsandt. Um 20.01 Uhr und 23 Sekunden meldete ein Bürger am Notruf einen Schusswechsel mit Schrotflinte am Schwedenplatz. Um 20.02.21 Uhr waren 15 Streifen inklusive Beamte der Wega auf dem Weg zum Tatort. Acht Sektorfahrzeuge der Wega waren am Montagabend regulär im Streifendienst unterwegs, in ihnen sitzen immer zwei Beamten.

Um 20.03.21 Uhr hatten Polizisten den ersten Kontakt mit dem 20-jährigen Täter - als noch nicht klar war, dass es sich dabei um eine Terrorlage handelte. Vor einer Bar in der Seitenstettengasse sichteten zwei Beamte der Polizeiinspektion Laurenzerberg den Täter und griffen ein. Es kam zum ersten Schusswechsel. Hierbei wurde der 28-Jährige Polizist schwer verletzt. "Kollege getroffen", hieß es um 20.04.48 am Funk.

Beinahe zeitgleich mit dem Erstkontakt mit dem Täter - um 20.03.22 Uhr - fand ein Beamter die erste verletzte Person. Um 20.05.12 Uhr lag eine erste Täterbeschreibung vor - Zeugen berichten davon, dass der Terrorist eine schwarze Kapuzenjacke trägt, was sich später als falsch herausstellte. Immer wieder wurden sehr unterschiedliche und widersprüchliche Wahrnehmungen angegeben.

Um 20.05.30 Uhr wurde erstmals gemeldet, dass der Täter mit einer automatischen Waffe schießt. Es wurde klar, dass es sich um eine absolute Ausnahmesituation, eine sogenannte Sonderlage, handelte. Um 20.06.43 Uhr ging die erste Meldung über eine schwerverletzte Person ein. Um 20.07.41 Uhr folgte der nächste Schusswechsel mit der Polizei, dieses Mal im Bereich Morzinplatz. Beinahe zeitgleich traf um 20.07.59 Uhr auch der Polizeihubschrauber ein. Um 20.08.31 Uhr wurde der Täter im Bereich der Ruprechtskirche gesichtet, zeitgleich wurden weitere Schüsse gemeldet. Um 20.09.42 Uhr kam am Funk die Meldung "Anhaltung eines Täters mit STG 77". Der Attentäter war zur Strecke gebracht.

Doch die Meldungen über einen bewaffneten Täter gingen weiter, ein derartiger Notruf wurde etwa um 20.11.29 Uhr protokolliert. Um 20.12.29 Uhr gab es erste Meldungen über Personen, die sich in Lokalen verbarrikadiert hätten - unzählige weitere folgten an diesem Abend und in der Nacht. Ab 20.13.49 Uhr wurden Anrufer von der Leitstelle angewiesen, jedenfalls in Gebäuden zu bleiben. Um 20.14.04 Uhr kam die Meldung, dass nicht gesichert ist, ob es weitere Täter gebe. Um 20.17.11 Uhr hieß es, dass sich bei der Ruprechtsstiege im Baum eine Person mit Rotlichtvisier befinde - dabei dürfte es sich um einen Polizisten gehandelt haben.

18 Minuten nach Beginn des Anschlags starteten viele Paralleleinsätze. Alle stellten sich später als Falschmeldungen heraus. Doch die Polizei musste selbstverständlich alle derartige Notrufe ernst nehmen. Um 20.18.31 Uhr wurde gemeldet, dass beim Stadtpark eine leblose Person aufgefunden wurde. Zeitgleich wurde aus immer mehr Lokalen Verletzte und Tote gemeldet. Um 20.21.17 Uhr meldete der Einsatzleiter der Polizei, dass der tote Attentäter einen Sprengstoffgürtel trägt. Dieser stellte sich später als Attrappe heraus.

Um 20.27.55 Uhr erfolgte der nächste große Paralleleinsatz - es gab eine Meldung über verdächtige Personen auf einem Hausdach in der City. Um 20.39.01 Uhr wurde am Franz-Josefs-Kai eine Rettungsstation eingerichtet. 30 Minuten nach Beginn des Anschlags - um 20.30.39 Uhr - meldete ein Zeuge bereits, dass er ein Video von einem Täter habe.

Laufend gaben Zeugen nunmehr am Notruf an, den bzw. die Täter gesehen zu haben. Aufgrund der chaotischen Situation wurden auch viele Polizisten als mögliche Terroristen wahrgenommen. Rund 150 Polizisten hatten sich am Montagabend selbst in den Dienst gestellt. Um 20.47.49 Uhr erfolgte der Funkspruch, Polizisten in zivil sollten eine gelbe Warnweste anlegen.

Unzählige Paralleleinsätze folgten. Angebliche Täter wurden unter anderen am Hohen Markt, am Hof, in einem Lokal oder im Keller von Lokalen gesichtet und gemeldet. Um 20.45.33 Uhr hieß es beispielsweise: "Schüsse am Tuchlauben". Um 21.30.00 Uhr meldete jemand eine Geiselnahme in einem Restaurant auf der Mariahilfer Straße. Um 21.49.05 Uhr wurden vorgeblich verdächtige Personen mit Langwaffen in der U-Bahn wahrgenommen. Außerdem gab es aus mehreren Bezirken Notrufe wegen vermeintlicher Schüsse. All diese Paralleleinsätze stellten sich als Falschmeldungen heraus, banden aber viele Einsatzkräfte.