Erwin Wurm: "Ich stelle Fragen an mich und meine Zeit"

Künstler Erwin Wurm beim Interview in seinem Schloss in Limberg
Erwin Wurm ist Österreichs erfolgreichster lebender Künstler. Seit zwei Jahrzehnten lebt und arbeitet der Erfinder der "One Minute Sculptures" auf Schloss Limberg in Niederösterreich. Dort sprach Wurm, über den nun die erste Biografie erschienen ist, mit der APA über sein anfangs schwieriges Verhältnis zur Bildhauerei, warum er Politikern aus dem Weg geht, sich nicht als Witzeerzähler versteht und was er von Nordic Walking hält.

APA: Herr Wurm, wie lebt es sich als Schlossherr?

Erwin Wurm: Ich bin nicht hier, weil ich Graf spielen will (lacht). Ich habe in Wien jahrzehntelang ein Studio gehabt. Aber da wir so große Objekte und Projekte machen und viel Platz brauchen, war es in Wien irgendwann nicht mehr tragbar. Also habe ich Gelegenheiten gesucht und dann das hier gefunden. Ich wohne hier, aber auch in Wien, weil meine 13-jährige Tochter dort in die Schule geht. Aber die allermeister Zeit bin ich hier.

APA: Rainer Metzger hat nun die erste Biografie über Sie geschrieben. Schauen Sie prinzipiell gerne zurück?

Wurm: Eigentlich nicht. Ich bin mehr interessiert an den Dingen, die noch vor mir liegen, die ich noch machen kann. Ich bin jetzt nicht wirklich mein Archivar, da habe ich keine Lust dazu.

APA: Aber haben Sie bei der Rückschau einen roten Faden in Ihrem Oeuvre ausgemacht?

Wurm: Ich wollte eigentlich Maler werden, habe die Aufnahmsprüfung nicht geschafft und wurde in die Bildhauerklasse gesteckt. Das war ein großer Schock für mich - auch Frust. Nach einem Jahr habe ich mir gedacht: Füge Dich. Ich habe mich dann intensiver mit dem Thema beschäftigt. Am Anfang war ich angesteckt durch den schnellen Erfolg, den ich erzielt habe mit der Holzplastik, die viel zu tun hatte mit der Wilden Malerei, der Wilden Skulptur der 80er-Jahre. Aber ich habe dann schnell gemerkt, dass das nicht wirklich meine Zukunft ist, und habe mich davon getrennt. Das war schwierig. Sammler, Galeristen, Kritiker sind weggefallen. Ab 1990 hab ich dann meine neue Arbeitsweise vorgestellt und ab dann zieht sich ein Faden durch. Es geht immer um den Begriff des Skulpturalen im Verhältnis zum Sozialen.

APA: Welche Schwierigkeiten hatten Sie denn ursprünglich mit der Bildhauerei?

Wurm: Mich hat das einfach nie interessiert. Skulpturen war für mich etwas, wo Tauben draufsitzen und draufkacken. Mehr hat sich damals für mich nicht erschlossen - auch weil ich nie genauer hingeschaut und darüber nachgedacht habe. Das hat sich dann geändert. Es kacken zwar immer noch Tauben drauf, aber inhaltlich hat sich einiges geändert.

APA: Und wie haben Sie die Skulptur für sich anwendbar gemacht?

Wurm: Ich habe mich zuerst gefragt: 'Was ist eine Skulptur überhaupt und was kann das?' Da kommt man dann sehr schnell auf Parameter wie Zwei- und Dreidimensionalität, Masse, Hülle, Zeit. Dann ist mir aufgefallen, dass die voluminösen Körper der klassischen Skulpturen der Griechen und Römer - die haben ja Reiterstandbilder, Athleten oder Gottheiten dargestellt - nur durch eine sehr dünne metallene Haut definiert sind. Innen waren die hohl. So kam ich auf die Haut und auf die Kleidungsstücke, die ja auch ein Volumen umfüllen, aber nicht ausfüllen. Später habe ich dann mit den "One Minute Sculptures" begonnen, bei denen Zeit ein wesentlicher Faktor ist.

APA: Bei ihrem berühmten "Narrow House" haben Sie Ihr Elternhaus in der Steiermark in einer gestauchten Version nachgebaut. Haben Sie die Verhältnisse dort als beengend empfunden?

Wurm: Ich habe eine tolle Kindheit gehabt. Aber wenn man erwachsen wird, andere Dinge sieht und liest und dann zurückschaut, kommt einem das, was man erlebt hat, schon etwas sonderbar vor. Wir wurden z.B. in der Schule noch geschlagen. Jeder hat jeden niedergemacht. Bodyshaming war gang und gäbe. Das war eine Gesellschaft, die sehr restriktiv war. Es gab Druck von allen Seiten. So kam es dann auch zum "Narrow House", das schon das Bild einer verengenden und verengten Gesellschaft zeigen soll. Wir leben heute auch in einer verengten Gesellschaft, aber anders.

