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Chiles neuer Präsident: Junger Idealist mit großen Plänen

Gabriel Boric will in Chile einen "Wohlfahrtsstaat" einführen, "in dem jeder die gleichen Rechte hat, unabhängig davon, wie viel Geld er im Portemonnaie hat".

Diesem Vorhaben ist der frühere Studentenführer am Wochenende einen großen Schritt näher gekommen. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl setzte er sich klar gegen seinen ultrakonservativen Kontrahenten José Antonio Kast durch.

Mit 35 Jahren wird er damit zum jüngsten Staatschef in der Geschichte des südamerikanischen Landes. Chile ist ein verhältnismäßig reiches Land, hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Lateinamerika. Doch der Reichtum ist höchst ungleich verteilt, die sozialen Unterschiede sind enorm. Nach Angaben einer UNO-Agentur besitzt ein Prozent der Bevölkerung 25 Prozent des Vermögens.

Bildung und Gesundheit werden fast ausschließlich aus privater Tasche finanziert. Eine gesetzliche Altersvorsorge gibt es nicht, Pensionen bestehen ausschließlich aus privaten Ersparnissen. In der Folge sind die Arbeiterklasse und große Teile der Mittelschicht hoch verschuldet. Dieses neoliberale Wirtschaftssystem geht noch auf die Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet zurück - und Boric hat angekündigt, damit zu brechen.

 

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Der Sohn kroatischer und katalanischer Einwanderer will ein staatliches Gesundheits- und Rentensystem einführen, die Wochenarbeitszeit von 45 auf 40 Stunden senken und 500.000 Jobs für Frauen schaffen. "Er will einen echten Wandel in der Gesellschaft bewirken", sagt sein Vater Luis Boric im AFP-Interview. "Er will viele Ungerechtigkeiten, die wir heute haben, beseitigen und glaubt fest daran."

Seine Gegner werfen dem gewählten Präsidenten Unerfahrenheit in der Politik vor. Mit 35 Jahren hat er gerade das Mindestalter für eine Präsidentschaftskandidatur erreicht und von sich selbst sagt er freimütig, dass er noch "viel zu lernen" habe. Seine fehlenden Verbindungen zur traditionellen politischen Elite des Landes halten ihm jedoch auch Viele zu gute.

Boric war in den vergangenen Jahren maßgeblich an den massiven Studentenprotesten gegen die horrenden Studiengebühren in Chile beteiligt. Sein einst wild wucherndes Haupthaar trägt er mittlerweile kürzer, den Bart gepflegt und gestutzt. Doch sein Jus-Studium hat er nicht abgeschlossen. Krawatte trägt er nicht und auch aus seinen zahlreichen Tattoos macht er weiterhin keinen Hehl.

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Für die Präsidentschaftswahl ging er ein Bündnis mit der Kommunistischen Partei ein, was auch bei vielen Wählern der Mitte nicht gut ankam. Sein Kontrahent in der Stichwahl, der erzkonservative Kast, war jedoch für viele mit seiner ablehnenden Haltungen etwa zur Homo-Ehe und zur Abtreibung keine Alternative. Das Abstimmungsergebnis in der Stichwahl fiel dann deutlich aus: Kast unterlag mit 44 zu 56 Prozent.

"Das Regieren wird schwer, sehr schwer", sagt Michael Shifter vom Thinktank Inter-American Dialogue dennoch. Mehrheiten im Parlament werde sich Boric mühsam suchen müssen. Dafür eingegangene Kompromisse könnten ihm wiederum die Unterstützung seiner Basis kosten, analysiert Shifter.

Zudem hat der Wahlkampf zwischen einem dezidiert linken und einem ultrakonservativen Kandidaten die Spaltung im Land noch verschärft. "Boric wird eine Nation heilen müssen", sagt Patricio Navia von der Universität von New York. "2022 wird ein hartes Jahr werden."