Bestsellerautor Marc Elsberg veröffentlicht Klima-Thriller

Autor Marc Elsberg sieht die Zukunft der Erde düster
Am 15. März erscheint der neue Thriller von Marc Elsberg. Mit seinem Roman "Blackout" war der Wiener Ex-Werber der Debatte um die Folgen großflächige Stromausfälle um Jahre voraus. In "°C - Celsius" entwickelt er nun die Vision einer globalen Auseinandersetzung um das Weltklima, bei der avancierte technische Mittel des Geoengineering als Waffe und Druckmittel eingesetzt werden. Seine These: Die Klimakatastrophe wird zu einer globalen Machtverschiebung führen.

APA: Herr Elsberg, wer den Anfang Ihres neuen Romans "°C - Celsius", staunte nicht schlecht, als kürzlich Ihr Szenario Realität zu werden schien. Wie ist es Ihnen gegangen, als die ersten Meldungen von in großer Höhe gesichteten Flugobjekten auftauchten, die offenbar aus China kamen?

Marc Elsberg: Zuerst habe ich mir gedacht: Das darf jetzt aber nicht wahr sein! Als nächstes: Hättet ihr nicht noch vier Wochen warten können, bis mein Buch erscheint? Dann habe ich den medialen Hype mit Interesse und Amüsement verfolgt. In der entstandenen Hysterie gab es dann offenbar Kollateralschäden, die in Kauf genommen wurden. Klassische Wildwest-Manier: Erst schießen, dann fragen.

APA: Haben Sie für sich ausgeschlossen, dass dieser Ballon etwas mit Geoengineering zu tun haben könnte?

Elsberg: Über Versuche zu den Folgen von Aerosol-Ausbringung in der Stratosphäre wird seit Jahren diskutiert. Aber meine Vermutung war, dass China solche Versuche zunächst über chinesischem Staatsgebiet machen würde. Was man freilich nicht ausschließen kann, dass für solche Zwecke schon Daten gesammelt werden.

APA: Mit Ihrem Roman "Blackout" haben Sie ein Thema besetzt, lange bevor es gesellschaftlich diskutiert wurde. Wie suchen Sie nach dem jeweils nächsten heißen Thema, das Sie aufgreifen wollen?

Elsberg: Das sind Themen, die mich interessieren und in denen ich ein gewisses Potenzial sehe, Aspekte, die allgemein noch nicht so diskutiert werden, zu vertiefen. Die zweite Herausforderung ist, dazu eine Perspektive zu finden, die neu ist. Es gibt ja längt ein eigenes Genre "CliFi", Climate Fiction. Im Prinzip werden da bei Thrillern zwei grundsätzliche Geschichten erzählt. Entweder passiert gleich irgendetwas, zum Beispiel droht ein Riesengletscher abzubrechen, und dann rennen die Helden los, um das zu verhindern. Oder wir befinden uns in der dystopischen Zukunft: Alles ist schon passiert, und einzelne Trupps ziehen durch verwüstete Landschaften. Überlebende in der Apokalypse. Von beiden Formen gibt's genug. Deswegen habe ich für mich nach einem speziellen Twist gesucht.

APA: Und im Geoengineering gefunden?

Elsberg: Die USA haben letztes Jahr weitgehend unbemerkt einen Millionenetat für die Erforschung von Geoengineering und seiner ökologischen, ökonomischen, sozialen und politischen Konsequenzen freigegeben. Weil die Krise immer drängender wird, steigt der Druck, auf Mittel zurückzugreifen, die lange als Science-Fiction galten, die aber - wie Solar Radiation Management in meinem Buch - in Wahrheit die Möglichkeit eines schnellen, wirksamen, vergleichsweise günstigen vorübergehenden Fix bieten. Diese Diskussion wird kommen. Diverse Start-ups stehen bereits in den Startlöchern, um mit Experimenten zu beginnen, oder haben das schon. Da geht es um Versuche, CO2 mit gigantischen Staubsaugern aus der Luft zu saugen, um Meeresdüngung, Wolkenbildung und vieles mehr.

APA: Fast alle Wissenschafter sagen aber: Das sind noch viel zu wenig ausgereifte Techniken, die wahnsinnig viel Geld kosten und wahnsinnig viel Energie verbrauchen.

Elsberg: Richtig, deswegen halte ich vieles auch für eine Schnapsidee. Es gibt wesentlich einfachere, billigere und effizientere Methoden, die wir auch alle kennen: Stoppen der Regenwald-Rodungen, weitgehende Umstellung der Bauwirtschaft auf Holzbau, Renaturierung von Mooren usw. Das ist ja alles bekannt, das müsste man nur machen. Damit lässt sich nur momentan noch kein Geld verdienen.

APA: Ganz einfach und sehr effizient wäre die Senkung der Tempolimits. Doch die Klimakleber, die das fordern, erzeugen mit ihren Aktionen fast nur negative Emotionen. Was läuft da falsch?

Elsberg: Ich glaube, das ist im Wesentlichen ein Kommunikationsproblem. Die Klimakleber signalisieren den Autofahrern: Du bist schuld. Das schreibt aber bloß die Erzählung weiter, mit der die fossile Industrie die Aufbrüche der Nuller Jahre umgedreht hat. Damals habe ich selbst in der Werbung gearbeitet und war davon fasziniert: Jeder sollte sich plötzlich seinen eigenen ökologischen Fußabdruck ausrechnen. Damit hat die Ölindustrie die Verantwortung von sich geschoben und jedem einzelnen umgehängt. Dieses Narrativ erzählen die Klimakleber jetzt weiter. Das ist ein strategischer Kommunikationsfehler.

