Bevölkerung wünscht sich mehr Transparenz in Krisenzeiten

Aufarbeitung der Corona-Pandemie durch "Österreich am Wort"
In Krisenzeiten wünscht sich die österreichische Bevölkerung mehr Transparenz durch Politik, Wissenschaft, Medien, aber auch innerhalb der Bürgerinnen und Bürger. Das geht aus einer vom Institut für Höhere Studien (IHS) durchgeführten Erhebung hervor, die am Dienstag präsentiert wurde. Aufgearbeitet wurde die Corona-Pandemie im Oktober und November 2023 in Workshops. 316 Teilnehmerinnen und Teilnehmer formulierten 38 Empfehlungen.

Zwischen Mai 2023 und Dezember 2023 wurde die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter der Leitung von Alexander Bogner mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Corona-Krise betraut​. Ziel war es, die Pandemie zu reflektieren und für zukünftige Krisen zu lernen, vor allem wie eine Polarisierung der Gesellschaft vermieden werden kann.​ Unter dem Dialogprozess "Österreich am Wort" wurde ein Bürgerrat von der Bundesregierung zur Aufarbeitung der Corona-Krise eingesetzt und wissenschaftlich begleitet. Im Sommer 2023 wurden 15.000 Österreicherinnen und Österreicher angeschrieben. Am Ende nahmen 316 Bürgerinnen und Bürger in allen Bundesländern teil. Die Forschungsfragen und das Design wurde durch das IHS zusammen mit ÖAW, Statistik Austria, Universität Southampton, Universität Göttingen, Universität Wien, Medizinischer Universität Wien, Universität Graz und dem Bundeskanzleramt ausgearbeitet.

Anhand von Szenarien - etwa dem Thema der Schulschließungen - wurde zunächst über die eigenen Erfahrungen diskutiert und dann die perfekte Lösung sowie zukünftige Empfehlungen an die Politik, die Wissenschaft, die Medienbranche sowie an die Bevölkerung ​erarbeitet. 38 dieser Ratschläge wurden zusammengefasst, im Großen und Ganzen ging es dem Bürgerrat in einer Krise, die Eigenverantwortung zu stärken, Einigkeit zu zeigen, sachlich zu bleiben, vorsorglich zu handeln, Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken, Fehler zu tolerieren, respektvollen Dialog zu fördern, Vielfalt zu akzeptieren und Angst zu reduzieren​.

Das wichtigste Anliegen der Bürgerinnen und Bürger war mit 91,6 Prozent ("sehr wichtig"), dass die Wissenschaft transparent und von Politik und Wirtschaft unabhängig sein soll. Auch wichtig mit 84 Prozent Zustimmung war, dass der ORF und andere Medien von der Politik unabhängig sein sollen. 72,4 Prozent waren der Meinung, dass gerade in Krisenzeiten die Bevölkerung offen und respektvoll miteinander reden, einander zuhören und sich in die Situation von anderen hineinversetzen sollte. Immerhin 41 Prozent sagten, dass ihre Teilnahme an dem Bürgerrat ihre Sichtweise verändert habe. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Zusammenarbeit mit Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Weltbild von den Bürgerinnen und Bürger als extrem positiv erlebt wurde", sagte IHS-Verhaltensökonomin und Co-Studienautorin Katharina Gangl.

Der Appell an die Politik lautete, dass sie die Maßnahmen transparent entwickeln, laufend unabhängig prüfen lassen und gegebenenfalls ändern sollen. ​Zudem sollen Sozialberufe speziell in Hinblick auf kommende Krisensituationen attraktiver gemacht werden (etwa mehr Lohn) und in der Krise besonders gestärkt werden​.

Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter soll neben ihrer Transparenz und Unabhängigkeit auch gerade in Krisensituationen die Grenzen ihrer Disziplin kennen und offenlegen, was sie (noch) nicht wissen.​ Die Medien sollten in dieser Lage auch keine unnötige Angst erzeugen, sondern auch über Positives berichten​. Von der Bevölkerung erwartet man in der Krisenzeit, dass füreinander gesorgt und die Gemeinschaft durch Aktivitäten, wie beispielsweise Nachbarschaftshilfe, gestärkt wird.

Bürgerräte werden als Zukunftsmodell für die Lösung komplexer Probleme angesehen und in vielen Ländern umgesetzt.​ Unter einem solchen Rat versteht man eine Anzahl zufällig nominierter Bürgerinnen und Bürger, die zu einem Thema diskutieren - etwa die Klimakrise - und Lösungsvorschläge erarbeiten sollen. Die Teilnahme ist freiwillig. Kritisiert wird das Instrument oft dafür, nicht repräsentativ für die Bevölkerung zu sein. Um diesem Problem zu begegnen, hat das IHS im Rahmen des Forschungsprojekts auch untersucht, wie eine größere Repräsentativität erreicht werden kann, und wie Personengruppen eingebunden werden können, die üblicherweise das Gefühl haben, nicht gehört zu werden und keinen Einfluss zu haben.

Co-Studienautor Gerhard Riener, University of Southampton und IHS-Fellow, hat dazu für den Einladungsbrief verschiedene Version entwickelt, die entweder die Möglichkeit Ideen einbringen zu können betonen oder hervorheben, wie wichtig es ist, dass alle Stimmen gehört werden. Jene Einladungsbriefe, die betonen, wie wichtig es ist, dass die eigene Perspektive und Stimme eingebracht werden, haben deutlich mehr Menschen zur Teilnahme mobilisiert, vor allem jene mit geringem Kontrollerleben, berichtete Riener, was für die Repräsentativität äußerst wichtig wäre.

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