APA - Austria Presse Agentur

Bernsteins Sohn Alexander: "Dirigenten sind große Egomanen"

Am 7. Juli feiert Alexander Bernstein 67. Geburtstag. Den Großteil seiner Arbeitszeit widmet der Schauspieler und Hochschullehrer dem Vermächtnis seines Vaters, des großen Leonard Bernstein - ist er als Vizepräsident des Bernstein Offices doch für die Genehmigung von Inszenierungen der Werke seines Vaters zuständig. Dazu gehört auch eine neue "West Side Story"-Produktion, die im Dezember in München Premiere feiert und von 31. Jänner bis 5. Februar 2023 in Wien zu erleben ist.

Aus diesem Anlass sprach die APA mit Alexander Bernstein über die Liebe seines Vaters zur eigenen Popularität, die Sonderstellung der "West Side Story" in dessen Œuvre und das Vermächtnis von Leonard Bernstein.

APA: Sie sind als Vizepräsident des Bernstein Offices beständig mit der Welt Ihres Vaters konfrontiert. Hat es Sie nie gereizt zu rebellieren?

Alexander Bernstein: Oh, das habe ich auch! Aber das habe ich überwunden. (lacht) Das Erbe meines Vaters ist aber solch ein Schatz, dass ich einfach nur glücklich bin, dass ich das fortführen darf.

APA: Was ist konkret Ihre Aufgabe im Bernstein Office?

Bernstein: Meine Schwestern Jamie und Nina und ich besitzen die Gesellschaft, aber wir haben natürlich auch wunderbare Mitarbeiter, die uns helfen. Meine Schwestern und ich haben aber das letzte Wort bei den Entscheidungen. In der Aufteilung unter uns Geschwistern bin ich im Wesentlichen zuständig für die Bühnenwerke, also "West Side Story", "Candide" oder "On the Town". Ich gehe deshalb zu den Treffen mit den Leadingteams, und ich unterzeichne auch die Verträge. Also das ganze Klein-Klein, aber ich liebe das.

APA: Sie müssen also Ihr Okay zu allen Bernstein-Produktionen geben, die weltweit geplant sind. Was sind da Ihre Kriterien für eine Zustimmung?

Bernstein: Wir achten natürlich besonders auf die musikalische Gestaltung, weil es ja auch die anderen Rechteinhaber gibt. Wir sind also beispielsweise nicht mit der Auswahl des Choreografen befasst.

APA: Ich bekomme also eine "West Side Story" am Mond bei Ihnen durch, wenn der Dirigent gut ist?

Bernstein: Wir treffen uns dann natürlich und sprechen darüber. Aber wenn es am Mond ein Publikum für die "West Side Story" gibt, warum nicht?

APA: Apropos musikalische Qualität: Ihr Vater wollte die "West Side Story" mit Opernstimmen hören und hat die legendäre Einspielung mit José Carreras und Kiri Te Kanawa für die Deutsche Grammophon gemacht. Welche Stilrichtung für das Stück bevorzugen Sie?

Bernstein: Mein Vater wollte die "West Side Story" immer mit Opernstimmen hören, weshalb er diese wunderbare Aufnahme gemacht hat. Ich selbst habe schon anbetungswürdige Interpretationen in Opernhäusern und in Musicaltheatern gesehen. Letztlich ist es immer eine Geschmacksfrage und eine Frage, wie es gemacht wird. Natürlich hat mein Vater das Stück eigentlich für die Broadway-Bühne geschrieben. Es war damals, 1957, nur enorm schwierig, Sänger zu finden, die auch tanzen und schauspielern konnten. Mittlerweile ist das Teil der Ausbildung.

APA: Die anderen Werke Ihres Vaters wie "Candide" oder "Wonderful Town" werden zwar regelmäßig gespielt, sind bezüglich der Popularität aber doch auf einem anderen Planeten zuhause als die "West Side Story". Haben Sie dafür eine Erklärung?

Bernstein: Es war irgendwie das richtige Stücke zur richtigen Zeit. Natürlich hat der Film massiv zur Popularität des Werks beigetragen. Es ist einfach ein Meisterwerk, für das vier Genies - neben meinem Vater Choreograf Jerome Robbins, Buchautor Arthur Laurents und Stephen Sondheim für die Songtexte - mit demselben Ziel im Kopf zusammengekommen sind. Da herrschte einfach ein großer Respekt untereinander.