APA: Was sind die Folgen?

Elsberg: Die Leute fühlen sich verarscht. Denn sie wissen: Wer wirklich etwas tun könnte, sind der Kanzler, der Wirtschaftsbundpräsident usw. Die tun aber nichts. Speziell in Österreich ist das traurig, denn es hat ja aus der Mitte der Gesellschaft, aus dem bürgerlichen Lager, fortschrittliche Ideen wie die ökosoziale Marktwirtschaft gegeben. Das hat man an die Wand gefahren. Und die Generation, die nachgefolgt ist, ist nur am Bremsen, Verhindern, Leugnen und macht weiter wir bisher. Es ist ein Jammer.

APA: Das Weitermachen wie bisher hat in Ihrem Buch gravierende Folgen - nicht nur ökologisch, sondern auch geopolitisch.

Elsberg: Genau. Es wird zu einer globalen Machtverschiebung kommen. Wir erleben das jetzt schon am Ukraine-Krieg: Den globalen Süden interessiert dieser Krieg nicht. Man sieht, wie sich da neue Macht-Allianzen herausbilden. Das fand ich einen interessanten Twist. Dass Russland ein sterbender Dinosaurier ist, der noch einmal brutal um sich schlägt, und China nur noch ein, zwei Jahrzehnte wachsen wird, ehe es mit seiner Bevölkerungsentwicklung massiv bergab gehen wird, ist Teil der kommenden Machtverschiebung in den globalen Süden. Gleichzeitig gibt es viele Studien, die zeigen: Es gibt auch potenzielle Profiteure der Klimakrise, und die sitzen weit im Norden: Russland, Skandinavien, Kanada etc. Im Diskurs der letzten Jahre war es aber so, dass man versucht hat zu erklären: Alle werden gleichermaßen katastrophal betroffen sein. Dabei will man nur verhindern, dass manche sagen: Ist uns recht. Wir stellen uns darauf ein - etwa, dass Sibirien in 100 oder 200 Jahren die Kornkammer der Welt werden könnte.

APA: In Ihrem Buch kommt auch Klimaterrorismus vor. Welche Entwicklung wird das nehmen? Im Momente sind es ja ganz harmlose Menschen, die als Klimaterroristen verunglimpft werden.

Elsberg: Es ist Verleumdung, diese Leute als Terroristen zu desavouieren. Wer das macht, gehört eigentlich verklagt. Grundsätzlich haben die Leute recht mit ihrem Anliegen und ihren Beweggründen, zum Teil verwenden sie nur die falschen Mittel. Klimastreik etwa finde ich großartig. Aber es wird sehr davon abhängen, wie wir mit dem Thema umgehen. Wenn es uns nicht gelingt, das Narrativ zu drehen, werden wir das, nämlich Formen von Gewalt, wohl früher oder später sehen.

APA: Ihr Buch beschäftigt sich mit den großen Zukunftsfragen - gleichzeitig bedienen Sie sich als Autor Mittel, die old fashioned wirken und sich wie ein Drehbuch früherer James-Bond-Filme lesen. Ist das ein bewusster Bruch, den Sie lustvoll einsetzen, oder gibt es die passende avantgardistische Erzählform dafür noch nicht?

Elsberg: Mein Ziel ist es ja schon, eine breite Leserschaft zu erreichen. Die ist ja tendenziell nicht Avantgarde. Ich gebe gerne zu: Das Erreichen möglichst vieler Leserinnen und Leser ist mir wichtiger als das Lob des Feuilletons. Außerdem lese ich so altmodische Abenteuergeschichten ja auch selber gerne. Die verwende ich, um mich mit interessanten neuen Themen auseinanderzusetzen. Es ist ein bisschen: neuer Wein in alten Schläuchen. Quasi Barrique.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der Tageszeitung "Der Standard". Sein literarisches Debüt hatte er im Jahr 2000 unter seinem bürgerlichen Namen Marcus Rafelsberger. Den Durchbruch als Thrillerautor feierte er 2012 mit dem auch als Mini-Serie verfilmten Bestseller "Blackout - Morgen ist es zu spät" über einen flächendeckenden Zusammenbruch der Stromversorgung. Es folgten "Zero - Sie wissen, was du tust" (2014) über Datensicherheit und der Wissenschaftsthriller "Helix - Sie werden uns ersetzen" (2016) zum Thema Genetik. "Gier - Wie weit würdest du gehen?" (2019) behandelte wirtschaftstheoretische Fragen, der Thriller "Der Fall des Präsidenten" (2021) rückte den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ins Zentrum.

(S E R V I C E - Marc Elsberg: "°C - Celsius", blanvalet, 608 Seiten, 26,80 Euro, ISBN: 978-3-7645-0633-9, erscheint am 15.3., Buchpräsentation: 17.3., 19 Uhr: Thalia W3, Wien 3, Landstraßer Hauptstraße 2A, Lesung: 22.3., 19.30 Uhr, Innsbruck, Verlagsanstalt Tyrolia GmbH Maria-Theresien-Straße 15, Marc Elsberg im "Wiener Stadtgespräch" mit Barbara Tóth: 21.3., 19 Uhr, AK Bildungsgebäude, Wien 4, Theresianumgasse 16-18, http://marcelsberg.com)

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