Festwochen-"Medea's Kinderen": Die Reflexion des Unfassbaren

"Medea's Kinderen": Medea als Überfigur eines Theaterabends
Es sind die vermeintlich unaussprechlichen Dinge, die Festwochen-Intendant Milo Rau anspricht. Es ist der unbedingte Wille, nichts zu tabuisieren, wenn Tabuisierung die Unterdrückung von Positionen bedeutet. Es ist das Bestreben, allen Proponenten das Recht auf die eigene Stimme zu geben. Was für die Formate der "Prozesse" oder die Festwochen-Rede gilt, gilt auch für die Inszenierungen des Regisseurs Milo Rau - wie er am Freitag bei "Medea's Kinderen" unter Beweis stellte.

Am einstigen Psychiatriegelände des heutigen Otto Wagner Areals ist Raus noch in seiner früheren Wirkungsstätte, dem NT Gent, entstandene Produktion zu sehen, in der der vermeintlich wahnwitzige Versuch unternommen wird, den realen Fall einer fünffachen Kindstötung mit Kindern nachzuzeichnen. Zugleich belässt es Milo Rau wie zuvor bereits in zahlreichen anderen seiner Stücke nicht bei dieser Eindimensionalität.

Belgische Kriminalgeschichte wird mit der Antike verschnitten, das Reale mit dem Mythos verwoben. In diesem Falle ist es Euripides' "Medea" als theatrale Urmutter aller Kindsmörderinnen. Aber selbst diese Doppelhelix der thematischen Verschränkung ist nicht der einzige Strang des Abends. Schließlich beginnt alles mit einem Nachgespräch, in dem die sechs Kinder und Jugendlichen über ihre Rollen und die Thematik reflektieren, bevor in chronologischer Umkehr erst das Spiel beginnt.

Doch nicht nur die Zeit ist hier verschoben, auch die Perspektiven sind es. Es ist der kindliche Blick auf eine erwachsene Welt in einem Setting, in dem die Kinder ansonsten keinerlei eigene Position zugestanden wird. In der griechischen Tragödie bleiben Medeas Kinder stumm. Entsprechend geht es in "Medea's Kinderen" um einen fundamentalen Perspektivwechsel, eine Sichtverschiebung - was wiederum nahtlos ins Festwochen-Konzept passt, marginalisierten Gruppen eine Stimme zu geben.

Das Werk ist dabei über weite Strecken ein Theater der Antagonismen - Humor und Dramatik, kindliche Weltsicht und der Ernst der Erwachsenwelt wechseln hier im schnellen Tonalitätssprung einander ab. Reflexionsschleifen stehen gespielten Monologen des Vaters, dessen Kinder ermordet wurden, der Eltern der Täterin oder auch der Mörderin selbst gegenüber. Es geht nicht um die Akzeptanz aller Seiten, aber das Zeigen aller Seiten.

Live mitgefilmte Videos dienen als Nahaufnahme der mitunter herausragenden Schauspielleistungen des jungen Ensembles, erweitern aber immer wieder auch das Theaterspiel, wenn Filmszenen eingeflochten sind, die das Bühnengeschehen doppeln oder konterkarieren. So entwickelt sich über den Abend hinweg ein eigentümlicher Flow aus Leichtigkeit und Schwere trotz des schier unbegreiflichen Themas.

Diesen Rhythmus bricht Rau am Ende jedoch mit einem harten Schnitt - im wahrsten Sinne des Wortes. Der sich über eine Viertelstunde erstreckende Mord an den fünf Kindern in detailsatter Nahaufnahme führt auch die Zuschauer an ihre Schmerzgrenze und ist doch keine reine Provokation um ihrer selbst willen. Es ist letztlich die konsequente Fortführung des Gedankens, im kulturellen Rahmen nicht um den heißen Brei herumzutänzeln. Im Theater von Milo Rau wird nichts ausgespart. Und diesmal sparte das Publikum auch nicht mit Applaus.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - "Medea's Kinderen" von Milo Rau im Rahmen der Wiener Festwochen, Jugendstiltheater am Steinhof, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien. Regie: Milo Rau, Video: Moritz von Dungern, Licht: Dennis Diels, Kostüme: Jo De Visscher, Bühne: ruimtevaarders. Mit Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Jade Versluys, Bernice Van Walleghem, Gabriël El Houari, Aiko Benaouisse, Emma Van de Casteele, Helena Van de Casteele, Sanne De Waele, Ella Brennan, Anna Matthys, Juliette Debackere, Vik Neirinck, Elias Maes. Weitere Aufführungen am 1. und 2. Juni. www.festwochen.at/medeas-kinderen)

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