Gewitterpotenzial seit 2000er-Jahren gestiegen

Vor allem im Süden und Osten Europas
Das Gewitterpotenzial in Österreich ist seit den 2000er-Jahren in Österreich um etwa 20 Prozent gestiegen.

Das ist eines der ersten Ergebnisse eines laufenden Projekts der Zentralanstalt der Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), bei dem die Wetterlagen der letzten Jahrzehnte in Europa analysiert werden. "Wir ermitteln Indikatoren für das Auftreten von schweren Gewittern, wie zum Beispiel eine instabile Luftschichtung und ein starker Höhenwind, und untersuchen Änderungen ihres Vorkommens in den letzten Jahrzehnten in Österreich und in Europa", erläuterte ZAMG-Klimaforscher Georg Pistotnik in einer Aussendung der ZAMG, die im Vorjahr veröffentlicht wurde.

Erste Zwischenergebnisse: In den 1980er- und 1990er-Jahren blieb die Zahl der Wetterlagen mit Unwetterpotenzial in Europa relativ ähnlich. Seit den 2000er-Jahren ist ein deutlicher Anstieg um 30 bis 50 Prozent erkennbar, vor allem im Süden und Osten Europas. In Österreich liegt die Zunahme des Gewitterpotenzials seit den 2000er-Jahren bei etwa 20 Prozent. Gewitter reagieren stark auf regionale Bodenfeuchte. Dabei ist aber zu beachten, dass dies nicht gleichbedeutend mit einer Zunahme an Gewittern ist, weil nicht aus jeder entsprechenden Wetterlage auch tatsächlich ein Gewitter entsteht.

Physikalischer Zusammenhang mit Klimaerwärmung

Laut ZAMG gibt es einen physikalischen Zusammenhang für diese Ergebnisse mit der Klimaerwärmung: Pro Grad Erwärmung kann Luft im typischen Temperaturbereich der Atmosphäre um etwa sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. Dieses Plus an Wasserdampf überträgt sich den Klimaforschern zufolge einerseits direkt in höhere Niederschlagsintensitäten. Andererseits setzt die Kondensation von Wasserdampf große Energiemengen frei, die den Auftrieb in Gewitterwolken verstärken und damit auch indirekt entsprechend heftigere Wettererscheinungen ermöglichen.

Es gibt Anzeichen, dass sich infolge des Klimawandels die Großwetterlagen ändern, konstatierte die ZAMG. Das beeinflusse auch die Häufigkeit von Gewittern. In Österreich dehne sich wegen der zunehmenden Erwärmung die Gewittersaison in Richtung Frühling und Herbst aus. In den eigentlichen Gewittermonaten im Hochsommer könnte eine Zunahme von stabilen subtropischen Hochdruckgebieten die Gewittertätigkeit allerdings etwas dämpfen.

Die ZAMG hat auch den Einfluss von Bodenfeuchtigkeit auf das Entstehen von Gewittern untersucht. Dabei hat die Zentralanstalt mit einem Computermodell zwei vergangene Sommer in Österreich jeweils vom 1. Mai bis 31. August mit der realen Abfolge an Wetterlagen gerechnet, aber mit zwei Varianten von Bodenfeuchtigkeit als Ausgangszustand: einmal mit einem komplett ausgetrockneten Boden und ein zweites Mal mit einem völlig mit Wasser gesättigtem Boden. Die simulierten Regenmengen dieser beiden Experimente unterschieden sich um rund 20 Prozent.

"Der Stand der Bodenfeuchtigkeit am Beginn einer Sommersaison verleiht der Atmosphäre eine Art Erinnerung, die sie bis zum Ende des Sommers nicht verliert. Dadurch können sich sowohl trockene als auch feuchte Wetterphasen selbst verstärken und verlängern, solange keine 'aktive' Wetterlage dieses Muster nachhaltig bricht", interpretierte Pistotnik die Ergebnisse der Experimente.

Gerade das "Recycling" von Feuchtigkeit aus dem Boden spielt eine erhebliche Rolle bei der Bildung von Gewittern. "Manche Wetterlagen fördern die Bildung von Niederschlägen, andere unterdrücken sie. Dazwischen liegt eine Bandbreite an Wetterlagen, in denen sich die Atmosphäre sozusagen 'passiv' verhält, und genau dann wird die Vorgeschichte umso wichtiger", erklärte Pistotnik. "Sind die Böden bereits feucht, steigt die Neigung zur Bildung von Regenschauern und Gewittern. Gerade bei Wetterlagen mit geringen Luftdruckgegensätzen reagieren Sommergewitter sehr deutlich auf die lokale Verdunstung."

Die mögliche leichte Abnahme an Gewittern im Hochsommer könnte unter Umständen ebenfalls damit erklärt werden. Pistotnik: "Hier schließt sich auch der Kreis zur Bodenfeuchtigkeit, indem der zuvor beschriebene Feedback-Prozess durch eine längere Verweildauer von Wetterlagen weiter gestützt wird. In den 'mediterran' geprägten Sommern dürften Gewitter seltener werden. In den dazwischen eingestreuten Sommern mit erhöhter Tiefdruckneigung bleiben Gewitter hingegen häufig und können auch weiter erhöhte Niederschlagsintensitäten und Unwetter bringen."

Kommentare