APA - Austria Presse Agentur

Ein kleiner Muti-Abschied im Wiener Musikverein

Es ist ein kleiner Abschied, den das Chicago Symphony Orchestra (CSO) und sein langjähriger Chefdirigent Riccardo Muti am Montag im Wiener Musikverein feierten. Schließlich hat der 82-jährige Maestro, der zum "Emeritus for Life" des renommierten Orchesters ernannt wurde, mit Ende der abgelaufenen Saison 2022/23 seinen Posten an der Spitze nach 13 Jahren abgegeben. Bei der laufenden, 35. Europatournee des Weltklasseorchester machte man nun aber noch einmal Halt in Wien.

Wie passend in einem Jahr, das bereits mit einer Ehrung für Muti begonnen hatte, kürten ihn die Wiener Philharmoniker doch am 1. Jänner zum Neujahrskonzertdirigenten 2025. Außerdem ist dem gebürtigen Neapolitaner heuer ein Schwerpunkt mit fünf Konzerten im Musikverein gewidmet, trat der Dirigent doch 1974 und somit vor 50 Jahren erstmals ans Pult des Wiener Klassiktempels.

Nun also ein gleichsam italienischer Abend, für den Muti allerdings Werke eines Amerikaners, eines Russen und eines Deutschen programmiert hatte. Am Beginn stand die jüngste Arbeit des Konzerts - vom ältesten Komponisten des Reigens: Minimal-Music-Doyen Philip Glass hat für das CSO ein Auftragswerk geschrieben. Sein "Triumph of the Octagon" ist inspiriert vom mystischen Achteck des süditalienischen Castel del Monte, das der Tonsetzer beim ersten Zusammentreffen mit Muti 2022 auf einem Foto in dessen Arbeitszimmer entdeckte. Damals spielte das CSO die 11. Symphonie von Glass.

Gegen diese nimmt sich "Triumph of the Octagon" nun bescheiden aus, umfasst die Arbeit doch lediglich eine Viertelstunde - ein stetes Crescendo, in dem der Grundimpuls nur selten wechselt. Es ist ein elegisches Werk, das gleich den langsamen Sätzen der jüngsten Glass-Symphonien primär auf die Streicher setzt und abrupt endet.

Chronologisch arbeitete sich Muti dann im doppelten Sinne rückwärts - in der Epoche wie dem Lebensalter der Komponisten, folgt auf den gerade noch 86-jährigen Philip Glass doch die "Feuervogel"-Suite des damals 27-jährige Igor Strawinsky. Hier stellten die Chicagoer ihre schneidende Präzision unter Beweis, für die sie berühmt sind. Messerscharf abgezirkelte Fermaten erwachsen hier aus dem vollen Tutti, Akkorde knallen beim "Höllentanz" in den Goldenen Saal. Da gibt es keine Verschleifungen, kein Kalmieren.

Und schließlich stand am Ende die nur selten aufgeführte Sinfonische Fantasie "Aus Italien" des 23-jährigen Richard Strauss, die als Frühwerk noch an der Schnittstelle zwischen Symphonie und Sinfonischer Dichtung angesiedelt ist. Die vier Sätze, die auch ohne detailliertes Programm gleichsam als musikalischer Reiseführer durch Italien fungieren, changieren zwischen zarten Holzbläsern und sphärischen Violinen, alles kulminiert stürmisch im letzten Satz, dem "Neapolitanischen Volksleben", bei dem der Neapolitaner Muti die Strauss'sche Variation auf den Schlager "Funiculì, Funiculà" mit Verve, aber doch nicht überziehend interpretiert. Der bei Strauss oft grassierende pathetische Überschwang weicht hier relativer Zurückhaltung,

Und am Ende kam nach dem Blick eines US-Amerikaners und eines Deutschen auf Italien auch noch ein waschechter Herr vom Stiefel zum Einsatz: Anlässlich des 100. Todestages heuer würdigte Muti Giacomo Puccini mit dessen Intermezzo aus der "Manon Lescaut". Wie bereits am Anfang gab es schließlich frenetischen Jubel des Wiener Publikums, der sich zweifelsohne am heutigen Dienstag fortsetzen dürfte, wenn das CSO ein weiteres Mal im Musikverein zu erleben ist, diesmal mit einer Symphonie der afroamerikanischen Komponistin Florence Price und Sergej Prokofjews 5. Symphonie. Dann wird auch in Wien eine kleine Ära zu Ende gegangen sein.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)