Jazzmusiker Pongrácz sucht Form, "die neu und anders ist"

Lehnen sich gern weit raus: Vincent Pongrácz und das Synesthetic Octet
Es stolpert und poltert, fiept und groovt, dass es eine Freude ist: Auf dem Album "Plehak" sind Klarinettist Vincent Pongrácz und sein Ensemble Synesthetic Octet wieder in eigenen Sphären unterwegs. So vielgestaltig das klingt, so sehr setzte die Jazzformation bei den Aufnahmen auf Reduktion und nahm die sieben Stücke gemeinsam in einem Raum mit nur einem Mikrofon auf. "Mich hat grundsätzlich interessiert, vereinfachte Arbeitstechniken zu verwenden", so Pongrácz.

Das bedeutet aber nicht, dass Nummern wie "Sdreek" oder "Bit Xiro" simpel gestrickter Jazz wären. Dafür denkt der Bandleader viel zu gern um die Ecke, verknüpft freie Formen mit melodiösen Ruheinseln und anspruchsvoller Rhythmusarbeit, die nicht selten an Hip-Hop denken lässt. "Ich habe ziemlich viel Zeit damit verbracht, innerlich aufzuräumen und zu schauen, welche ästhetischen Überbleibsel noch in mir sind", rekapitulierte Pongrácz die zehn Jahre seit Bandgründung im APA-Gespräch. "Was ist da noch aktuell? Was mache ich nur mehr automatisch? Ich habe einfach überlegt, was mir gefällt. Das war auch in gewisser Weise eine Antwort auf die Dinge, die um mich passiert sind."

Ein wesentlicher Bestandteil dabei sind Stimmen: Einerseits von Sängerin Renee Benson, andererseits von Pongrácz selbst, dessen Alter Ego Synesthetic Ivo mit Kunstsprachen-Raps zwei Stücke bereichert. "Mit meinen Vocals ist es immer so ein Ding: Manchmal denke ich mir, dass ich sie ganz weglasse", schmunzelte der Musiker. "Aber bei dem Album gab es rhythmisch so interessante Sachen, dass es mir einfach Spaß gemacht hat, weil es das sonst nicht gibt in dieser Form. Das ist ja sehr weit hergeholt von normalen Hip-Hop-Grooves. Ich wollte wissen, wie es sich anhört und ob es funktioniert, wenn ich darüber rappe."

Der kreative Motor des 38-Jährigen, der nach einigen Jahren in Kopenhagen, wo er auch seinen Master absolvierte, in Wien lebt und arbeitet, ließe sich vielleicht als regelmäßige Unregelmäßigkeit zusammenfassen. "Man fragt sich ja: Wie ist meine Perspektive? Wie objektiv kann ich meine Musik im globalen Kontext überhaupt noch sehen? Und wie sehr ist sie geprägt von einer gewissen Sicherheit, die ich hier mittlerweile habe?" Er beschäftige sich damit, wie er diese Routinen aufbrechen könne. "Entweder von innen oder durch eine internationale Brücke", verwies er auf die von ihm mitbegründete und kokuratierte Konzertreihe "Synesthetic Wednesday" im Rhiz, zu der verstärkt internationale Gäste geholt werden sollen.

"Es ist letztlich eine ständige Balance, weil man das auch braucht, wenn man etwas vertiefen will", so Pongrácz. "Am besten ist es, einen Alltag zu haben, den man gezielt bricht. Ich mag es beispielsweise irrsinnig, übernächtig zu sein. Das ist dann wie eine Erinnerung an früher, weil das rationale Denken nicht so gut funktioniert und dann etwas anderes durchsickert", meinte er, um zu ergänzen: "Aber es ist natürlich nicht für alles vorteilhaft, wenn man funktionieren will."

Wie aber sieht es mit dem im Jazz durchaus vorhandenen Streben nach Virtuosität und dem Verschieben der eigenen Grenzen aus? "Es ist da. Aber es gibt da auch einen Widerspruch. Ich habe im Vergleich zu anderen Kollegen relativ spät gemerkt, wie ich gut lernen kann. Da macht es Spaß, solche Dinge anzugehen und besser zu werden, weil man freier wird in den Ausdrucksformen. Es gibt aber zwei extreme Wege, wie man da hinkommt: einerseits technisch zu arbeiten, andererseits über pure Freude." Etwa, wenn man sich eine Platte auflege und dazu spiele. "Dann ist man in der Musik und mit dem konfrontiert, was gerade da ist. Damit musst du dann zurechtkommen."

Am Montag (13. Mai) wird "Plehak" im Wiener Porgy & Bess präsentiert, gemeinsam mit älteren Sachen und womöglich auch ein, zwei ganz neuen Stücken. Vom Publikum erhofft sich Pongrácz in erster Linie Offenheit. "Ich wünsche mir, dass man es sieht wie bildende Kunst. Ich habe das Gefühl, dass man sich dort als Künstler mehr erlauben kann, ohne in eine Kategorie gedrängt zu werden. Da wird vielleicht mehr toleriert. Aber womöglich stimmt das auch gar nicht." Er habe einfach den Wunsch, "etwas Eigenes auszudrücken und eine Form zu finden, die neu und anders ist, dabei aber trotzdem der Zeit entsprechend. Und dass das einen Wert hat."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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