Bandengewalt in Haiti: Elon Musk über Kannibalismus-Videos

Bandenchef "Barbecue" forderte Rücktritt von Premier Henry
Die Gewalt ist eskaliert, fragwürdige Berichte über Kannibalismus und altertümliche Volksglauben mischen sich zu Fake News.

Anhaltende Bandengewalt hat in Haiti den Druck auf den im Ausland gestrandeten Regierungschef Ariel Henry erhöht und die humanitäre Krise weiter verschärft. Das US-Militär flog am Wochenende Mitarbeiter:innen der US-Botschaft aus und verstärkte dort die Sicherheitsvorkehrungen, wie das Regionalkommando Southcom am Sonntag mitteilte. Die Gewalt der mächtigen Banden, welche die Interimsregierung von Premierminister Henry stürzen wollen, legt große Teile Haitis seit rund zehn Tagen lahm.

Seit Anfang März kursieren eine Menge Fake News rund um das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, darunter auch Berichte von Kannibalismus in den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince.

Was ist in Haiti los?

Ende Februar war in Haiti, wo Banden laut UNO bereits etwa 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince kontrollierten, die Gewalt eskaliert. Henry war zu der Zeit auf einer Auslandsreise, unter anderem in Kenia dem Land, das eine vom UNO-Sicherheitsrat genehmigte Sicherheitsmission in Haiti anführen soll. Seither kehrte er offenbar wegen der Sicherheitslage nicht nach Haiti zurück. Am Dienstag reiste Henry nach Puerto Rico, nachdem ihm die Dominikanische Republik keine Landeerlaubnis erteilt hatte. Beide internationale Flughäfen in Haiti sind wegen der Gewalt geschlossen.

Die zwei wichtigsten bewaffneten Gruppen des Landes hatten sich zusammengeschlossen. Ihr Anführer, der Ex-Polizist Jimmy Chérizier alias "Barbecue", forderte Henry zum Rücktritt auf andernfalls werde es zu einem Bürgerkrieg kommen. Die Banden befreiten mehr als 4.500 Häftlinge aus zwei Gefängnissen und griffen unter anderem Einrichtungen der Polizei und Flughäfen an. Am Hafen von Port-au-Prince kam es zu Plünderungen. Nach einem Bericht des Portals "AyiboPost" zeigte die notorisch unterbesetzte Polizei kaum noch Präsenz in den Straßen der Hauptstadt.

"Die Zivilbevölkerung flieht in Massen, verschiedene Orte werden von bewaffneten Banden belagert, es fehlt an lebensnotwendigen Gütern", schreibt das Portal.

Zivilbevölkerung in Gefahr

Wie viele Menschen der Gewalt zum Opfer fielen, ist bisher unklar. Die "Washington Post" berichtet von Leichen auf offener Straße, die wegen der Sicherheitslage nicht bestattet werden konnten und stattdessen verbrannt wurden. Fast die Hälfte der rund elf Millionen Einwohner:innen Haitis leidet laut UNO unter akutem Hunger.

Das Gesundheitssystem stand nach Angaben vom Mittwoch des UNO-Hochkommissars für Menschenrechte, Volker Türk, am Rande des Zusammenbruchs.

Ariel Henry, ein 74-jähriger Neurochirurg, hatte die Regierungsgeschäfte übernommen, nachdem Präsident Jovenel Moïse am 7. Juli 2021 in seiner Residenz ermordet worden war. Seitdem wurden keine Wahlen abgehalten, Haiti hat derzeit weder einen Präsidenten noch ein Parlament. Die frühere Besatzungsmacht USA der viele Haitianer:innen und Beobachtende nachsagen, den unbeliebten Henry bisher an der Macht gehalten zu haben forderte ihn in den vergangenen Tagen auf, den politischen Übergang zu beschleunigen. UNO-Generalsekretär António Guterres rief dazu auf, die multinationale Sicherheitsmission zu finanzieren.

Kannibalismus in Haiti

In sozialen Medien berichten wenig seriöse Quellen von Kannibalismus auf offener Straße, zitieren dabei anonyme Quellen, auf die niemand sonst verweist. Lokale Nachrichten zeigen keine Berichte dergleichen, jedoch erklärt es die lokale Community auf Reddit. Anscheinend ist der Beiname des Bandenanführers ein ironischer Zufall es soll unter den Gangs in Haiti, einen gewissen okkulten Wettstreit geben. Ein oft erzählter Witz über Haiti besagt, dass die Bevölkerung der Insel zu 85 Prozent römisch-katholisch, zu 15 Prozent protestantisch und zu 100 Prozent Vodou ist.

