APA - Austria Presse Agentur

Autor Robert Schindel: Heute TV-Porträt zu seinem 80er

Angst sei die Haupttriebfeder seines Schreibens gewesen, bekennt der Autor Robert Schindel in einem TV-Porträt von Katja Gasser und Imogena Doderer, das heute, Montag (25.3.) um 23.30 Uhr auf ORF 2 ausgestrahlt wird. Seit er dahintergekommen ist, damit seine Ängste, die ihn seit der Kindheit verfolgten, bannen zu können, schreibt er und ist aus dem literarischen und intellektuellen Leben Österreichs nicht wegzudenken. Am 4. April feiert Robert Schindel seinen 80. Geburtstag.

Schindel wurde 1944 in Bad Hall (Oberösterreich) geboren - "als Wechselbalg rassisch minderwertiger Eltern / Welche sich als Fremdarbeiter aus Elsass ausgaben", wie er in seinem Gedicht "Erinnerungen an Prometheus" schreibt. Unter dem falschen Namen Robert Soel überlebte der Sohn jüdischer Kommunisten und Widerstandskämpfer als vorgebliches Kind von Asozialen in einem Heim der NS-Volkswohlfahrt. Sein Vater wurde in Dachau hingerichtet, seine Mutter überlebte Auschwitz und Ravensbrück und kehrte nach Wien zurück. Von ihr, die soviel Schreckliches überlebt hat, habe er seine Lebenszugewandtheit, sagt Schindel in der Doku "Schreiben gegen die Angst".

Nach einer Buchhandelslehre und der Externistenmatura begann er ein Philosophiestudium. In der Wiener Studenten- und Kommunenbewegung war er ab 1967 als Maoist politisch hoch aktiv, mit Josef Stalin, der in der kommunistischen Familie schon mal "Pepi-Onkel" genannt wurde, brach er. Seine Liebe zu Wien blieb jedoch ungebrochen. Seine Wohnung in der Leopoldstadt und die Wiener Kaffeehäuser sind für ihn die wichtigen Schreiborte, wiewohl er in der Sendung bekennt, dass es ihn Überwindung koste: Er liebe es, geschrieben zu haben, nicht aber zu schreiben.

1970 erschien in der von ihm mitgegründeten Zeitschrift "Hundsblume" sein erster Roman "Kassandra". Er war u.a. als Bibliothekar bei der Gemeinde Wien, als Nachtredakteur bei AFP, als Regieassistent und Dramaturg und als Schauspieler bei Fernsehfilmen tätig. Zwischen 1979 und 1983 arbeitete er an verschiedenen Drehbüchern mit, die von Lukas Stepanik verfilmt wurden.

Seit 1985 arbeitet er als freischaffender Schriftsteller. 1986 erschien sein erster Gedichtband "Ohneland". Es folgten zahlreiche weitere wie "Geier sind pünktliche Tiere" (1987), "Im Herzen die Krätze" (1988), "Mein mausklickendes Saeculum" (2008) oder "Scharlachnatter" (2015).

Vor wenigen Monaten erschien sein neuer Gedichtband "Flussgang", der jüngst unter den Empfehlungen zum "Welttag der Poesie" war. "Zu Pathos neigt Schindel nicht, eher zur forcierten Farce. Überhaupt macht der Zusammenklang von hohem und niedrigem Ton den charakteristischen Schindel-Sound aus", schrieb Jurorin Daniela Strigl dazu: "Der ironische Blick gilt auch dem eigenen Dichtertum - 'Poetenzores': 'Es gibt Tage da wollen die Wörter nicht kommen / Es gibt Nächte da wollen die Wörter nicht gehen'."

Als Schindel 2014 mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik geehrt wurde, hieß es in der Begründung: "Ihm gelingt, was nur große Literatur vermag: dass wir Zeitgenossen uns begreifen und Spätere uns verstehen." Die Jury rühmte sein "formal reiches, vielgestaltiges Werk - Gedichte, Romane, Stücke, Libretti und Essays", aus dem er "ein großes Orchester von Stimmen und Stimmungen, Idiosynkrasien und Traumata, Glücksmomenten und Sehnsüchten, Vergessenem und Schwelendem" entwickelt habe.

1998 bis 2002 war Schindel Jurymitglied des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises, 2009 bis 2012 der erste Leiter des Instituts für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Schindel hat auch ein Libretto geschrieben, die Oper "Don Juan wird 60" des Komponisten Dirk d'Ase, eigentlich ein Auftrag zum Mozartjahr, wurde bisher noch nie aufgeführt. Sein ursprünglich im Auftrag des Volkstheaters geschriebenes Stück "Dunkelstein" wurde 2016 im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt.

Zu breiter Popularität gelangte Schindel als Erzähler. Sein Roman "Gebürtig" (1992), ein literarisches Vexierspiel zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart der Waldheim-Zeit, wurde 2001/02 von Schindel und Lukas Stepanik verfilmt. 2013 folgte "Der Kalte". Der Abschluss-Band der geplanten Trilogie "Die Vorläufigen" beschäftigt ihn seit Jahren.

Die Hauptfigur dieses Buches mit dem Arbeitstitel "Genia oder Die lichte Zukunft" ist seiner verstorbenen Mutter nachgebildet. "Es ist die Geschichte einer Kommunistin im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa, die alle Irrtümer und Dummheiten der Kommunisten mitgemacht hat. Ich möchte am Beispiel dieser Figur die Hoffnungen, Verwerfungen, Utopien, aber auch die Gedankenverbrechen dieser Generation darstellen."

Im ursprünglichen Plan hätte sie in die Sowjetunion gehen und die Schrecken des Stalinismus aus nächster Nähe erleben sollen. Mit einer Konzeptänderung, die ihn eineinhalb Jahre gekostet hat, habe er sich nun "die Sowjetunion beim Schreiben erspart", erzählt Schindel im Gespräch mit der APA. Nun ist er mehr bei der realen Lebensgeschichte der Mutter und damit in Paris, wo sich die Spanien-Kämpfer formierten, statt in Moskau. "Jetzt geht es wieder mehr voran." Mit dem Verlag sei der 30. Juni 2025 als Abgabetermin vereinbart - "wenn ich ihn einhalte, und wenn ich ihn geistig frisch erlebe".

Dass er erleben werde, dass österreichische Kommunisten unter dem Titel "KPÖ plus" Wahlerfolge einfahren, habe er nicht erwartet, meint Schindel, der die Entwicklung durchaus zwiespältig verfolgt. Einerseits freue er sich für die handelnden Personen und wünsche Kay-Michael Dankl viel Glück und halte auch die ausgebrochene Debatte um den Parteinamen für die Forcierung eines "wohlerprobten Antikommunismus", andererseits gibt er im Hinblick auf seine eigene Auseinandersetzung mit der Parteigeschichte zu: "Ich weiß nicht, ob ich es über mich brächte, sie zu wählen. Ich glaube, das schaffe ich nicht."

Den Geburtstag werde er mit einem Fest im privaten Rahmen begehen, sagt Schindel. Der 80er ist auch bei ihm ein Grund zum Feiern und zum Zurückblicken. Oder, wie es in "Flussgang" heißt: "Im Kaffeehaus schaue ich auf die Uhr und entnehm ihr, / Dass ich schon fast achtzig Jahre sitze am Felsendom, / Wenn nicht dreitausend. Es ist Zeit, dass die Zeit vergeht. / Nun übernehmen die Haie."

(S E R V I C E - "Schreiben gegen die Angst - Robert Schindel im Porträt", 25.3., 23.30 Uhr, ORF 2)