APA - Austria Presse Agentur

Bad Goisern stellt als Kulturhauptstadt Handwerk ins Zentrum

Sie heißen SCALA und OTELO, "Testimonial" und "PerlMUT" und sind der Beweis dafür, dass in Bad Goisern eine überaus lebendige Szene entstanden ist, die alte Handwerkstraditionen zu erhalten und mit zeitgenössischer Kunst zu verbinden sucht. Zentrum der Aktivitäten ist das 2009 im ehemaligen Försterhaus des Schlosses Neuwildenstein eröffnete "Hand.Werk.Haus Salzkammergut". Die Liste der Projekte, die hier im Lauf des Kulturstadtjahres umgesetzt werden, ist lang.

Das "Hand.Werk.Haus" steht als "Zentrum für handwerkliche Gegenwartskultur" für einen Perspektivenwechsel, der in Zeiten von Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung ein neues Rollenbild des Handwerks als materieller und kultureller Nahversorger propagiert. Hier ist ein moderner Shop ebenso zu finden wie Workshopräume, eine gerettete Buchbinderei und eine attraktiv gestaltete Handwerksausstellung. Über die Aktivitäten gibt das großformatige Magazin "Testimonial" Auskunft.

Seit 2023 gibt es einen Open Space, der für Ausstellungen, Treffen und Veranstaltungen genutzt werden kann, im hauseigenen Beisl wird Kaffee von "Hrovat's röstet" gebraut. Der hauptberufliche Apotheker Georg Hrovat betreibt die nach eigenen Angaben einzige mit Holz befeuerte Kaffeerösterei nördlich der Alpen. Das verleihe dem Kaffee eine rauchige Note, die an Whiskey erinnere, erklärt er.

Hrovat ist Teil jener Gruppe engagierter Handwerker und Gewerbetreibender, die dafür sorgen, dass den sonst üblichen Klagen über Abwanderung und Leerstände in Bad Goisern etwas entgegengesetzt wird - für die Intentionen von Kulturhauptstadt-Intendantin Elisabeth Schweeger geradezu ein Musterbeispiel. Deswegen hat hier die Kulturhauptstadt auch schon 2023 begonnen. Hier kommen SCALA und OTELO ins Spiel. SCALA steht für Salzkammergut Craft Art Lab und ist ein Gemeinschaftsprojekt von Hand.Werk.Haus und der Genossenschaft Offenes Technologielabor (OTELO), die seit 2017 in Bad Goisern einen Ableger hat.

Im nebenan gelegenen Stephaneum, einer früher von den Schulbrüdern betriebenen Hauptschule, die 2010 geschlossen wurde, sind in den ehemaligen Klassen Arbeitsräume eingerichtet worden. Seit März 2023 gibt es hier die Möglichkeit für Künstler und Handwerkerinnen, mehrwöchige Arbeitsaufenthalte zu verbringen und sich mit Kollegen und Kolleginnen aus der Region auszutauschen, um voneinander zu lernen. Im März sind die Bereiche Metall/Schmuck und Textil/Leder ausgeschrieben, im April Buch/Druck/Papier.

Im Mai lautet das Motto "PerlMUT". Als Artists in Residence werden der US-Textil- und Keramikdesigner Shae Bishop und der japanische Glaskünstler Shige Fujishiro erwartet. Sie sollen auf die traditionellen Perlhauben und Goldbänder der Region treffen. Am 25. Mai wird die Sonderausstellung "PerlMUT" eröffnet und soll ein "rauschendes Perlhauben- und Goldband-Treffen" mit Umzug und Tanz auf dem Marktplatz die Lebendigkeit dieser textilen Tradition unter Beweis stellen, bei der sich die schwarze Perlhaube als preisgünstigere und dennoch prächtige Variante der bekannteren Goldhaube entwickelte.

Mit rund 280 Arbeitsstunden für die Herstellung müsse man jedoch rechnen, hieß es bei der Vorstellung der Projekte, bei der die Obfrau der Goldhauben- und Kopftuchgruppe Bad Goisern, Brigitte Mittendorfer, es sich nicht nehmen ließ, das eindrucksvolle Ergebnis solch intensiver Stick- und Näharbeit den internationalen Journalisten persönlich vorzuführen.

In der Zukunft strebe man eine Jahressubvention des Kulturministeriums an und wolle das "Hand.Werk.Haus Salzkammergut" in Richtung Offenes Kulturhaus weiterentwickeln, erläutert der Tischler und Projektentwickler Dietmar Laimer-Hubmann im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur. "So etwas gibt es im Salzkammergut noch nicht."

Für das Stephaneum haben die Besitzer allerdings andere Pläne. Sie möchten hier ein Kulturhotel errichten und suchen nach Investoren. "Wie sehen das als Win-Win-Situation", meint Laimer-Hubmann, der zum Führungsteam von SCALA und OTELO gehört. "Wenn sich das Projekt zerschlägt, können wir dort bleiben. Wenn aus dem Projekt etwas wird, wollen wir die untere Ebene mit Workshops und Begegnungsräumen bespielen."

Wann einer der berühmtesten Söhne des Ortes, nämlich Hubert von Goisern, im Kulturhauptstadtjahr in Bad Goisern spielen wird, ist dagegen noch eine Überraschung. Fix ausgemacht sei der Auftritt jedoch, verspricht Laimer-Hubmann. Im dichten Programm ist er, noch ohne Termin, jedenfalls angekündigt - als Konzert mit "akustischen Übergriffen der besonderen Art".