APA - Austria Presse Agentur

Die EZB dürfte ihre Geldpolitik heute weiter lockern

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird an diesem Donnerstag nach einhelliger Einschätzung von Ökonomen liefern und ihre Geldpolitik noch weiter lockern. Im Kampf gegen die Folgen der zweiten Welle der Coronapandemie dürfte sie gleich an mehreren Stellschrauben drehen. Notenbankchefin Christine Lagarde hatte bereits auf der letzten Sitzung im Oktober eine "Rekalibrierung" der Geldpolitik angekündigt.

Für weitreichende Schritte spricht die immer noch hohe Zahl an Neuinfektionen mit dem Coronavirus in der Eurozone. Vor allem der Dienstleistungssektor leidet unter Beschränkungen. Zwar stehen Impfstoffe in der EU kurz vor der Zulassung. Impfungen werden aber voraussichtlich erst Anfang des nächsten Jahres in der Eurozone beginnen und Zeit brauchen. Hinzu kommt, dass zum Jahreswechsel ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt droht. Sorgen dürften der EZB auch der zuletzt gestiegene Wechselkurs des Euro bereiten.

"Die neu vorgestellten makroökonomischen Projektionen dürften zeigen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie noch lange nicht vorbei sind", kommentierte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. "Entsprechend dürfte die EZB ihren Instrumenteneinsatz hochhalten." Der Notenbank gehe es darum, die geldpolitischen Impulse für Wirtschaft und Kreditmärkte noch für eine lange Zeit aufrechtzuerhalten. "So sollte das Wertpapierkaufprogramm der EZB aufgestockt und verlängert sowie dem Bankensektor weitere langfristige Refinanzierung zur Verfügung gestellt werden."

Die EZB hat bisher noch nicht angekündigt, wie sie ihre Instrumente anpassen wird. Beim zu Beginn der Krise im Frühjahr aufgelegten Anleihekaufprogramm PEPP erwarten die Ökonomen bisher überwiegend eine Verlängerung um sechs Monate. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg sind auch einige Ratsmitglieder für eine Verlängerung um zwölf Monate offen. PEPP hat derzeit ein Volumen von 1,35 Billionen Euro und eine Laufzeit bis Mitte 2021. Überwiegend gehen Ökonomen davon aus, dass die Notenbank ihr Programm um 500 Milliarden Euro auf dann 1,85 Billionen Euro ausweitet.

Die Notenbank dürfte zudem den Zeitraum verlängern, über den die Banken von den günstigen Zinsen der Langfristkredite (TLTROs) profitieren, erwartet Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Der Zeitraum könnte bis Mitte 2022 andauern. Schließlich habe die EZB zuletzt betont, dass ihr vor allem die Dauer der Maßnahmen wichtig sei. Der günstigste Zins bei den TLTROs dürfte jedoch unverändert bei minus einem Prozent bleiben. Zudem könnte die EZB jetzt auch mit dem Programm Immobilienkredite fördern und nicht nur Unternehmenskredite.

Das klassische Instrument der Geldpolitik, die Leitzinsen, wird die EZB jedoch voraussichtlich nicht antasten. So dürfte der derzeit besonders wichtige Einlagensatz bei minus 0,5 Prozent verharren. Diesen müssen die Notenbanken zahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken. Chefvolkswirt Philip Lane und Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel haben eine Änderung zwar nicht ausgeschlossen. Nach Einschätzung von Analysten der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) stellt der Einlagensatz aber ein Kostenfaktor für die Banken dar. Die Kreditvergabe würde also durch eine weitere Senkung tendenziell erschwert.