APA - Austria Presse Agentur

"Das Schweigen der Esel": Markovics drehte Krimi als Märchen

Ein Kriminalfall, bei dem der wesentliche Schlüssel zur Klärung in der Kenntnis des Märchens "Die Bremer Stadtmusikanten" liegt: Der aus Vorarlberg kommende Landkrimi "Das Schweigen der Esel" (am 9. Jänner in ORF 1) ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Fernsehfilm und wurde schon vor seiner Ausstrahlung beim Deutschen FernsehKrimi-Festival 2023 in Wiesbaden ausgezeichnet. Hauptverantwortlicher ist Karl Markovics - als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller.

"Ich weiß, es klingt nach dreimal so viel Arbeit, aber eigentlich drittelt es sich", erklärt der 60-Jährige im APA-Interview. "Die meiste Arbeit hat eigentlich der Drehbuchautor. Der Regisseur hat dann schon viel Vorbereitungsarbeit im Kopf, weil er ja das Buch selbst geschrieben hat. Und beim Spielen ist es sowieso ganz entspannt: Da schaut man nur noch auf die anderen und verlässt sich darauf, dass man den Text und die Figur, die man selbst geschrieben hat, gut genug kennt."

Seine Figur des Jonas Horak kennt er bereits seit mehreren Jahren. Gemeinsam mit Autor Daniel Kehlmann hat er sie für den im Jänner 2020 ausgestrahlten Landkrimi "Das letzte Problem" erfunden. Damals sorgte Horak als angeblicher Kommissar bei Mord-Ermittlungen in einem eingeschneiten Ferienhotel für Verwirrung. "Ich wusste damals nach dem Drehen, dass ich es interessant fände, gerade aus der Konstellation weiterzumachen, wo man es am wenigsten vermuten würde." Weil Kehlmann mit anderen Projekten wie seinem kürzlich erschienenen Roman "Lichtspiel" ausgelastet war, bekam er vom Autor Grünes Licht, das Buch alleine zu schreiben und möchte noch ein weiteres Horak-Drehbuch liefern. "Für mich ist das eine Trilogie. Aber dann ist Schluss."

Diesmal kommt Horak ganz unversehens ins Spiel. Eigentlich ist er nach seiner Verurteilung zufriedener Anstaltsinsasse, doch die erneut von Julia Koch gespielte Dorfpolizistin, die im ersten Fall für seine Verhaftung verantwortlich war, erinnert sich an ihn - und schon ist er aus der Gefängniszelle heraus wesentlich an den Ermittlungen in einer rätselhaften Mordserie beteiligt. Erneut ist für Polizei und Zuschauer schwer zu durchschauen, was echt und was bloß behauptet oder eingebildet ist. "Dass die Vorstellung ein bedeutender Teil der Realität ist, dass die innere Welt mindestens die gleiche Bedeutung hat wie die äußere Welt, das ist mir sehr vertraut", sieht Markovics durchaus Parallelen zu sich und seiner Profession.

Mehr noch: Das Märchen-Motiv, das den Roten Faden durch "Das Schweigen der Esel" bildet, habe viel mit seinem eigenen Leben zu tun, sagt Karl Markovics. "Märchen sind der Fundus, aus dem mein Geschichtenerzählen, mein Hang zum Schauspielen, zum Regieführen und letzten Endes auch zum selber Schreiben kommt. Das ist die Quelle, aus der ich schöpfe. Märchen begleiten mich. Das erste Theaterstück, in dem ich als Fünfjähriger gespielt habe, war 'Hans im Glück'", erzählt er. "Nicht ganz unkokett bezeichne ich meine Kinofilme als Märchen für Erwachsene. Es war daher nur naheliegend, dass früher oder später das Märchen bei mir ganz vordergründig eine Rolle spielen wird. Gerade in diesem Fall hat es sich angeboten, weil es ja doch eher eine surrealere, absurdere Welt ist, in die wir mit der Hauptfigur eintauchen."

Wieder hat Horak einen für alle anderen unsichtbaren Assistenten zur Seite, doch diesmal arbeitet er in zahlreichen Erinnerungssequenzen im Kriminalarchiv und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit den strafrechtlich relevanten Aspekten in Grimms Märchen. Dass der deutsche Jurist Jörg-Michael Günther in seinem Buch "Der Fall Rotkäppchen" genau das vor etlichen Jahren getan hat, "hab ich natürlich gierig aufgegriffen", sagt Markovics und erinnert daran, dass "ursprünglich Märchen nicht ausschließlich für Kinder gedacht waren". Es sei auch darum gegangen, den namenlosen Schrecken und die Bedrohung des endlos großen, unheimlichen deutschen Waldes zu bannen. "Märchen sind ja keine Real Crime Geschichten, sondern eigentlich erweiterte Bannsprüche. Und auch mich interessiert am Krimi immer die Märchenfunktion: Wie kann ich den Schrecken überwinden?"

Ein Spruch der "Bremer Stadtmusikanten" hat die Gebrüder Grimm und ihre vier mutigen Tiere überdauert: "Etwas Besseres als den Tod findest Du überall!" Das Pendant in der heutigen Zeit laute "Für Pessimismus ist es zu spät", meint Markovics. "Es gibt heute keinen wichtigeren Satz. Und über allem steht mein Lebensmotto, das ich Perikles entlehnt habe: 'Zum Glück brauchst Du Freiheit, zur Freiheit brauchst Du Mut.' Diesen Mut zum Optimismus brauchen wir ganz dringend."

Optimistisch ist der Unermüdliche für zwei seiner Großprojekte, an denen er gegenwärtig arbeitet. Von seiner Science-Fiction-Satire "Die Raumpfleger" über Astronauten, die für die Beseitigung von Weltraummüll verantwortlich sind, sei ein Teaser fertiggestellt worden, der bei einem Produzententreffen in London auf internationales Interesse gestoßen sei. "Da sind wir am Ball, aber die Serie ist so groß und aufwendig, dass es möglicherweise schon noch einige Zeit dauern wird, bis sie von der Startrampe abheben wird. Ich bin aber guter Dinge! Das naheliegendere Projekt ist jedoch die sechsteilige Verfilmung von Robert Menasses Roman 'Die Hauptstadt'. Menasse hat mir Vertrauen geschenkt. Ich schreibe bereits an den Drehbüchern. Wenn sie rechtzeitig fertig werden, könnte das idealerweise Ende des Jahres in Produktion gehen."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Das Schweigen der Esel": 9. Jänner, 20.15 Uhr, ORF 1)