APA - Austria Presse Agentur

Bayreuther "Rheingold" hat die Familienaufstellung eröffnet

Lange musste die Opernwelt auf den Bayreuther "Ring" des jungen österreichischen Regisseurs Valentin Schwarz warten. Schließlich hätte die neue Deutung des Mammutwerks eigentlich bereits 2020 Premiere am Grünen Hügel feiern sollen. Nach coronabedingter Verschiebung war es nun am Sonntagabend soweit. Mit dem "Rheingold" ging Teil 1 der Tetralogie über die Bühne - und provozierte nach dem Fallen des Vorhangs bereits einen Kampf zwischen Buhs und Bravi-Rufen.

Wie die finale Bilanz für die Regie ausfällt, wird bei den Festspielen allerdings stets erst am Ende ermittelt, wenn nach dem letzten Ton der "Götterdämmerung" Valentin Schwarz und sein Team erstmals auf die Bühne kommen werden. Klar scheint aber jetzt bereits, dass der Regisseur und sein Stammbühnenbildner Andrea Cozzi mit den Andeutungen im Vorfeld ernst machen. Sie packen das mystische Geschehen des "Rings" in eine heutige Ästhetik samt heutiger Figuren, die an Serienfamilien wie die "Sopranos" erinnern. Auf die Fantasyaspekte des Werks lässt sich Schwarz nicht ein, verzichtet etwa auf spektakuläre Verwandlungen in Lindwürmer oder Kröten.

Dass es um die Familie geht, macht bereits der Beginn der Welterzählung deutlich, wenn Schwarz zu Beginn beim Erdgrummen in einem Film zwei Föten zeigt, bei denen der eine dem anderen ein Auge ausreißt. Wotan, der einäugige Göttervater, hat mithin einen Zwillingsbruder - Alberich. Ein Brüderkonflikt, der also zum denkbar frühesten Zeitpunkt anhebt.

Jahrzehnte später ist Wotan (Egils Silins) Oberhaupt eines mutmaßlich neureichen, semimafiösen Familienclans in der Prachtvilla - vulgo Walhall. Alberich (Olafur Sigurdarson) hingegen ist der kleine Proletarier, auf den von diesem Reichtum nichts abfiel. Am Swimmingpool scheitert er an den Kindermädchen, den Rheintöchtern, und entführt ihnen nicht das Rheingold, sondern einen dunkelhaarigen Buben. In Nibelheim kompensiert dieses Entführungsopfer die Traumata mit Destruktion, wird von seinem Ziehvater Alberich in der Sprache der Gewalt erzogen.

Hier wächst ein - man kann es zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren - Hagen heran, der aus diesem vermeintlichen Goldjungen entstehen wird. Der spätere Siegfried-Mörder ist also frühkindlich traumatisiert worden. Schließlich wird das diabolische Kind von Wotan und Loge dem Entführer Alberich wieder entrissen und erst als Arbeitslohn an die porschefahrenden Bauarbeiter Fafner und Fasolt weitergereicht, als Wotans Zweitfrau Erda als Allwissende interveniert.

Vieles ist nach diesem Vorabend der Tetralogie offen, gleich einem Pilotfilm nur angedeutet, mit Cliffhangern versehen. Doch bereits jetzt lässt sich konstatieren, dass Schwarz sich nicht um Text- und Erzählschere schert, sondern sich weit aus dem Fenster in der Deutung der "Ring"-Geschichte lehnt. Aber man sollte eine Serie ja nie nach dem Piloten beurteilen.

Im Graben jedenfalls nimmt Cornelius Meister, relativ spät für den coronaerkrankten Pietari Inkinen eingesprungen, die Partitur überraschend transparent. Nichts ist hier vom berühmtem Bayreuther Klangamalgam zu spüren, mit flottem Zugriff lässt der 42-jährige ehemalige Chefdirigent des Wiener RSO vor allem den Bläsern Raum zu glänzen. Er wurde am Ende ebenso bejubelt wie Okka von der Damerau als sämig-erdige Erda und Olafur Sigurdarson, der das Kunststück zuwege brachte, den sonst als fiesen Zwerg erscheinenden Alberich als armen Randständigen und ehrliche Haut zu interpretieren. Der nächste Teil der Familienaufstellung folgt bereits am heutigen Montagabend.

(S E R V I C E - Richard Wagners: "Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold" im Rahmen der Bayreuther Festspiele. Musikalische Leitung: Cornelius Meister, Regie: Valentin Schwarz, Bühne: Andrea Cozzi, Kostüme: Andy Besuch. Mit Wotan - Egils Silins, Donner - Raimund Nolte, Froh - Attilio Glaser, Loge - Daniel Kirch, Fricka - Christa Mayer, Freia - Elisabeth Teige, Erda - Okka von der Damerau, Alberich - Olafur Sigurdarson, Mime - Arnold Bezuyen, Fasolt - Jens-Erik Aasbø, Fafner - Wilhelm Schwinghammer, Woglinde - Lea-ann Dunbar, Wellgunde - Stephanie Houtzeel, Floßhilde - Katie Stevenson. Weitere Aufführungen am 10. und 25. August. www.bayreuther-festspiele.de/programm/auffuehrungen/das-rheingold/)