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So war das Cher-Konzert in Wien

Einmal die Zeit zurückdrehen? Nichts einfacher als das, scheint im Popbusiness oft die Devise zu sein. Steht dann eine Größe wie Cher mit 73 Jahren auf der Bühne der Wiener Stadthalle und reißt ihre Fans mal so eben locker von den Sitzen, dann glaubt man wirklich an die unsterbliche Kraft der Musik. Oder zumindest an jene von gut gemachtem Entertainment. Am Montagabend galt irgendwie beides.

Denn eines muss man bei Cher ganz neidlos anerkennen: Diese Frau hatte Zeit ihres Lebens mit allem, was sie angegriffen hat, Erfolg. Angefangen bei den gemeinsamen Songs mit ihrem damaligen Ehemann Sonny Bono Mitte der 60er-Jahre über die schnell gestartete Solokarriere bis zu den Höhenflügen in Hollywood, die in einem Oscar für ihre Leistung in "Mondsüchtig" gipfelten. Auch nach mehr als fünf Jahrzehnten verspürt sie immer noch die Lust, auf die Bühne zu gehen.

Wobei: Gehen ist im Fall einer Popdiva wie Cher natürlich der falsche Ausdruck, vielmehr schwebte sie zu Beginn ihres Wien-Gigs wie ein Vogel im goldenen Käfig von der Decke. Das Setting: Ein reich verzierter und ziemlich wandelbarer Aufbau, der irgendwo zwischen Tempel und Villa angesiedelt war. Hier fand nicht nur ihre ganz auf Las-Vegas-Bombast gepolte, siebenköpfige Band eine Heimat, sondern gab es auch etliche Videoscreens, die so ziemlich jeden wichtigen Moment von Chers Karriere Revue passieren ließen.

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Und natürlich, Musik spielte auch eine Rolle: Das Eröffnungsdoppel "Woman's World" und "Strong Enough" ballerte unbarmherzig durch die Decke, nicht wenig dürfte dabei vom Band gekommen sein. Wer befürchtete, dass an diesem Abend die Show über das Konzert gestellt werden sollte, behielt glücklicherweise nur teilweise recht. Denn stimmlich wusste Cher durchaus zu überzeugen, gab sich in einer Parade von unterschiedlich gestylten und gefärbten Perücken keine Blöße und ließ die rund 11.000 Fans auch dank legendärer Kostüme wie ihrem Netz-Outfit frenetisch jubeln. Dass sie für ihre verschiedenen Erscheinungen ziemlich viel Zeit hinter der Bühne verbringen musste - geschenkt.

Die größte Stärke war ohnehin Chers entwaffnende Ehrlichkeit und ihr Witz: Bereits früh setzte sie zu einem langen Monolog an, machte sich über ihr "natürliches blaues Haar" lustig und schob augenzwinkernd nach: "Ich bin so cool." Es war eine Botschaft von Selbstermächtigung und Selbstbestimmung, die sie den Frauen, jung wie alt, ans Herz legte. "Macht, was immer ihr auch wollt!", rief Cher, wobei sie die männlichen Anwesenden keineswegs vergaß: "Ihr seid auf euch gestellt."

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Die 90 Minuten wurden letztlich zur kleinen Zeitreise, gab es mit "The Beat Goes On" und "I Got You Babe" zwei gemeinsame Stücke mit dem per Video eingespielten Sonny, rekelte sich Cher bei "Welcome to Burlesque" lasziv zwischen ihren Tänzern und punktete besonders mit einem im Mittelteil gebotenen ABBA-Block. Bevor sie bei "Fernando" aber ganz in den Schlagerkitsch abdriftete, ging es flugs zurück in die US-amerikanische Rock'n'Roll-Geschichte, wurde Elvis die Ehre erwiesen und beim "Shoop Shoop Song" locker mit den Hüften gekreist.

Wem das noch nicht reichte, für den hatte Cher zum Schluss noch zwei große Hits auf Lager: Bei "If I Could Turn Back Time" stand die Halle Kopf, und ihr später Nummer-eins-Erfolg "Believe" wurde dank eines heftigen Dubstep-Intros kurzerhand in die 2000er-Jahre gehievt. Vom charmant-zurückhaltenden Folkrock zum bunten Discoexzess der 80er, von eigenen Stücken bis zu großen Covers: Cher weiß auch im hohen Alter noch zu unterhalten. Wer mit der großen Geste nichts anfangen kann, ist bei ihr zwar immer noch fehl am Platz. Für den hatte die Sängerin aber auch den perfekten Konter parat: "Und was macht Eure Oma heute Abend?"

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