APA: Zugleich besteht die Doppelgestalt der "West Side Story" doch darin, dass sie einerseits ein extremer Ausdruck ihrer Zeit ist und zugleich zeitübergreifend, ja zeitlos...

Bernstein: Ich glaube, das liegt daran, dass die Themen universell sind. Wo auch immer auf der Welt eine "West Side Story" gespielt wird, gibt es eine Variante von Jets und Sharks in der Gesellschaft - und natürlich Liebe und Hoffnung. Das ist einfach unschlagbar.

APA: Anders hingegen "1600 Pennsylvania Avenue", das letzte Broadway-Stück Ihres Vaters von 1976, das damals keinen Erfolg hatte. Gibt es die Chance, dass das nochmals zum Leben erwacht?

Bernstein: Der Ausdruck "kein Erfolg" ist noch das Höflichste, was man hier sagen kann... Die Songs sind großartig, wenn man etwa an "White House Cantata" denkt. Aber das Buch scheint nicht zu retten. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen.

APA: In Europa wird Ihr Vater immer noch primär als Dirigent wahrgenommen, in den USA hingegen auch als Komponist. Bedauern Sie das?

Bernstein: So ist es halt gekommen. Natürlich wäre es fein, wenn die Werke meines Vaters auch im Ausland mehr gespielt würden, was bei den Feiern zu seinem 100. Geburtstag zwischen 2017 und 2019 durchaus der Fall war. Aber er selbst hat den Umstand geliebt, dass er in Europa nur als Dirigent wahrgenommen wurde. Der erste jüdisch-amerikanische Dirigent in den USA gewesen zu sein, der die großen Orchester dirigierte, war das eine. Aber dann auch am Alten Kontinent Erfolg zu haben, dort, wo all seine Lehrer herstammten - das war nochmals etwas ganz anderes. Dass er in Wien Erfolg hatte, hat ihm unglaublich viel bedeutet.

APA: Rührte aus diesem Umstand auch seine Nähe zu Gustav Mahler?

Bernstein: Er hat mit Mahler die Zerrissenheit zwischen seinem Leben als Dirigent und als Komponist geteilt. Aber dass er sich in Europa keine Gedanken über Abgabefristen für Werke machen musste, hat er sehr genossen. Dirigenten sind große Egomanen - und er hat die Aufmerksamkeit, seine Popularität geliebt.

APA: Das ist etwas, das sich mittlerweile geändert hat, wenn man an so manche bedeutende Pultherrscher denkt, die ansonsten aber am liebsten gar nicht in der Öffentlichkeit auftreten...

Bernstein: Ach, er hat das geliebt! Er hat sich seien Umhang umgeworfen und ist losgezogen. Aber wenn er komponiert hat, war er natürlich viel alleine und deprimiert. Diese einsame Arbeit war für ihn sehr schwierig - er brauchte immer einen um sich herum.

APA: Ein weiteres Vermächtnis Ihres Vaters neben den Werken und seinen Einspielungen ist ja auch seine Fähigkeit im Umgang mit jungen Menschen. Ein Samen, der hier mittlerweile aufgegangen ist, ist das System "Artful Learning", das Sie als Präsident verantworten. Können Sie dieses Konzept grob umreißen?

Bernstein: Das haben wir zusammen Ende der 80er gestartet, als ich selbst meinen Master in Erziehung gemacht habe. Mein Vater war ein passionierter Lehrer. Sein Motto war immer "Der beste Weg, eine Sache wirklich zu erfassen ist, sie in einen anderen Kontext zu setzen". Es geht darum, Dinge durch einen neuen, anderen Blickwinkel zu lernen. Er hat die Künste als die großen verbindenden Disziplinen begriffen. Die Grundzüge dessen, was später "Artful Learning" wurde, haben wir dann mit seinem Preisgeld des Praemium Imperiale gestartet. Und nach seinem Tod habe ich das Konzept fortgeführt, das letztendlich in "Artful Learning" gemündet ist. Dadurch lernen Kinder, Fächer tiefer und vernetzter wahrzunehmen. Und mittlerweile kooperieren wir mit mehr als 20 Schulen in den gesamten USA. Und vielleicht weiten wir das Konzept absehbar auch international aus...

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)