APA - Austria Presse Agentur

Experten fordern Umgestaltung des Wiener Lueger-Denkmals

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) hat unlängst angekündigt, eine Lösung für das umstrittene Denkmal für den früheren Bürgermeister und bekennenden Antisemiten Karl Lueger (1844-1910) im 1. Bezirk zu erarbeiten. Am Mittwoch hat eine Expertenrunde rund um die zivilgesellschaftliche NGO #aufstehn ihre diesbezüglichen Forderungen formuliert. Die Statue soll von ihrem Sockel geholt, der Dr.-Karl-Lueger-Platz gänzlich umgestaltet und umbenannt werden.

Das insgesamt 20 Meter hohe Denkmal mit einer vier Meter hohen Bronzefigur Luegers am Stubentor wurde 1926 errichtet und sorgt seit Jahren für Debatten. Inzwischen ist mehrmals das Wort "Schande" auf das Bauwerk gesprayt worden.

Nicht zuletzt die Aktivistinnen und Aktivsten der #aufstehn-Kampagne machen sich seit geraumer Zeit für einen anderen Umgang mit dem Ort und seinem Erinnerungsbauwerk stark. Zu diesem Zweck haben sie eine siebenköpfige Expertenkommission aus den Bereichen Architektur, Kultur und Zeitgeschichte zusammengestellt, um Empfehlungen für die Stadt zu erarbeiten.

"Das Ehrendenkmal eines bekennenden Antisemiten kann so sicher nicht stehen bleiben", fasste Kampagnenleiterin Jasmin Chalendi das Ergebnis in einer Pressekonferenz zusammen. Insofern müsse das Denkmal seinen "Ehrencharakter" verlieren und die Figur Luegers jedenfalls von ihrem mächtigen Sockel geholt werden. Ob die Bronzestatue generell vom Platz entfernt und etwa in einem Museum landen oder beispielsweise an Ort und Stelle durch eine künstlerische Überformung eine neue Sichtweise erfahren soll, ließ sie auf Nachfrage offen. Da gebe es in der Expertenrunde durchaus unterschiedlichen Auffassungen, räumte Chalendi ein.

Das müsse in einem zweiten Schritt entschieden werden, wenn es um die gesamte Neugestaltung des Platzes in einen "Ort der Reflexion", an dem sich Menschen "durch Informations- und Interaktionsangebote mit vergangenen und gegenwärtigen Formen von Antisemitismus und Rassismus" befassen können, gehe, wie es in der mehrseitigen Expertenbroschüre heißt. Für eine Umsetzung müsse es eine öffentliche Ausschreibung geben und die Bevölkerung eingebunden werden.

Die Kommission fordert von der Stadt zudem eine Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Platzes, auf dem das Denkmal steht. Zum Hintergrund: Bereits 2012 wurde der damalige Dr.-Karl-Lueger-Ring vor dem Hauptgebäude der Universität Wien in Universitätsring umgetauft.

Den Einwand, dass durch derlei Maßnahmen ein Teil der Historie aus dem Stadtbild gelöscht werde, will #aufstehn nicht gelten lassen. "Wir wollen Lueger nicht aus der Stadtgeschichte tilgen, sondern wir wollen die gesamte Geschichte erzählen", argumentierte Historiker Florian Wenninger. Die fraglos wichtigen kommunalen Verdienste des Bürgermeisters - etwa der Bau der Hochquellwasserleitung - könnten nicht aufwiegen, "was Lueger und seine politischen Nachfolger durch Hetze gegen Minderheiten angerichtet haben".

Sahsi Turkof, Präsidentin der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen nannte Lueger "ein Vorbild für Adolf Hitler". Sie gab zu bedenken, dass die Statue ein "Sammelort für Neofaschisten" sei und erinnerte an eine Aktion der rechtsextremen Identitären im Vorjahr. Die Architektin Gabu Heindl sieht "keinen demokratisch legitimierten Grund, warum irgendein Platz einem Antisemiten Ehre gebieten sollte". Es gebe aber viele Gründe, diesen Missstand zu beenden - "und zwar nicht durch sanfte Kontextualisierung, etwa mit einer Tafel, sondern durch Entfernung der Figur Luegers".

Neben Elke Krasny von der Akademie der bildenden Künste und Kunsthistorikerin Mechtild Widrich ist auch der bekannte Zeithistoriker Oliver Rathkolb Teil der #aufstehn-Kampagne. Er war - wie Krasny und Widrich - beim heutigen Medientermin nicht anwesend, dürfte einer kompletten Entfernung der Lueger-Statue aber eher skeptisch gegenüber stehen. Die permanente Auseinandersetzung mit Karl Lueger müsse Teil unserer demokratischen Erinnerungspolitik bleiben, hält er im Kommissionspapier fest: "Ihn einfach zu entsorgen, ist das falsche Signal - er muss Teil unserer Geschichte bleiben."

Aus dem Büro der Kulturstadträtin Kaup-Hasler verwies man am Mittwoch auf APA-Anfrage einmal mehr auf den bereits vor einem Monat angekündigten "Round Table". Dieser ist - sofern es die Corona-Situation erlaubt - für Ende Mai angepeilt. Mit rund 45 Fachleuten aus diversen Bereichen soll hier über einen adäquaten Umgang mit Denkmal und Platz beraten werden. Auch Vertreterinnen und Vertreter von #aufstehn seien eingeladen, wurde betont. Auf konkrete Forderungen der NGO wollte man heute nicht eingehen, um Ergebnisse des Runden Tisches nicht vorzugreifen, hieß es.