Ein "Fleischsalat": Georg Baselitz im KHM

Georg Baselitz "Weiblicher Akt" (1972)
Georg Baselitz stellt das Kunsthistorische Museum (KHM) auf den Kopf: Das Haus am Maria-Theresien-Platz widmet dem für seine Kopfüber-Motive bekannten deutsch-österreichische Künstler seine Frühjahrsschau. Das Konzept ist so originell wie körperbetont. Gezeigt werden lediglich Akte, wobei man sich nicht mit gut 70 Werken des Meisters begnügt, sondern diese in einen visuellen Dialog mit rund 40 Gemälden Alter Meister treten lässt. Eine in allen Belangen große Ausstellung.

"Baselitz. Nackte Meister", zu sehen ab Dienstag, sei die flächenmäßig größte Ausstellung, die man im KHM bisher einem zeitgenössischen Künstler - er feierte im Jänner seinen 85. Geburtstag - zur Verfügung gestellt habe, betonte Generaldirektorin Sabine Haag am Freitag bei einem Pressetermin. Fünf Säle im ersten Stock wurden für das Gastspiel leergeräumt, dazu kommen noch die daran angeschlossenen Kabinette. Und neben Kurator Andreas Zimmermann tritt Baselitz freilich selbst als maßgeblicher Gestalter dieses sinnlichen Parcours in Erscheinung. Denn das Museum trat im Herbst 2020 an ihn mit der Idee heran, sein Œuvre im Dialog mit selbst ausgewählten Bildern der hauseigenen Gemäldegalerie zu präsentieren. "Wir haben Baselitz mehr oder weniger eine Carte blanche gegeben", so Haag, die das Ergebnis als "Triumph der Malerei" bezeichnete.

Der Rundgang - ein wahrer "Fleischsalat" (Zimmermann) - ist bis auf wenige Ausnahmen strikt chronologisch gestaltet und beeindruckt schon allein durch ihre raumgreifende Hängung. Die Gegenüberstellung von Baselitz mit etwa Parmigianino, Correggio, Tizian oder Rubens findet nämlich nicht nur nebeneinander, sondern auch übereinander statt. Dadurch wird die großzügige Museumsarchitektur Gottfried Sempers in einer bisher kaum da gewesenen Weise erlebbar.

Der Mehrwert dieses "visuellen Gesprächs" liegt für Zimmermann nicht zuletzt in der "Revitalisierung" der Alten Meister: "Man kann spüren, dass die auch mal jung und gefährlich waren." Die Bezüge zwischen Alt und Neu sind dabei selten auf den ersten Blick auszumachen. Kein Wunder, interessieren Baselitz doch nicht die mythologischen oder biblischen Geschichten der Ahnen, sondern formal-ästhetische Kriterien, erklärte Haag. Im ersten Raum sind die Parallelen allerdings doch einigermaßen augenfällig. Hier dominiert das Motiv von Adam und Eva. Neben und über den laut Schöpfungsgeschichte ersten beiden Menschen aus der Hand u.a. von Lucas Cranach und Hans Memling leuchten die Anfang der 1970er-Jahre entstandenen farbenfrohen gekippten Akte von Baselitz, die ausschließlich ihn selbst oder seine Frau Elke zeigen. Sie sind nicht mit dem Pinsel, sondern mit den Fingern gemalt.

Im Lauf des Parcours ändern sich Baselitz' Technik und Stil immer wieder. Der Kurator attestiert ihm eine "permanente Selbstneuerfindung in seiner Malerei". Einer eher reduzierten Phase an der Grenze zur Abstraktion in den 80ern - dominant im zweiten Saal - folgen im laut Zimmermann "wildesten Raum" Großformate mit Anleihen an Aquarell und Federzeichnung. Liebespaare werden mit den erotisierten Körperbildern der rudolfinischen Manieristen um 1600, allen voran Bartholomäus Sprangers, kombiniert. Von deren Regelverstößen gegen das klassische Schönheitsideal der Renaissance ist Baselitz besonders angetan.

Außerdem zitiert der Maler mit "Ade Nymphen" nicht nur Dürer, sondern arbeitet sich auch an Marcel Duchamp ab. Der hatte als Mitbegründer der Konzeptkunst die Malerei für obsolet erklärt. Als Rache malte Baselitz 1999 "Frisch verliebt - M.D.", das auf das ausufernde Liebesleben seines "Gegners" anspielt.

Entdecken kann man im KHM erstmals auch in fokussierter Form das Spätwerk von Baselitz. Die letzten beiden Säle speisen sich aus Werken ab 2010 bis in die Gegenwart. Riesige Figuren in Serie, die teils an Röntgenbilder oder Mumien denken lassen, schweben auf überwiegend dunklem Hintergrund. Es gehe eben nicht nur um Eros, Sexualität und Begehren, sondern auch um das Alter, stellte Haag fest. Das jüngste Bild zeigt noch einmal eine neue Seite des 85-Jährigen. Er collagiert Nylonstrümpfe als Gliedmaßen in seine Figuren. "Als wir es bekommen haben, hatte es noch gar keinen Titel", erzählte Zimmermann. Inzwischen hat es einen: "Nylonparade".

(S E R V I C E - "Baselitz. Nackte Meister" im Kunsthistorischen Museum Wien, 7. März bis 25. Juni, Ausstellungskatalog 40 Euro, https://baselitz.khm.at/)

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