APA: Ihr Vater war Polizist, Ihre Mutter Hausfrau. Wie kommt man in diesem Umfeld zur Kunst bzw. auf die Idee, selbst künstlerisch tätig zu werden?

Wurm: Mich hat das schon sehr früh interessiert. Ich habe Bilderrahmen gesammelt, holzgeschnitzte Krippenfiguren. Mein Vater hat sich schon Sorgen gemacht, dass ich Pfarrer werde. Ich habe viele Zeichnungen gemacht. Das wurde als Spielerei abgetan. Als es dann später ernst wurde, war es plötzlich nicht mehr lustig. Da haben Türen geknallt. Meine Mutter hat mich eher unterstützt, aber mein Vater war super dagegen. Ich kann mich noch erinnern, dass er gesagt hat: 'Nicht einmal die Staatspreisträger können von der Kunst leben.'

APA: Der Beginn Ihrer Karriere war in den 80ern. Waren die so wild, wie ihnen immer nachgesagt wird?

Wurm: Die 70er und 80er waren schon lustig. Wir haben alles ausprobiert, was man ausprobieren kann. Aber ich habe Glück gehabt, weil ich körperlich nie befähigt war, viel zu trinken. Einige meiner Freunde sind sehr früh gestorben. Der (Schriftsteller, Anm.) Werner Schwab z.B. hat so viel gesoffen, dass er ganz früh abgetreten ist.

APA: Sie haben keine Begabung für den Exzess?

Wurm: Nein.

APA: Die "One Minute Sculptures", in denen Sie Menschen in grotesken Verrenkungen mit Alltagsgegenständen Skulpturen werden lassen, waren in den 90ern Ihr großer Durchbruch. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Ihnen die Idee dazu eingeschossen ist?

Wurm: Das war eine längere Phase. Ich habe damals Arbeiten gemacht wie: Man kann einen Pulli nehmen, gibt zwei Nägel an die Wand und hängt den Pulli nach meiner Anleitung auf. Das Inhaltliche trennt sich dann vom Objekt und es entsteht etwas Neues. Diese Pullis konnte man nach zwei Wochen wieder runternehmen und anziehen. Das Kunstwerk hat nur eine relativ kurze Zeit existiert. Das ist dann immer kürzer geworden. Irgendwann bin ich auch draufgekommen, das jedes Material, das mich umgibt, ein möglicher Ausgangspunkt für eine Skulptur oder bildhauerische Arbeit sein kann. Bei den "One Minute Sculptures" hat es dann einen konkreten Anlass gebraucht. Ich war gerade in einer schrecklichen Scheidung. Es war alles Drama und furchtbar, ich habe ein Jahr lang nicht gearbeitet. Danach wurde ich nach Bremen eingeladen, eine Ausstellung zu machen. Ich habe nichts hingeschickt, die wurden schon nervös. Zehn Tage vor Beginn bin ich hingefahren und habe mit den Leuten dort zum ersten Mal die "One Minute Sculptures" ausprobiert. Als es fertig war, habe ich mir gedacht: 'Ob das gut ist, weiß ich nicht.' Ich war mir sehr unsicher.

APA: Ihre "One Minute Sculptures", aber auch die aufgeblähten Autos, lebensgroßen Gurkerl oder Handtaschen auf Beinen haben ja was sehr Lustiges, Ulkiges. Welche Rolle spielt Humor in Ihrem Werk?

Wurm: Ich nenne es Absurditäten. Ich bin ja kein Witzeerzähler, ich bin ja kein Kabarettist. Ich stelle Fragen an mich und unsere Zeit. Ich glaube, wenn man das Absurde oder Paradoxe in unserem Leben herausstreicht, sieht man vielleicht mehr.

APA: Das Alltägliche, Marginale hat einen fixen Platz in Ihrer Arbeit. Was interessiert Sie daran?

Wurm: Ich hatte nie viel Geld und musste mit Materialien arbeiten, die billig waren. Die ersten Jahre hatte ich ein Atelier mit Manfred Wakolbinger, Anna Heindl und Verena Formanek im 10. Bezirk in der Knöllgasse über einer Tischlerei. Da konnte ich den Abfall verwenden, so entstanden die Holzskulpturen. Dann war ich in einem Atelier, wo eine Dosenfabrik in der Nähe war, also habe ich mit Dosen gearbeitet. Danach hatte ich mit Hubert Schmalix, Alois Mosbacher, Thomas Stimm, Eva Schlegel und Wakolbinger am Handelskai ein Atelier, wo eine Altkleidersammlung daneben war. Also hab ich Kleider genommen. Ein pragmatischer Zugang war also wichtig, weil ich mir null leisten konnte.

APA: Sie sind Österreichs erfolgreichster lebender Künstler mit einem hohen Wiedererkennungswert. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich irgendwann selbst reproduziert, wenn Sachen so gut funktionieren?

Wurm: Klar. Aber mir war immer klar: Eine Idee ist viel zu wenig, um ein künstlerisches Werk zu schaffen. Man muss sich immer weiterentwickeln. Ich glaube, wenn man stillsteht, geht's langsam aber sicher bergab.

