Das Museum als "Haus der Republik": Kunst trifft Aktivismus

Aktivisti oder Besucher? Nicht einfach voneinander zu unterscheiden
Auf eine Überraschung gefasst sein sollte, wer bis 23. Juni einen Ausflug ins Volkskundemuseum unternimmt.

Denn die Wiener Festwochen haben das vor Sanierungsarbeiten stehende Palais Schönborn als "Haus der Republik" zu ihrem Headquarter umfunktioniert. Mit dabei ist auch das Aktivismus Camp der Klima Biennale. Die Vielzahl an Veranstaltungen und Berührungspunkten ist unüberblickbar. Zukunftsgestaltung wohin das Auge reicht. Unstrukturiertes Chaos? Oder fruchtbarer Austausch?

Schon vor Betreten des Hauses stolpert man buchstäblich über Ideen: "Keine Inflation" steht auf dem A4-Ausdruck, der sich von der Außenwand des Palais gelöst hat. Die restlichen zu Papier gebrachten Forderungen haften noch an der Mauer und flattern im Wind. Geschrieben steht, was sich Teilnehmende der Kinderworkshops der Wiener Festwochen von der Zukunft erhoffen. Ihre Ansprüche "Mehr Handyzeit" und "Zwei Personen auf E-Scooter" finden genauso viel Raum wie "Keine Abschiebung" und "Gleichberechtigung". Verweilt man bei diesem Anblick, kann es vorkommen, dass testweise eine Fahne aus dem Fenster geschwungen wird: "Do better! Get going!", ist auf dieser zu lesen, ehe ein Aktivist sie wieder ins Haus der Republik hievt und kommentiert: "Super, passt genau durch's Fenster!"

Die Fülle an Eindrücken setzt sich im Inneren des Palais fort. Plakate von Volkskundemuseum, Klima Biennale und Wiener Festwochen überlappen sich, nehmen einander den Raum. Ob auch die drei unabhängigen Organisationen einander den Raum nehmen? "Wir erleben es als eine Win-win-Situation für alle", sagt Judith Staudinger, Pressesprecherin der Wiener Festwochen, zur APA. Die gemeinsame Zwischennutzung sei dem vereinenden Ziel der Öffnung und des Diskurses gewidmet. Auch wenn die Organisationen eigene Schwerpunkte und Ziele repräsentieren, können Besuchende eigentlich keine klaren Trennlinien mehr ziehen. Den Überblick verliert man dementsprechend leicht. Vielleicht liegt aber genau in dieser Orientierungslosigkeit das Potenzial für Inspiration und Vernetzung.

Worum es in besagtem Diskurs geht, mag eine Frage des Blickwinkels sein. Wendet man sich nach links, dreht sich alles ums Klima. Über 25 aktivistische Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung - verwendet wird in jenen Kreisen der genderneutrale Begriff "Aktivisti" - dürfen im Rahmen eines Versuchs die Räumlichkeiten nach Belieben nutzen und kuratieren, ja sogar in ihnen kampieren, erklärt Organisatorin Dorothea Trappel im Gespräch mit der APA. Die Selbstverwaltung sei schwierig, werde aber durchaus angenommen. "Es ist ein Prozess und Experiment, ob sich die Gruppen zusammenfinden." Hierbei gehe es nicht um ein konkretes Endprodukt. Es solle primär eine Brücke zwischen Öffentlichkeit und Klimagerechtigkeitsbewegung geschaffen werden.

Wendet man sich nach rechts, findet man die offenen Büros der Wiener Festwochen (Zusehen erlaubt!), ein von der Bühnengestaltungsklasse der Akademie entworfenes Riesenbett für gemütliches Arbeiten und die sogenannte "Grant-Station". An dieser kann relevantes Feedback getippt, gedruckt und gesammelt als Teil eines künstlerisch-kritischen Papierhaufens dagelassen werden. Denn die Festwochen, die am 17. Mai die "Freie Republik Wien" ausgerufen haben, befragen heuer eigene Handlungs- und Kuratierweisen. In regelmäßigen Hearings zu Themen wie "Braucht es Quoten?" und "Wie geht ein global agierendes Festival mit Nachhaltigkeit zusammen?" wird mit dem Rat der Republik, dessen Zusammenstellung bereits vor Festivalstart Antisemitismus-Debatten veranlasste, eine zukunftsbindende "Wiener Erklärung" als "Verfassung" des Festivals ausgearbeitet.

