Ausstellungsprojekt "Raub" soll "Holocaust anders erzählen"

Mittels der Videodisplays wird der "Raub" nachvollziehbar gemacht
Eine Ausstellung ohne originale Objekte: Das haben das Jüdische Museum Wien (JMW) und das Wien Museum mit ihrem Kooperationsprojekt "Raub" umgesetzt.

Im Fokus steht die systematische Enteignung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung Wiens nach dem "Anschluss" Österreichs. Vor Ort bekommt man die Gegenstände aber nur per Videoinstallation zu Gesicht. Es sei der Versuch, "die Geschichte des Holocausts anders zu erzählen", so JMW-Direktorin Barbara Staudinger.

"Raub" sei eine "unkonventionelle Ausstellung", die ganz bewusst als "künstlerische Installation" und Denk- sowie Mahnmal konzipiert sei, ergänzte Wien-Museum-Leiter Matti Bunzl bei einer Presseführung am Mittwoch. "Ich halte das für extrem angebracht." Zwölf exemplarische Fälle wurden vom Kuratorenduo Hannes Sulzenbacher und Gerhard Milchram ausgewählt. Ab März 1938 sei ein "gigantischer Raubzug" in Wien möglich geworden. "Die Menschen wussten: Jetzt bekommen wir freie Bahn", erläuterte Sulzenbacher. "Auch deshalb haben wir überlegt, ob wir die Ausstellung vielleicht nicht 'Raub', sondern 'Gier' nennen sollten."

Wie aber die von Privatpersonen ebenso wie von Institutionen durchgeführten Raubzüge nachvollziehbar und anschaulich machen? Man entschied sich für Videos, die man zu den Fällen gestaltete. Im Mittelpunkt stehen die geraubten Objekte, von Alltagsgegenständen wie Uhren bis zu Kunstwerken, die auf den Displays im Jüdischen Museum ein- und auf jenen im Wien Museum wieder ausgepackt werden. Für das visuelle Konzept zeichnet Filmemacher Patrick Topitschnig verantwortlich, der die Gegenstände ganz nah heranholt und sie vorsichtig von behandschuhten Händen behandeln lässt. Die Originale selbst werden hingegen nicht gezeigt. "Es ist quasi wie eine Erinnerung", so Sulzenbacher. "Der Entzug soll sinnlich erfahrbar werden. Wir wollen diese Abwesenheit zur Anwesenheit machen."

Unter den zwölf vorgestellten Fällen und Schicksalen - die Ausstellungstexte führen jeweils auch die persönlichen Geschichten der ursprünglichen Besitzer vor Augen, mittels QR-Code lässt sich noch tiefer eintauchen - finden sich etwa der Zuckerfabrikant Oscar Bondy oder Rechtsanwalt Siegfried Fuchs, aber auch "anonyme Beute" aus dem Dorotheum. Das Auktionshaus war damals eine der großen Profiteure der Beraubung der jüdischen Bevölkerung, wurden hier doch viele Objekte weiterverkauft. An die Städtischen Sammlungen gingen von 1938 bis 1945 rund 1.500 Objekte aus dem Dorotheum, die im Verdacht stehen, aus jüdischem Besitz zu stammen. Die Eruierung der Vorbesitzer ist in vielen Fällen aber äußerst schwierig, was nicht zuletzt mit fehlenden Akten zutun hat. Teils handelte es sich auch um Objekte, die in Massenfertigung hergestellt wurden.

In diesem Zusammenhang verwies Bunzl auf die Bedeutung der Provenienzforschung, man müsse als Museum weiter selbstkritisch bleiben und sich die Frage stellen: "Wie geht man um mit Unzulänglichkeiten in der Geschichte der eigenen Institution?" Milchram wiederum verwies auf 25 Jahre Restitutionsforschung der Stadt Wien, zu der jüngst eine umfassende Publikation erschienen ist und die auch den Anstoß zu "Raub" gegeben haben. Dabei machte er deutlich: "Diese 25 Jahre sind kein Anlass für Jubel, sondern Anlass nachzudenken, wie schnell eine Gesellschaft ins Unmenschliche kippen kann."

(S E R V I C E - Ausstellung "Raub" von 6. Juni bis 27. Oktober im Jüdischen Museum, Museum Judenplatz, Judenplatz 8, 1010 Wien, sowie im Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien. Katalog zur Ausstellung hrsg. von Gerhard Milchram und Hannes Sulzenbacher, Eigenverlag Jüdisches Museum; weitere Infos unter www.jmw.at, www.wienmuseum.at)

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