APA: Im Zuge der Klimadebatte geht es immer mehr um Nachhaltigkeit, um Materialien, um Recycling. Schlägt sich das auf die Art und Weise nieder, wie Sie produzieren?

Wurm: Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Was wir mit unserer Welt aufführen, wie wir mit Tieren umgehen, wie wir mit der Natur und uns Menschen umgehen, ist grauenhaft. Irgendwas müssen wir da schon ändern, sonst fährt der Zug echt an die Wand. Ich habe schon ein paar Ausstellungen gemacht - das probiere ich immer mehr -, wo wir die Sachen dort produzieren. In Taiwan haben wir eine riesige Ausstellung gemacht mit 150.000 Besuchern, ohne ein Ding zu verschicken. Wir haben die Vorlagen gemailt, die haben Skulpturen nach unseren Anweisungen gemacht. Das ist aber nicht immer möglich. Ich bin in einer Branche tätig, wo Skulpturen das Resultat sind, die natürlich auch die Umwelt belasten. Das stimmt. Aber ich kann jetzt nicht aufhören. Ich mache halt so lange weiter, wie ich noch lebe. Die nächste Generation macht's sowieso besser.

APA: Spielt der größere gesellschaftliche Fokus auf die Political Correctness für Sie eine Rolle - Stichwort "fat cars"?

Wurm: Die "fat cars" sind ja eine Kritik am Konsumverhalten und an Gesellschaftsformen. In den alten Gesellschaften waren die Reichen und Mächtigen wohlgenährt, weil sie zeigen konnten, dass sie genug zu fressen haben. Die Armen waren die Dünnen und Mageren. Heute ist es umgekehrt. Aber heute kann man das nicht mehr so nennen, weil es anders rezipiert wird. Drum nenne ich es inzwischen auch "big". Die Political Correctness ist etwas wichtiges. Die jungen Leute wollen sich anders definieren, das verstehe ich vollkommen.

APA: Sie haben einmal gesagt, Ihre Kunst sei Ihnen zu schade für Partei- und Tagespolitik. Jetzt ist die Rechte in Europa im Vormarsch ...

Wurm: Ja, aber warum ist die Rechte im Vormarsch? Weil die anderen schlechte Politik machen. Macht's bessere Politik, dann marschiert keiner nach rechts! Es ist ja bescheuert. Da könnte ich mich maßlos aufregen und ärgern. Es ist niemand bereit, die eigenen Fehler zuzugeben. Das ist fatal. Ich war ein Polizistenbub und bin dann etwas bekannter geworden. Dann kommen sofort Politiker, die einen kennenlernen wollen und die einen ins Rampenlicht ziehen. Das hat mir am Anfang gefallen, muss ich zugeben. Ich fand das irgendwie cool. Dann habe ich relativ schnell gemerkt, dass man vom System schnell missbraucht wird. Ich habe meine Lektion gelernt und geh' denen allen total aus dem Weg.

APA: So erfolgreich wie Sie sind, hätten Sie auch woanders hingehen können. Sie sind in Österreich geblieben. Warum eigentlich?

Wurm: Ich bin hier wahnsinnig gerne. Ich habe hier viele Freunde. Die Natur ist schön. Es gibt so eine tolle Historie an Architektur usw. Natürlich gibt's auch viele Deppen hier, aber die gibt's eh überall. Ich glaube, wenn man ausweicht, woanders hingeht und das Land einem am Anfang so toll vorkommt, dass sich relativ bald Ernüchterung einstellt. Letztenendes ist es überall ähnlich, wo Menschen zu Werke sind.

APA: Die Albertina richtet Ihnen zum 70er eine Retrospektive aus. Wird es da auch Neues zu sehen geben?

Wurm: Ja, ich zeige viele neue Arbeiten, die werden extra dafür gemacht. Zum Beispiel mache ich die "One Minute Sculptures" jetzt schon seit 27 Jahren. Die waren ja immer sehr clean. Mit Podest, Anweisungen und einem Objekt hat man dann die Skulptur realisiert. Mich hat das Cleane dieses Podests zu stören begonnen. Jetzt habe ich zum ersten Mal statt der Podeste abstrakte Skulpturen zum Ausgangspunkt genommen, mit denen die Leute hantieren können. Man sieht schon eine Form, bevor man macht etwas gemacht hat. Wenn man dann selbst etwas macht, verdoppelt sich was und wird vielleicht doppelt interessant - wer weiß ...

APA: Sie werden im Sommer 70. Ich nehme an, Sie haben Ihre Schäfchen soweit im Trockenen, dass Sie eigentlich nicht mehr arbeiten müssten. Ist Ruhestand eine Option für Sie?

Wurm: Bitte, das ist schrecklich. Ich arbeite so lange, bis ich umfalle. Wenn ich mir vorstelle, nicht arbeiten zu müssen ... Da draußen Spazierengehen? Nordic Walking machen? Nein danke!

(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)

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