APA - Austria Presse Agentur

Burgtheater: Erstaunliche "Geschichten aus dem Wiener Wald"

Noch bevor am Donnerstagabend die "Geschichten aus dem Wiener Wald" begannen, lag im Burgtheater - eigentlich ganz passend zum Stück - eine Mischung aus Traurigkeit, Widerstandsgeist und Wehmut in der Luft: Sollte dies tatsächlich die letzte Premiere vor einem Lockdown sein, wie angesichts bevorstehender Pandemie-Maßnahmen gemunkelt wurde? Jedenfalls war es der letzte Wiener Theaterabend ohne 2Gplus - und eine erstaunliche Neuerzählung des viel gespielten Horváth-Klassikers.

Der Niederländer Johan Simons, derzeit Intendant in Bochum, liebt radikale Zugriffe. 2019 nahm er im Akademietheater Büchners Dramenfragment "Woyzeck" brutal auseinander und stellte die Reste in eine Zirkusmanege, zuletzt dekonstruierte er im Burgtheater Shakespeares Königsdrama "Richard II.". Von Ödön von Horváth lässt er erstaunlich viel übrig. Er stellt das Volksstück in einen neutralen, abstrakten Rahmen, in dem einsame Menschen sehr verloren scheinen und nur gelegentlich aufeinandertreffen. Mehr als Paare und Passanten wirken sie wie Planeten, wie Himmelskörper auf Umlaufbahnen, im Spiel zwischen Anziehung und Abstoßung. Simons konzentriert sich auf Konstellationen, der (mit Pause) etwas über dreistündige Abend ist vor allem eine raffinierte Choreografie aus Blicken und Arrangements, untermalt von einer tollen, irritierenden Musik-, Sound- und Geräusch-Collage von Mieko Suzuki, in der gelegentlich Horváths berühmte Stille auch für Stillstand und Innehalten sorgt.

Johan Simons inszeniert gegen alle Klischees und Konventionen. Das beginnt schon bei der Besetzung, bei der einzig Martin Schwabs Rittmeister, Daniel Jeschs Havlitschek und Nicholas Ofczareks Oskar den Erwartungen entsprechen. Ofczarek, der 2010 in Stefan Bachmanns im Möbellager spielender Inszenierung an der Seite von Birgit Minichmayr den Alfred gab, spielt den Fleischhauer als kindlichen Fleischberg, meist in sich ruhend, versonnen lächelnd, eine Sphinx der Schweineschlachtung, der nur selten offene Emotionen und kleine, eruptive Gewaltausbrüche auskommen. Die meisten Zärtlichkeiten tauscht er mit dem Zauberkönig, dem Schwiegerpapa in spe, aus. Oliver Nägele trieft vor Selbstmitleid und Liebesbedürftigkeit, seiner Frau nimmt er ihren Krebstod sehr übel, und dann will auch noch seine Tochter nicht so, wie er will...

Sarah Viktoria Frick als Marianne und Felix Rech als Alfred sind kein klassisches Horváth-Paar - sie kein liebes Wiener Mädl, deren tragisches Schicksal zu Tränen rührt, er kein Hallodri, der von den Umständen und seinen Gefühlen zumindest vorübergehend dazu gebracht wird, Verantwortung zu übernehmen. Gerade dadurch ist es hoch spannend zu sehen, was zwischen den beiden passiert. Und es funktioniert! Simons gönnt ihnen immer unkonventionelle Momente der Zweisamkeit und der Auseinandersetzung. Ihren ersten Kuss geben sie einander über dem schlafenden Zauberkönig. Immer wieder kommt es - auch zwischen Marianne und Oskar - zu Balgereien, bei denen die Menschen nicht recht zu wissen scheinen, wie sie den Emotionen Ausdruck verliehen sollen - das klassische Problem von Horváth-Figuren wird so vom Sprachlichen ins Körperliche verlagert.

