APA - Austria Presse Agentur

Kafka-Jahr: Fulminante "Verwandlung" im Akademietheater

Sie wollte keine Metaphern auflösen und keine offenen Fragen beantworten: Mit dieser Prämisse hat sich die deutsche Regisseurin Lucia Bihler, die im Vorjahr mit "Die Eingeborenen von Maria Blut" einen fulminanten Erfolg am Akademietheater gefeiert hatte, nun im gerade anlaufenden Kafka-Jahr der Erzählung "Die Verwandlung" angenommen. Herausgekommen ist das Bild einer in einem unendlichen Loop festhängenden Entfremdung. Ein grandioser, heftig akklamierter Abend.

In schlichtem Schwarz, das wellige Haar mit Pomade an der Stirn festgeklebt, wagt er sich auf die Bühne und stellt sich vor ein Mikrofon. Doch es kommt kein Ton heraus. Erst, als er in vierfacher Ausführung vor dem wartenden Publikum steht, kommen dem Autor Franz Kafka am Samstagabend im Akademietheater die ersten Worte über die Lippen: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte ...", tönt es im Chor, der sich bald zu einem Kanon entspinnt. Und dann hebt sich die schwarze Wand und gibt den Blick auf ein dreidimensionales expressionistisches Gemälde frei: Ein schlicht eingerichtetes, quietschbuntes Schlafzimmer, in dem gerade jener schicksalhafte Morgen anbricht, der das Leben der Familie Samsa für immer verändern wird.

Für ihre 90-minütige Inszenierung haben Lucia Bihler, die am morgigen Montag ihren 36. Geburtstag feiert, ihre Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert und Kostümbildnerin Victoria Behr ein Gesamtkonzept geschaffen, das den Abend auch als Standbild attraktiv machen würde. Basierend auf Werken des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner haben sie sich für die Ästhetik eines Zeitgenossen Kafkas entschieden: Blau-grüne Wände, knallrote Decke und Fußboden, im Fluchtpunkt der leicht abgeschrägten Guckkastenbühne ein Fenster als Tor zu einer Außenwelt, die Gregor Samsa nie wieder betreten wird. Denn, wie geht der erste Satz von Franz Kafkas Erzählung zu Ende? "... fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt."

Dass das Tierische, also der Käfer, in ihrer Inszenierung keine reale Entsprechung erfahren würde, hatte Bihler bereits vorab im APA-Interview angekündigt: "Es geht gar nicht so sehr um ein Tier konkret, sondern darum, dass jemand anderer sagt 'Du bist kein Mensch mehr', oder er selbst das denkt." Und so erwacht Gregor Samsa (Paulina Alpen) in einem überdimensionierten, an den Schultern bis zu den Ohren hochgezogenen orangen Frack und versucht in einer berührenden Szene erstmal herauszufinden, wie man sich in dem neuen Körper überhaupt bewegen kann. Nach und nach taucht die Familie auf: Dafür schlüpfen Stefanie Dvorak als Schwester, Dorothee Hartinger als Mutter und Philipp Hauß als Vater in ebenso quietschbunte Kostüme und verbergen ihre Köpfe hinter überdimensionalen Masken, wie man sie bereits aus "Die Eingeborenen von Maria Blut" kennt. Ihre zaghaften Versuche, mit Gregor in Verbindung zu treten, scheitern bald und werden von dem Wunsch abgelöst, das im Zimmer versteckte Ungeziefer möglichst bald loszuwerden, wie man bei ihren Gesprächen, die sie vor der geschlossenen Zimmertür an der Bühnenrampe führen, bald erkennt.

Quasi als Verbündeter steht Jonas Hackmann als erzählender Autor seiner Figur weiterhin bei. Mal führt er eine Miniaturversion Gregor Samsas als Puppe über die Bühne, mal schleicht er sich heimlich ins Zimmer, um ihm nahe zu sein. Den ersten Satz wiederholt er dabei im Laufe des Abends immer wieder, zögernd, gebrochen, fast als hätte er ein schlechtes Gewissen, seine Hauptfigur in diese Lage gebracht zu haben. Das Publikum beobachtet Samsa dabei, wie er sich zunehmend mit seiner Situation abfindet, mit dem Kippen der Perspektive gibt das Bühnenbild ihm sogar die Möglichkeit, die Wände entlang zu krabbeln. Und weil Lucia Bihler ohnehin gern stark in Texte eingreift, hat sie dieser berühmten Erzählung auch ein alternatives Ende verpasst. Es sei nur soviel verraten: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte ..."

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Die Verwandlung" nach Franz Kafka im Akademietheater. Mit Paulina Alpen, Stefanie Dvorak, Jonas Hackmann, Dorothee Hartinger und Philipp Hauss. Regie: Lucia Bihler, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Victoria Behr. Weitere Termine am 24. und 27. Jänner sowie am 3., 10. und 28. Februar. www.burgtheater.at)