"Die Jungfrau": Monika Helfers Roman über Jugendfreundinnen

Monika Helfer hat einen neuen Roman vorgelegt
Mit Büchern über ihre Familie hat die Vorarlberger Autorin Monika Helfer den endgültigen Durchbruch geschafft. "Die Bagage" (2020), "Vati" (2021) und "Löwenherz" (2022) wurden Erfolge bei Kritik und Publikum. Mit ihrem neuen Roman wendet sie sich nun einer Jugendfreundin zu, die nach Jahrzehnten wieder Kontakt aufnimmt. Sie ist "Die Jungfrau", denn, so gesteht die 70-jährige Gloria der Moni schon bei der ersten Wiederbegegnung, sie hat nie mit jemandem geschlafen.

Diese Tatsache ist eigentlich für die Geschichte ganz nebensächlich, bei dem, was man über Gloria erfährt, aber dennoch erstaunlich. Denn das Mädchen aus gutem Haus war reich und schön und dem Leben und der Liebe durchaus zugewandt. Doch ein verheirateter Schauspiellehrer, in den sie über beide Ohren verliebt war, lebte zwar zeitweise mit ihr zusammen, setzte der Körperlichkeit der Beziehung aber Grenzen, ein geplanter Entjungferungstrip mit Moni nach New York endete mit einem Blowjob in Zürich - und immerhin ein paar Nächten im Nobelhotel Baur au Lac.

Die Schilderung dieses Abenteuers der beiden 17-jährigen Mädchen ist einer der Höhepunkte eines Romans, bei dem sich der Zauber nicht so recht einstellen will. Es geht um die Wiederannäherung zweier Frauen, die einander einst sehr nahe standen, um Gemeinsamkeit und Differenz in Charakter und Erfahrung, ohne dass sich ein zwingender Grund für diese Gegenüberstellung einstellen würde. Ein wenig erinnert das Buch an Gespräche bei Klassentreffen, die einen kurz gefangen nehmen, die man aber sehr schnell wieder vergisst. Die einst exzentrische Schönheit, der man nichts abschlagen konnte, ist zur schrulligen kranken Alten geworden, die ruhige, verlässliche, eher unscheinbare Monika eine erfolgreiche Autorin. So what?

Nahe kommen einem die Rückblicke vor allem dann, wenn Monika Helfer aus eigenem Erleben schöpft. Wenn sie sich erinnert, wie sie in einer Dachbodenwohnung im Haus der Freundin die ersehnte Rückzugsmöglichkeit gefunden hat und ein anderes Leben möglich schien, wenn sie etwas von der Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit in ihrer ersten Ehe preisgibt. Da wirkt die Autorin, die wieder die Ich-Form gewählt und kurze reflektive Szenen mit ihrem Mann Michael Köhlmeier eingebaut hat, ganz offen und verletzlich.

Die Abfolge von Begegnungen und Erinnerungen, teils nüchtern-distanziert, teils lebhaft-witzig beschrieben, erhält Würze durch eine dritte Person: Klara ist die Nichte Glorias und ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Im Auftrag der kranken Tante organisiert sie das Wiedersehen der früheren Freundinnen - und hat schon bald Angst um ihr Erbe, so rasch und eng scheinen die Bande zwischen den beiden älteren Frauen neu geknüpft.

So erhält der Fluss der Erinnerungen einen Fremdkörper, an dem sich Strudel und Wirbel bilden, die für Verunsicherung sorgen. In solchen Momenten zeigt auch die liebe, empathische Moni ein anderes Gesicht. Fast scheint es, sie weide sich an der Verzweiflung der ihr fremden Frau, die sich um die Früchte ihrer jahrelangen Betreuung gebracht sieht, und entgegnet kühl: "Es geht mich nichts an."

(S E R V I C E - "Die Jungfrau" von Monika Helfer, Hanser Verlag, 150 Seiten, 22,70 Euro)

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