Nicht alle unkonventionellen Besetzungen gehen so gut auf. Annamária Láng als Alfreds Mutter ist ebenso wie Sylvie Rohrer als männerhungrige Trafikantin Valerie deutlich jünger besetzt als üblich, was einige Konstellationen in Schieflage bringt. Gertrud Roll bekommt in Simons Bearbeitung betrüblicherweise ganz wenig Gelegenheit zu zeigen, dass die Großmutter, die Alfreds und Mariannes Kind in der Wachau bewusst der tödlichen, nächtlichen Zugluft aussetzt, eine der abgründigsten Gestalten der Theaterliteratur des 20. Jahrhunderts ist. Der Hierlinger Ferdinand des Johannes Zirner ist zwar wie alle Mitspielenden permanent auf der Bühne anwesend, darf aber ansonsten kaum Präsenz zeigen.

Noch einige weitere Überraschungen hat Johan Simons in seiner Inszenierung parat. Dass der Zauberkönig einige der gängigsten Scherzartikel erfunden haben will (Nägele erscheint in der Szene mit einer Axt im Kopf) und nun fürchtet, dass die Nazis keinen Spaß verstehen werden, hat man so noch nie gehört. Der völkische Erich aus Kassel ist diesmal nicht wie gewohnt Jus-Student ("Drittes Semester. Arbeitsrecht."), sondern Jungfilmer und arbeitet gerade an seinem ersten Film mit dem Titel "Geschichten aus dem Wiener Wald". Die Anregung dazu will man einer vom Autor verworfenen Vorarbeit zum Stück entnommen haben. Jan Bülow nutzt die ihm so gegebenen Möglichkeiten genüsslich aus und streift mit filmisch-voyeuristischen Blick immer wieder über die Bühne, die pittoreske Wirklichkeit und ihre Dramen aufsaugend.

Im Maxim bekommt er dabei einiges zu sehen, denn Simons hat aus dem Striptease-Auftritt der verstoßenen Marianne eine regelrechte, minutenlange Varieté-Nummer gemacht, die von einer Szene, die aus Oskar Schlemmers triadischem Ballett stammen könnte, in ein Doppel mit der Baronin der Maria Happel mündet und auch eine schlüpfrige Würstchen-Nummer enthält. Die Begehrlichkeiten des aus den USA in seine Heimatstadt zurückkehrten "Misters" (Falk Rockstroh) sind mit kleinen Text-Eingriffen ebenfalls eindeutiger als es im Buche steht.

Am Ende wird die raffiniert einfache Bühne von Johannes Schütz, in der die Kräfteverhältnisse zwischen der stilisierten "stillen Gasse" im achten Bezirk und dem angedeuteten Winzerhaus in der Wachau über einen metallenen Waagebalken stets vorsichtig austariert werden, zum Tanzparkett. Rund um die im Zentrum hängende geheimnisvolle Glaskugel, die keine Zukunftsaussichten, sondern stets nur Zerrbilder der Gegenwart preisgibt, tanzen Oskar und Marianne einen langen, unbeholfenen, verzweifelten, todtraurigen Walzer. Ein starkes Schlussbild für einen außergewöhnlichen Abend, der am Ende mit viel Applaus bedacht wurde.

(S E R V I C E - "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horváth, Regie: Johan Simons, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Mieko Suzuki. Mit: Felix Rech - Alfred, Annamária Láng - Die Mutter, Gertrud Roll - Die Großmutter, Johannes Zirner - Der Hierlinger Ferdinand, Sylvie Rohrer - Valerie, Nicholas Ofczarek - Oskar, Daniel Jesch - Havlitschek, Martin Schwab - Rittmeister, Sarah Viktoria Frick - Marianne, Oliver Nägele - Zauberkönig, Jan Bülow - Erich, Maria Happel - Baronin, Falk Rockstroh - Der Mister, Lili Winderlich - Emma. Burgtheater. Nächste Vorstellungen: 26.11., 8., 13., 26.12., www.burgtheater.at)