Vodou ist die Bezeichnung für den lokalen mystischen Volksglauben, welcher auch die örtlichen Gangs nicht auslässt. Berichten zufolge essen sie ihre getöteten Gegner:innen teilweise.

"Die Kämpfe zwischen den Banden sind von einer Mystik umgeben, die weit über das Vorstellungsvermögen vieler Menschen hinausgeht. Jedes Mal, wenn ein neuer Anführer ernannt wird, findet eine Zeremonie mit vielen Besonderheiten statt, von denen die meisten mit dem Voudou zu tun haben, viele aber auch mit dem Wahnsinn der Teilnehmenden. Wenn ein Kampf vorbei ist, werden die Leichen meist verbrannt, weil sie so viele Geschichten zu erzählen haben. Manchmal essen sie aber auch Teile ihrer Gegner:innen. Und das kommt bei diesen Bandenkämpfen häufiger vor, als man denkt", erklärt ein lokaler anonymer Nutzer auf Reddit.

Die Informationslage in Haiti ist sehr undurchsichtig, viele verschiedene Quellen behaupten unterschiedliche Sachen und Videos werden aus dem Kontext gerissen. 

Kritik an Elon Musk: Verbreitet er Fake News?

Auch X-Inhaber Elon Musk äußert sich zu den Videos, die derzeit auf seiner Plattform kursieren. Der rechtsgerichtete Aktivist Matt Walsh kritisierte in einem Post den Sender NBC. Dieser berichtete in einem Artikel, dass Walsh, Musk und andere Fehlinformationen über die Lage in Haiti und ungeprüfte Berichte über zunehmenden Kannibalismus verbreiten würden. Er kritisiert, dass NBC genau diese Berichte im weiteren Text selbst bestätigt.

Elon Musk bestätigt daraufhin selbst ein solches Video, scheinbar aus Haiti, gesehen zu haben.

Doch der Aktivist verkennt den Unterschied – zwischen veralteten Snapchat-Videos rivalisierender Gangs und verifizierbaren Berichten über zunehmenden Kannibalismus. Musk macht es ihm jedoch nach und verbreitet ein falsches Bild der Lage.

Folgen für Haiti

Angesichts der Gewalteskalation hat sich die humanitäre Lage in dem Karibikstaat dramatisch verschlechtert. Die Bewohner:innen der Hauptstadt Port-au-Prince lebten "eingesperrt", die Stadt sei "von bewaffneten Gruppen und Gefahren umzingelt", erklärte Philippe Branchat, Leiter des Haiti-Büros der Internationalen Organisation für Migration (IOM), am Samstag.

Mehr als 360.000 Menschen sind inzwischen nach IOM-Angaben innerhalb Haitis vor der Gewalt geflohen.

IOM-Vertreter Branchat meldete Gewaltausbrüche auch aus dem nordwestlich der Hauptstadt gelegenen Artibonite, Straßenblockaden aus Cap Haitien im Norden und Treibstoffmangel aus dem Süden. Staatliche Behörden und Schulen im Land sind dauerhaft geschlossen.

Neben den direkten humanitären Folgen hat die undurchsichtige und sensationslüsterne Berichterstattung in den sozialen Medien einen weiteren Effekt. Sie entmenschlicht die Situation in Haiti, entfernt sie aus unserer menschlichen Wahrnehmung als Krise und macht sie zu einer Nachricht mit Nachrichtenwert.

Auch die Gesundheitsversorgung ist nach IOM-Angaben stark beeinträchtigt. Mehrere Krankenhäuser seien von Banden angegriffen worden, ärztliches Personal und Patient:innen hätten Kliniken verlassen müssen unter ihnen neugeborene Babys. Mehrere Vertreter von UNO-Organisationen in Haiti warnten in einer gemeinsamen Erklärung davor, dass 3.000 schwangere Frauen möglicherweise vom Zugang zu medizinischer Versorgung abgeschnitten seien. 450 von drohten ohne ärztliche Hilfe "tödliche Komplikationen".

Kommentare