APA - Austria Presse Agentur

Eine Frage der Dosis bei AstraZeneca-Vakzin

Nach der Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca am Mittwoch in Großbritannien sind noch viele Fragen offen.

Vor allem bezüglich der Dosis ist der Hersteller noch Antworten schuldig. Bei der Verabreichung von zwei vollen Dosen, zeigte sich eine Wirksamkeit von 62 Prozent, bei der Verabreichung von zunächst nur einer halben Dosis und dann einer vollen wurden 90 Prozent erreicht. "Dafür fehlt jegliches Rational", meinte der österreichische Wissenschafter Markus Zeitlinger. Der Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie an der MedUni Wien glaubt an eine zufällige Entdeckung dieser Art der Verabreichung. Da es unterschiedliche Darstellungen von AstraZeneca und der ebenfalls an der Entwicklung beteiligten Universität Oxford gab, war nicht klar, ob die Verabreichung einer halben Dosis am Anfang ein Versehen oder Absicht war. Zeitlinger sieht das Problem darin, dass das Pharmaunternehmen in mehreren Studien sehr unterschiedliche Designs verwendet hätte: verschiedene Altersgruppen in mehreren Ländern, unterschiedliche Dosierungsmengen und verschiedene zeitliche Intervalle in der Verabreichung. Somit sei ein direkter Vergleich schwierig gewesen. "Und das macht es auch für die Zulassungsbehörden schwierig", sagte Zeitlinger. "Denn am Ende stehe ich da und habe einen relativen großen Pool an Daten in relativ kleinen Subgruppen."

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Bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) ist bisher auch gar kein ein formaler Zulassungsantrag von AstraZeneca eingegangen. Laut Zeitlinger gibt es derzeit lediglich ein "Rolling Review" des Impfstoffes. Das bedeutet, dass die EMA schon während der klinischen Studien ein laufendes Prüfverfahren unternimmt. Das "Rolling-Review"-Verfahren wird solange fortgesetzt, bis die Daten ausreichende Evidenz liefern, um einen formalen Zulassungsantrag und eine Nutzen-Risiko-Bewertung zu ermöglichen. Das Verfahren dient der Beschleunigung des Bewertungsverfahrens. "Wir wissen, dass die Daten noch dünn sind", sagte auch der Infektiologe Herwig Kollaritsch, der der Corona-Taskforce von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) angehört. Allerdings wäre der Vektorimpfstoff vor allem bei jüngeren Menschen besser verträglich. Doch aufgrund der Unsicherheit der Verabreichung der Dosis und der daraus folgenden Wirksamkeit müsse dies eigentlich noch länger geprüft werden.

Andere Wirkungsweise als bei Biontech und Moderna

Bei AstraZeneca handelt es sich im Gegensatz zu Biontech/Pfizer und Moderna um einen Vektorviren-Impfstoff, der auf Adenoviren von Affen basiert. Er soll Erbmaterial des Virus in menschliche Zellen einschleusen und so die Immunabwehr ansprechen und Infektionen vorbeugen. "Vektorimpfstoffe haben eigentlich eine ähnlich gute Wirkung", sagte Kollaritsch. Derzeit liegt die Wirksamkeit von AstraZeneca bei 70 Prozent, wenn der Durchschnittswert von beiden Ergebnissen berücksichtigt wird. Britische Experten sprachen am Mittwoch sogar von 80 Prozent Wirksamkeit. "Die Effektivität ist hoch", sagte Munir Pirmohamed, Vorsitzender einer Expertengruppe zu Corona-Impfstoffen, bei einer Pressekonferenz der britischen Regulierungsbehörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte (MHRA) laut Reuters. Wenn zwischen der ersten und der zweiten Dosis drei Monate vergingen, liege sie bei bis zu 80 Prozent.

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Trotz der geringeren Wirksamkeit kostet der Impfstoff von AstraZeneca aber nur ein Zehntel des bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffes von Biontech/Pfizer mit 95 Prozent Wirksamkeit, da er bereits auf eine erprobte Technologie aufbaue. Außerdem sei es ohne großen Aufwand im Kühlschrank zu lagern. mRNA-Vakzine müssten bei fast minus 80 Grad gelagert werden, was wiederum für niedergelassene Ärzte schwierig sei, die die Impfungen zukünftig durchführen werden, meinte Kollaritsch. Die neuartige Boten-RNA in den Vakzinen liefert einen Teil der Erbinformation des Virus in die menschlichen Zellen. Sie produzieren mit diesen Informationen ein Protein des Erregers, gegen das der Körper dann Abwehrreaktionen entwickelt.

Beide Wissenschafter sind überzeugt, dass es in den kommenden Jahren zu Auffrischungen der Grundimmunisierung durch die Corona-Impfung kommen kann. "Bis dahin werden wir auch Titer-Bestimmungen haben", sagte Zeitlinger. Derzeit sehen sie keinen Sinn, beide Impfarten zu verabreichen, um mehr Sicherheit zu bekommen. Jeder Impfstoff habe seine Vor- und Nachteile. Und welchen würden sie anwenden, wenn sie die Wahl hätten? "Das ist mir egal", meinte Kollaritsch. "Hauptsache es geht schnell. Ich möchte möglichst bald in den Genuss der Impfung kommen, weil meine persönliche Freiheit ist schon stark eingeschränkt."