Widersteht man dem Sog von Festwochen und Klima Biennale und geht geradeaus, den Stiegen nach oben folgend, landet man in der Ausstellung "Man will uns ans Leben. Bomben gegen Minderheiten 1993-1996". Sie ist Teil des Wendezeitprogramms des Volkskundemuseums und stellt passend zur Gesamtthematik des Hauses den Terror gegen Minderheitsangehörige zur Schau.

Eine zielstrebiges Fortkommen in die jeweiligen Räumlichkeiten des umfunktionierten Museums scheint jedoch unmöglich, zumal interaktive Stationen wie die Sound-Installation "Klanghain", die das Erdreich in Musik umwandelt, oder das Partikelgemälde des 3e8 Studios, das Emotionen rund um Orte in Wien darstellt, zu Zwischenstopps einladen. So auch die frei verfügbaren, von Robin Foods geretteten Lebensmittel oder die "Klima-Couch", bei der sich all jene, die wegen der menschengemachten Klimakrise besorgt sind, dienstags, donnerstags und sonntags an die "Psychologists for Future" wenden können - bei kostenlosen Gesprächen im offenen wie im geschlossenen Raum. Wenn man also beim dritten Besuch des Hauses meint, mittlerweile alles gesehen zu haben, ist das ein Irrglaube.

Zwar drängt sich den Besuchenden viel Sehenswertes auf, manches müssen sie jedoch geduldig suchen. Aktivisti lassen sich trotz des vielversprechenden Konzepts zeitweise gar keine blicken. Viel Lärm um nichts? Viel Lärm, durchaus, aber anderswo: Grund für die Abwesenheit der Aktivisti sei, dass ihr Hauptfokus besonders während der Anfangsphase des Camps auf Besetzungen, Vorbereitungen zum Klimacamp (26. Mai bis 1. Juni in Lichtenwörth) oder der Demo anlässlich der OMV-Hauptversammlung (28. Mai) gelegen sei und zeitliche Ressourcen auch weiterhin knapp seien, so Trappel. Wer als Neuling Anschluss finden will, steht also mitunter in leeren Räumen oder trifft nur vereinzelt auf Personen wie Florian Mayr (Extinction Rebellion), der anhand einer Vernetzungsblume präsentiert, welches aktivistische Engagement neben "auf die Straße kleben" noch möglich ist. Doch eine solche Begegnung ist zurzeit nicht garantiert. Am Dialog zwischen Klimabewegung und Öffentlichkeit solle daher in den kommenden Wochen verstärkt gearbeitet werden.

Zurzeit trifft man im Haus der Republik also weniger auf Aktivisti denn auf Festwochen-Fans. Aber auch letztere streifen durch die Räumlichkeiten der Klima Biennale und informieren sich anhand der dort aufgelegten Materialien. Der neuartige Berührungspunkt zwischen Kunst und Aktivismus regt zum Denken an. Und hoffentlich auch zum Handeln, der Klimaschutz kann schließlich jede helfende Hand gebrauchen. Mit seinem umfangreichen Angebot und der Vielzahl an Entdeckungsmöglichkeiten ist das Haus der Republik wahrlich beides: unstrukturiertes Chaos und fruchtbarer Austausch. Denn die Unvorhersehbarkeit des Besuchs mündet mit Sicherheit in einer Horizonterweiterung und mitunter auch im Gefühl, zumindest ein bisschen zur Gestaltung unserer Zukunft beigetragen zu haben.

(Von Selina Teichmann/APA)

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