APA - Austria Presse Agentur

"Im Schatten zweier Sommer": Roman über Joseph Roth

Seit wenigen Monaten erinnert im Eingang des Hauses Rembrandtstraße 35 in der Leopoldstadt eine Gedenktafel daran, dass der später weltbekannte Schriftsteller Joseph Roth hier im Jahr 1914 wohnte, als er aus Galizien zum Studieren in die Residenzstadt kam. Initiiert hat sie der deutsche Autor Jan Koneffke, der eines Tages entdeckte, dass an seinem Wiener Wohnort einst sein berühmter Kollege gemeldet war. Nun erscheint Koneffkes Roth-Roman "Im Schatten zweier Sommer".

"Das betrachte ich geradezu als Verpflichtung!", hatte der gebürtigen Darmstädter, den es 2003 nach Wien verschlug, vor dreieinhalb Jahren im APA-Interview seine Entdeckung kommentiert. Damals war gerade sein Roman "Die Tsantsa-Memoiren" erschienen, in dem Koneffke "das Panorama europäischer Geschichte aus einer exzentrischen Perspektive schildern" wollte. Als Erzähler der von 1780 bis in die Gegenwart reichende Handlung wählte er einen Schrumpfkopf. Ganz so exotisch wird es diesmal nicht. Um seiner selbst auferlegten Verpflichtung nachzukommen, erfindet er eine Wiener Tante Fanny, die ihrem Neffen quasi am Totenbett ihr Geheimnis lüftet: ihre Liebe zu dem jungen Zimmerherren aus Galizien, der im Februar 1914 bei der Familie der 17-Jährigen ein Kabinett mietete ...

Der Roman beruft sich auf zwei Quellen, die dem Neffen nach dem Tod der Tante testamentarisch zugedacht werden: das 1914 von Fanny geführte Tagebuch, das von zunehmender Vertrautheit und gleichzeitiger Heimlichkeit berichtet und im Frühherbst im Kriegstaumel nach dem Sarajevo-Attentat abreißt, sowie zehn undatierte, von der Tante besprochene Kassetten. Auf ihnen erinnert sie sich an ihre spätere Wiederbegegnung in der Pariser Exilantenszene, als sie zum Liebespaar wurden, doch sowohl die Weltlage als auch Roths Zustand sich zunehmend verdüsterten: "Im Schatten zweier Sommer" konnte zwar Liebe und Zuneigung wachsen, doch in der Finsternis zweier Weltkriege war kein dauerhaftes Blühen möglich.

Die Mischung aus zeit-, kultur- und literaturhistorischem Material und dichterischer Fantasie gliedert sich in drei Kapitel: die Einführung und Einordnung des Autors, das "originale" Tagebuch, das die Leser unmittelbar am Geschehen und den Verwirrungen, die der über verschiedene Charakterseiten verfügende Mann in dem Mädchen auslöst, teilhaben lässt, und die von Fanny geschilderten Erinnerungen an die Jahre 1938 bis 1940, die erzählerisch am konventionellsten ausfallen.

Die Geschehnisse sind mehr dramatisch als romantisch: Die Schusterstochter Fanny steht als bekennende Sozialdemokratin auf den Fahndungslisten der Nazis, unter abenteuerlichen Umständen kann sie nach Paris entkommen, wo sie zunächst auf Vermittlung der "roten Erzherzogin" Unterschlupf findet, ehe sie am Stammtisch des mittlerweile bekannten und von Bewunderern umlagerten Autors auf ihre Jugendliebe trifft. Das gemeinsame Glück wird allmählich getrübt - durch die Aussicht auf den baldigen Untergang Europas, durch alltägliche Geldsorgen und durch die Trinksucht des obendrein noch krankhaft eifersüchtigen Dichters.

"Gerade bei Roth, der gerne 'falsche Geschichten' um seine Person erfand, um sich dem nationalen, religiösen und 'rassischen' Zuordnungswahn zu entziehen (...), ist dieses (ernste) Spiel der Verquickung von Wirklichkeit und Fiktion erlaubt", schreibt Koneffke in einer Nachbemerkung. Dass auch seine Protagonistin Fanny nie ganz dahinterkommt, was hinter Roths vielen Gesichtern steckt (inklusive seiner grotesk anmutenden Habsburger-Treue), ist einer der Gründe, warum die Verbindung noch vor Roths Tod in die Brüche geht. Einen Tag vor Hitlers Angriff auf Frankreich entkommt Fanny per Frachtdampfer Richtung USA. Ihre Visa bezahlt sie mit Roth-Autographen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Jan Koneffke: "Im Schatten zweier Sommer", Galiani Berlin, 304 Seiten. Buchpräsentation am 8.2., 19 Uhr, in der Alten Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)