APA - Austria Presse Agentur

Julia Holter vertonte "Schnappschuss einer bestimmten Zeit"

Knackende Beats, flirrende Synthies und an Vogelgezwitscher gemahnende Flöten: Wenn Julia Holter ihr neues Album "Something in the Room She Moves" eröffnet, befinden wir uns schnell in einer Welt aus sonnendurchfluteten Momenten und blubbernden Klängen. Eine fließende, beizeiten fragile Ästhetik sei ihr vorgeschwebt, erzählt die US-Musikerin im APA-Interview. "Dieses Album ist ein Schnappschuss einer bestimmten Zeit."

Und zwar einer äußerst turbulenten: Seit dem Vorgänger "Aviary", ein fast 90 Minuten umspannendes Meisterwerk aus Kunstliedern, sind beinahe sechs Jahre vergangen. Holter ist seitdem Mutter einer Tochter geworden, hat ihren Neffen verloren und musste wie alle Menschen die Corona-Ausnahmezeit durchleben. "Ich habe mit den neuen Songs begonnen, als die Pandemie auf dem Höhepunkt und ich schwanger war. Das war eine sehr andere Phase meines Lebens." Später habe sie mit dem Zeitmanagement als junge Mutter umgehen lernen müssen. All das sei in gewisser Weise auch in die Stücke eingeflossen.

Dennoch: Selbst wenn nicht jede Idee, jeder Take oder jede Texteingebung sofort gefruchtet habe, müsse man auch diese Abschnitte akzeptieren und annehmen. "Manchmal hast du zwar das Gefühl, dass nichts passiert. Aber es ist nie umsonst, was du machst. Du baust etwas auf, selbst wenn es nur Gedanken sind, die sich schlussendlich in den Texten niederschlagen können. Auch wenn das erst zu einem viel späteren Zeitpunkt passiert." So sei es ihr etwa mit dem zentralen Stück "Spinning" gegangen, das sich um ein Beat-Synthesizer-Gespann in immer lichtere Höhen schraubt. "Ich musste mich jedenfalls mit Geduld auseinandersetzen und versuchen, ganz in der Gegenwart zu sein."

Von Limitationen, die Holter selbst gespürt habe, ist in diesen zehn Songs allerdings nichts zu merken. Vielmehr versprühen sie eine Leichtigkeit, die so gar nicht zur Entstehungszeit passen will, sich vielleicht aber gerade deshalb darin manifestiert. So wirkt etwa "These Morning" wie ein angenehmes Strecken in den ersten Minuten des Tages, während der Titelsong überaus eingängige Dreampop-Vibes versprüht. Ein besonderes Highlight ist das nur aus Stimmen bestehende "Meyou", für das Holter gemeinsam mit Ramona Gonzalez, Jessika Kenney und Mia Doi Todd den Titel mantraartig wiederholt, wodurch ein unglaublicher Sog entsteht.

Was das Songwriting betrifft, ist die Künstlerin quasi zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Sie habe früher oft mit programmierten Schlagzeugrhythmen experimentiert. "Als erstes sind die Songs 'Something in the Room She Moves' und 'Evening Mood' entstanden, und zwar aus einem einfachen Beat mit Delay. Der klang ein bisschen wie ein Herzschlag. Da hatte ich erstmals das Album vor Augen, es hat sich gewissermaßen eine Welt aufgetan." Viel habe aber auch ihre Schlagzeugerin Elizabeth Goodfellow eingespielt, wobei sie daraus oft wieder Samples gezogen und diese danach zusammengebaut habe. "Ich wollte einen ganz bestimmten Vibe erzeugen." Eine andere wichtige Mitstreiterin war Dev Hoff am Fretless Bass, also einem bundlosen Bass. "Ich liebe diese Sound", betont Holter. "Es sollte ein zentrales Element werden. Die Songs versprühen ein sehr fließendes Gefühl, und das schafft man genau mit diesem Bass."

Apropos fließend: Auch der japanische Animestreifen "Ponyo" spielte für die Entstehung eine Rolle, wenngleich eine indirekte. "Das war zu der Zeit der Lieblingsfilm meiner kleinen Tochter. Wir haben den Film oft gesehen, und er hat sich dann irgendwie festgesetzt bei mir." Sie selbst sei mit dem Disney-Klassiker "Arielle" aufgewachsen, "wobei diese Figur ja eigentlich ein eigenartig-sexy Rolemodel ist." Bei "Ponyo" wiederum handle es sich einfach um einen Fisch, der zum Kind wird. "Diese Transformation hat gepasst, weil ich generell verschiedene Transformationen auf dem Album habe." Sie schätze es sehr, "dass wir die Fluidität von Gender heute annehmen, akzeptieren und schätzen können".

Übergänge und Veränderungen spielen sicherlich auch bei Holter eine Rolle, allen voran wenn man sich ihre künstlerische Entwicklung seit dem Debüt "Tragedy" (2011) und ihrem Durchbruch mit "Ekstasis" (2012) vor Augen führt. Nicht zuletzt mit "Aviary" habe sie "alle meine Musikfantasien gleichzeitig realisiert. Es fühlte sich nach der Tournee so an, als ob ich alles gemacht hätte, was ich mir je vorgenommen habe", lacht sie. "Das war ein sehr neues Gefühl." Wirklich zurückblicken und reflektieren könne sie aber ohnedies nicht. "Ich bin immer da, wo ich mich gerade befinde." Und diesmal sei es eben die Beschäftigung mit "wahrer, tief empfundener Liebe" gewesen. "Selbst wenn ich das erst im Nachhinein erkannt habe. Diese Platte sitzt einfach tief in mir drin."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - https://juliaholter.com)